Gastgeber gewinnen selten auf der eigenen Party. Wer die Gäste bewirtet, räumt nicht auch noch die Preise ab. So will es der gute Ton. Am Abend des 23. Juni hat Frankfurt sich nicht daran gehalten. Zum zweiten Mal richtete die Stadt die Sterne-Gala des Guide Michelin im Gesellschaftshaus des Palmengartens aus. Und die Gastgeberstadt sammelte nach Jahren der Stagnation an einem einzigen Abend fünf neue Sterne ein, verteilt auf drei Häuser. Zwei davon sprangen aus dem Stand auf zwei Sterne. So etwas hebt der Guide sonst für ganze Karrieren auf, nicht für Premieren.

Den größten Coup landete Jochim Busch. Sein Restaurant Rausch am Reuterweg im Westend bekam auf Anhieb zwei Sterne, und zwar an genau der Adresse, an der Busch zuvor das „Gustav“ zu zwei Sternen geführt hatte. Die Sterne sind geblieben, nur das Türschild hat gewechselt. Michelin lobt eine „klare moderne Küche“, ausdrucksstark und kontrastreich, „aber nie überladen“. Vier oder fünf Gänge, mehr Regie braucht es nicht.

Ebenfalls von null auf zwei kam das The Dune im Luxushotel The Florentin, der früheren Villa Kennedy in Sachsenhausen. Küchenchef Niclas Nußbaumer stand erst seit April auf der Empfehlungsliste des Guide. Gut zwei Monate später hält er zwei Sterne in der Hand. Die Inspektoren nennen die Küche „urban und kosmopolitisch“, technisch versiert, mit „wunderbar harmonischen Aromen“.

Und dann ist da Mario Lohninger, den Frankfurt seit Langem kennt. Sein Lohninger in der Schweizer Straße trägt nun einen Stern, für eine Küche, in der die österreichische Heimat auf asiatische und mediterrane Einflüsse trifft. Berühmt wurde das Haus ausgerechnet für etwas Bodenständiges: ein Wiener Schnitzel, das Drei-Sterne-Koch Christian Bau einmal „das beste Wiener Deutschlands“ nannte. Der Stern gilt dem Rest der Karte.

Damit hat Frankfurt jetzt zehn Häuser mit mindestens einem Stern. Andreas Kroliks Lafleur im Palmengarten, ein Jahrzehnt lang die einsame Zwei-Sterne-Adresse der Stadt, bildet mit Rausch und The Dune plötzlich ein Triumvirat. Nur einer zahlte an diesem Abend Lehrgeld: Das Carmelo Greco verlor seinen Stern. Auch das gehört zur Mechanik.

Frankfurt war vielleicht der lauteste Gewinner des Abends, aber nicht der einzige. Die Sterne verteilten sich über die ganze Republik. 

Sterne-Himmel über der Elbe

In Hamburg ging es ruhiger zu, aber nicht ereignislos. Der Drei-Sterne-Himmel über der Stadt blieb klar: Kevin Fehlings The Table in der Hafencity verteidigte die Höchstwertung, die der Koch seit elf Jahren hält. Christoph Rüffers Haerlin im Hotel Vier Jahreszeiten bestätigte den dritten Stern, den es erst im Vorjahr errungen hatte. „Eine ganz besondere Wertschätzung“, sagte Rüffer und meinte vermutlich auch die Erleichterung. Einen dritten Stern zu bekommen ist schwer. Ihn zu behalten ist Arbeit.

Auch das 100/200 Kitchen an den Elbbrücken und das Lakeside an der Außenalster hielten ihre zwei Sterne. Das zweifach besternte Bianc in der Hafencity verlor beide Sterne. Nach dem Abschied von Küchenchef Matteo Ferrantino Ende 2025 musste das Haus sie abgeben, der Nachfolger hat sie noch nicht zurückgekocht.

Dafür stieg in Eimsbüttel etwas Neues auf: das Arc, einst als Pop-up gestartet und seit 2024 fest an einer Adresse, holte seinen ersten Stern. Michelin schwärmt von Speisen, die „auf den ersten Blick vielleicht schlicht erscheinen, aber voller Facetten und Details stecken“. Etwa ein butterzartes Filet von der Bachforelle mit Champignons, Meerrettich und einer aromatischen Pilzsauce. So bleibt Hamburg bei sechzehn Sternerestaurants: zweimal drei, zweimal zwei, zwölfmal einer. Am Ende steht die Stadt fast dort, wo sie im Vorjahr stand. Nur die Namen sind getauscht.

Quer durch die Republik

Den schönsten Sprung außerhalb Frankfurts machte München. In der BMW-Welt katapultierte sich The Cloud by Käfer aus dem Stand auf zwei Sterne. Küchenchef Jens Madsen kocht dort, was der Guide „Culinary Nomadism“ nennt: Jedes Jahr nimmt er sich eine andere Weltregion vor und setzt ihre Zutaten in Szene. Für das Konzept gab es obendrauf den Titel „Opening of the Year“, die Auszeichnung für die beste Neueröffnung.

In Köln holte das NeoBiota einen neuen Stern, eines von bundesweit zwanzig Häusern, die in diesem Jahr erstmals einen tragen. Am ungewöhnlichsten fiel die Entscheidung im badischen Rust aus. Dort bekam das Eatrenalin im Europa-Park einen Stern. Das Restaurant schickt seine Gäste in selbstfahrenden Sesseln durch wechselnde Räume, Gourmetküche im Freizeitpark, vom Guide ausdrücklich fürs Konzept geadelt. Der Park hat damit zwei Sterneadressen, beide unter der Regie von Peter Hagen-Wiest: das Eatrenalin und das zwei Sterne schwere Ammolite.

Das Eatrenalin in Rust kocht auf hohem Niveau und hat seit 2026 auch einen Michelinstern
Das Eatrenalin in Rust kocht auf hohem Niveau und hat seit 2026 auch einen Michelinstern | Bildquelle: Eatrenalin / Europapark Rust

 

Sterne gingen außerdem nach Saarburg, wo der gerade Mitte zwanzig Jahre alte Axel Boesen vom Dopamin den Nachwuchspreis des Guide holte, und nach Mannheim, wo das The Tourist Trap seine Gäste auf einem historischen Museumsschiff auf dem Neckar bewirtet. Dazu kamen neue Adressen in Bonn, Essen und Stuttgart.

Warum Sterne auf- und untergehen

Womit wir bei der Frage wären, warum Sterne überhaupt aufsteigen und verglühen wie an einem launischen Himmel. Die Antwort beginnt mit einer Pointe der Industriegeschichte. Hinter dem wichtigsten Restaurantführer der Welt steht ein französischer Reifenhersteller, der vor über hundert Jahren die Leute aufs Gas und auf die Straße treiben wollte. Je mehr Kilometer, desto mehr Reifen. Die ersten Sterne für die feine Küche vergab Michelin 1926, nach Deutschland kamen sie 1966. Das System feiert hierzulande gerade seinen sechzigsten Geburtstag.

Die Regeln sind streng und unsentimental. Rund zwei Dutzend Tester sind in Deutschland anonym unterwegs, mehrfach, und bewerten nach immer denselben Kriterien: Produktqualität, Handwerk, eine erkennbare Handschrift, Preis-Leistung und, die härteste Disziplin, gleichbleibende Qualität über die Zeit. Ein Stern ist deshalb kein Besitz, sondern eine Leihgabe auf Widerruf. Wer seinen Küchenchef verliert, verliert oft den Stern. Wer schließt, verliert ihn ganz.

Das erklärt die Bilanz des Jahrgangs 2026: 339 Häuser mit mindestens einem Stern, zwei weniger als im Vorjahr. Zwölf mit drei, 48 mit zwei, 279 mit einem. Der einzige neue Drei-Sterne-Koch sitzt übrigens in keiner dieser Städte, sondern im Pfälzer Weindorf Deidesheim: Daniel Schimkowitsch vom L.A. Jordan, einer von nur 159 Köchen weltweit mit der Höchstnote. Dass die Zahl der Drei-Sterne-Häuser trotzdem bei zwölf bleibt, liegt an einem Abgang. Das Aqua in Wolfsburg schloss nach einem Vierteljahrhundert. Ein Stern kommt in der Provinz hinzu, einer verschwindet aus der Autostadt. Der Himmel sortiert sich neu, voller wird er nicht.

Eine Konstante blieb dem Abend doch erhalten, eine unschöne. In keiner der Restaurant-Kategorien zeichnete der Guide eine einzige Frau aus. Die einzige Preisträgerin, Karin Weißer aus dem Aachener Sankt Benedikt, erhielt den Service Award. Auch bei den neuen Restaurants mit Stern waren Frauen deutlich in der Unterzahl. Ein Guide, der eine Shiso-Vinaigrette blind erschmeckt, tut sich mit den Frauen am Herd weiterhin erstaunlich schwer.

Am Ende war es ein Abend der Bewegung: hier ein Aufstieg, dort ein Absturz, in der Provinz die größte Überraschung. Der Guide verteilt eben keine Trophäen. Er verteilt Jahresverträge. Im nächsten Juni zählt er von vorn.