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Minuszinsen „Die Investoren müssen sich an negative Renditen gewöhnen“

Mehr als vier Monate nachdem die Europäische Zentralbank mit ihrem Programm zum Ankauf von Aktiva begonnen hat, liegt die Rendite von Euroraum-Staatspapieren im Volumen von umgerechnet 1,4 Billionen Dollar unter Null, wie sich aus Bloomberg-Daten ergibt. Das entspricht 22 Prozent des Marktes.

„Die Investoren haben keine Wahl: sie müssen sich an negative Renditen gewöhnen“, sagte Ciaran O’Hagan, Leiter europäische Zinsstrategie bei Société Générale in Paris. „Sie sind nicht länger eine Anomalie. Diesmal werden sie, glaube ich, länger niedrig bleiben.“

Die Renditen zweijähriger französischer Papiere rutschten am 6. August unter die Marke von Minus 0,2 Prozent, die die Europäische Zentralbank den Banken in Rechnung stellt, wenn sie überschüssige Barmittel über Nacht bei ihr parken. Deutsche Bundesanleihen mit Laufzeiten bis zu vier Jahren rentieren unter Null.

Ein Investor, der eine Anleihe mit negativer Rendite bis zur Fälligkeit hält, gibt im Endeffekt ein Teil seines Geldes her. Die Gegenleistung besteht darin, dass die investierte Summe sicherer ist als riskantere Anlagen, die in stärkerem Ausmaß vom Wohlergehen von Unternehmen oder Staaten abhängen.

Der Internationale Währungsfonds bescheinigte dem Euroraum in einem Bericht vom 27. Juli einen gedämpften Konjunkturausblick mit einem Wachstumspotenzial von nur noch einem Prozent im Jahr. Eine „chronische“ Nachfrageschwäche und niedrige Produktivität seien die Ursachen.

„Vielleicht ist der Markt nicht überzeugt von der Erholung und der Rückkehr der Inflation“, sagte Elwin de Groot, leitender Marktökonom bei der Rabobank International in Utrecht. „Dass ein beträchtlicher Teil der Kurve negative Renditen aufweist, ist dieser Ungewissheit zuzuschreiben.“

Der Trend bei den Renditen von Bundesanleihen entspricht nicht dem, was in den USA geschah als die dortige Notenbank die Konjunktur unter anderem mit dem Ankauf von Anleihen mittels quantitativer Lockerung stützte. Die zweijährigen US-Anleihen warfen während der gesamten Dauer der Fed-Maßnahmen eine positive Rendite ab.

Während zweijährige Bundesanleihen im April auf eine Rendite von minus 0,29 Prozent fielen, betrag das Rekordtief bei Treasuries vergleichbarer Dauer 0,14 Prozent - ein Wert, der im September 2011 erreicht wurde, als die Fed die zweite Phase der quantitativen Lockerung beendet hatte.

Staatsanleihen aus der Eurozone mit Laufzeiten zwischen einem und drei Jahren brachten nach Merrill Lynch-Indizes zwischen Ende Juni und dem 6. August 0,3 Prozent.

Der Bloomberg Eurozone Sovereign Bond Index verzeichnete im Juli mit 2,4 Prozent sein größtes Plus seit April 2013. Die wiedererwachte Beliebtheit von Staatsanleihen aus der Eurozone, einschließlich solcher ohne Rendite, wurde von anderen Indikatoren gestützt, die auf ein Absinken der Inflationserwartungen und einen sich verschlechternden Wachstumsausblick deuten. Die Einzelhandelsumsätze in der Region brachen im Juni so stark ein wie seit neun Monaten nicht mehr, zeigten Zahlen aus der vergangenen Woche.

Ein Marktbarometer, den EZB-Präsident Mario Draghi als Gradmesser für den Inflationsausblick des Euroraums betrachtet, ist auf den tiefsten Wert seit Mai gefallen. Der 5-Jahres- Forward des 5-jährigen Inflations-Swaps lässt mit 1,73 Prozent nicht erwarten, dass die EZB ihr Ziel einer Inflationsrate von 2 Prozent erreichen wird.

„Es herrscht die Wahrnehmung vor, dass die Europäische Zentralbank ihr Ankaufprogramm mindestens bis September nächsten Jahres weiterführen wird“, sagte Mike Amey, Fondsmanager bei Pacific Investment Management in London, im Interview mit Bloomberg Television.
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