Robert Halver über Frankreich Mit Macrons Wiederwahl hat Europa nur Zeit gewonnen
Leider haben sich in den letzten Jahren auch deutsche Politiker nicht mit Reform-Ruhm bekleckert. Ach, was wäre nicht alles erreichbar gewesen, wenn der deutsch-französische Motor den europäischen Karren Richtung Innovation, Energiesicherheit, intakter Infrastruktur und auch Klimaschutz gezogen hätte, der nicht nur ideologisch, sondern als neues langfristiges Geschäftsmodell Europa funktionieren würde. Wir haben viel zu viel nach Amerika und China abwandern lassen.
Stattdessen wird die EZB immer mehr zum ultimativen Krisenlöser in Europa aufgebaut. Unter der Führung von Christine Lagarde wird mit französischer Revolutionsleidenschaft unverhohlen Staatsfinanzierung betrieben. Das macht faul, weil man sich nicht bewegen muss. Der Fortschritt bleibt auf der Strecke.
Die Währung gilt als Aktienkurs eines Landes oder einer Region. Insofern fällt der gegenüber dem US-Dollar schwache Euro ein schwaches Urteil über Europas Zukunftsaussichten. Man mag jetzt einwenden, dass dies Folge einer restriktiveren Zinspolitik der Fed ist. Ja, aber Amerika kann sich aufgrund seiner Wirtschaftsstärke eben höhere Zinsen leisten.
Auch Europa hat Potenzial und Talente. Doch statt Europa sozusagen zu einem wirtschaftspolitischen Feinschmeckerrestaurant zu machen, wird uns leider nur Pommes rotweiß serviert. Mangelnde kulinarische Köstlichkeiten locken aber wohl kaum Investoren nach Europa, die sich als Gourmets die schmackhaftesten Standorte aussuchen können.
Europa läuft die Zeit weg. Wenn wir nicht aufpassen, werden selbst Pommes Frites zum Luxusgut.

Über den Autor:
Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse der Baader Bank in Frankfurt und ist damit für die Einschätzung der internationalen Finanzmärkte zuständig. Der erfahrene Kapitalmarkt- und Börsenkommentator ist durch seine regelmäßigen Medienauftritte bei Fernsehsendern und Radiostationen einem breiten Anleger- und Finanzpublikum bekannt.
