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Wie sich ein Teenager zum Milliardär hocharbeitete

Frank Hasenfratz bekam seinen ersten Vorgeschmack auf das Unternehmerdasein als Teenager im Budapest der Nachkriegsjahre. Damals reparierte er Motorräder - mit selbst gebauten Ersatzteilen in einem Land und zu einer Zeit, in der es an allem mangelte. Er verdiente sich auch ein wenig Geld dazu, indem er die Motorräder solange verlieh, bis die Besitzer sie wieder abholten.

Alles änderte sich, als die Sowjetunion 1956 in Ungarn einmarschierte, um einen antikommunistischen Aufstand zu ersticken. Hasenfratz kämpfte gegen die rote Armee und floh dann aus seinem Heimatland, um einer Verhaftung zu entgehen. Im Jahr 1957 kam er schließlich in Kanada an.

Dort gründete er im Keller seines kleinen Hauses in der Provinz Ontario seine erste richtige Firma - rund sieben Jahre nach dem Verlassen seines Heimatlandes. Heute ist Linamar der zweitgrößte Autozulieferer in Kanada. Mit der jüngst wieder angestiegenen Autonachfrage kletterte auch die Aktie seines Unternehmens über 18 Monate hinweg - und machte den 79-Jährigen zu einem Milliardär.

Hasenfratz kontrolliert mit Stand vergangener Woche rund 23,6 Prozent an Linamar im Gegenwert von 840 Millionen Dollar. Zudem hält er Optionen, die weitere 19 Mio. Dollar wert sind. Zusammen mit den Zuflüssen aus Aktienverkäufen und aus Dividenden sowie anderen Vermögenswerten kommt er auf ein Netto-Vermögen von mehr als einer Milliarde US-Dollar, wie aus dem Bloomberg Billionaires Index hervorgeht. Bisher ist er noch nie in einem internationalen Reichen-Ranking aufgetaucht.

Der Bloomberg Billionaires Index bildet die weltweit reichsten Menschen ab. Er basiert auf Veränderungen am Markt und in der Wirtschaft insgesamt sowie auf der Berichterstattung von Bloomberg News. Das jeweilige Vermögen der Personen wird geschäftstäglich um 23.30 Uhr deutscher Zeit aktualisiert. Das Ranking nutzt den US-Dollar als Maßstab.

Eine überall einsetzbare Fertigkeit zu haben, ist etwas, das ihn sein Vater lehrte - nachdem die Kommunisten die Familie 1948 gewaltsam aus ihrem Haus vertrieben hatten. “Mein Vater sagte, ’Schaut, die Kommunisten haben uns alles genommen. Ich möchte, dass jeder von Euch ein Handwerk lernt. Ihr müsst ein Handwerk haben, das Euch niemand wegnehmen kann”, erinnert sich Hasenfratz gegenüber Bloomberg News.

Linamar baut Fahrzeugmotoren sowie Getriebe und entwirft und baut Getriebesysteme in neun Fabriken in Nordamerika, Europa und Asien. Zudem ist die Firma mit Sitz in Guelph, Ontario, als Zulieferer für die Bauindustrie aktiv.

Die Vorfahren von Hasenfratz waren Deutsche, die sich Anfang des 18. Jahrhunderts in Ungarn niederließen. Nach relativ friedlichen Jahren wurde die Familie von den Kämpfen zwischen den sich zurückziehenden Deutschen und der an Boden gewinnenden Roten Armee im zweiten Weltkrieg terrorisiert.

Drei Jahre nach Kriegsende wurden sie aus ihrem Haus vertrieben. “Sie nahmen uns all unsere Besitztümer - einfach, weil wir recht hübsche Besitztümer und einen deutschen Namen hatten”, erzählt Hasenfratz. Doch der Verlust des Elternhauses habe nur seinen Willen gestärkt, Erfolg zu haben. “Die Kommunisten nahmen unseren Besitz. Aber weil das passiert ist, habe ich die beste Schule genossen.”

Ein Jahr später, im Alter von 14 Jahren, besuchte er eine technische Schule in Budapest - was zu einer Ausbildung beim Motorenbauer Csonka Janos Gepgyar führte.

Nach der Ankunft in Kanada arbeitete er zunächst in der Werkzeugmaschinenbranche, bevor er seine eigene Firma gründete. Nach dem Ausscheiden seines Gründungspartners nannte Hasenfratz das Unternehmen in Linamar um, einer Kombination der Vornamen seiner beiden Töchter Linda und Nancy und seiner Ehefrau Margaret. Linda machte er 2002 zur Vorstandschefin. Im vergangenen Jahr kündigte sie in einem Interview mit Bloomberg News an, bis 2020 den Umsatz zu verdreifachen auf 10 Milliarden Dollar und einen Gewinn von 1 Milliarden Dollar zu erreichen. Die Ziele erscheinen erreichbar.

Hasenfratz vermeidet nach eigenen Angaben CEO-Meetings, so dass er seiner Tochter nicht in die Quere kommt. Doch er geht noch immer fünf Tage die Woche ins Büro - und manchmal auch in der Früh am Samstag.

“Es gibt keinen besseren Ort für mich”, sagt er. “Es macht mir großen Spaß.”

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