Die Nachricht kam am Freitagabend wie ein Donnerschlag. Moody's – die letzte der drei großen Ratingagenturen, die den USA noch Bestnoten gegeben hatte – stufte die Kreditwürdigkeit des Landes herab. Von „Aaa“ auf „Aa1“, eine Note, auf der sich jetzt auch Österreich und Finnland wiederfinden. Für Donald Trump ist das ein herber Schlag, aber wohl kaum eine Überraschung. Der US-Dollar rauscht in die Tiefe, die Renditen für Staatsanleihen klettern Richtung 5 Prozent. Was tut Trump? Er beschimpft den Überbringer der Nachricht.

Das Weiße Haus reagierte wie ein trotziges Kind. Kommunikationsdirektor Cheung attackierte prompt einen Moody's-Ökonomen als „politischen Gegner“, der an der Bewertung nicht mal beteiligt war. Fakten? Überflüssig.

Dabei ist die Herabstufung eigentlich nur der späte Nachhall dessen, was jeder weiß, der rechnen kann: Die USA wirtschaften seit Jahren über ihre Verhältnisse. Das Haushaltsdefizit liegt bei rund zwei Billionen US-Dollar jährlich – oder mehr als sechs Prozent des BIP. Die Gesamtverschuldung nähert sich mit 36,2 Billionen US-Dollar schwindelerregenden 121 Prozent des BIP.

 

Die Zinslast entspricht heute schon dem Bruttoinlandsprodukt Israels. Bis 2035 werden allein die Zinszahlungen 30 Prozent der Staatseinnahmen verschlingen.

Erinnern Sie sich noch an den Kandidaten Trump, der 2016 versprach, die komplette US-Staatsverschuldung in acht Jahren zu tilgen? Ich auch. In seiner ersten Amtszeit kamen stattdessen 8 Billionen US-Dollar dazu. Seine brillante Lösung jetzt: noch mehr nicht gegenfinanzierte Steuersenkungen.

Die Fata Morgana der Finanzpolitik

Finanzminister Scott Bessent tut die Herabstufung als bedeutungslos ab. Die Steuersenkungen würden schon für ausreichendes Wachstum sorgen. Da ist sie wieder, die Laffer-Kurve, die Fata Morgana der Finanzpolitik – immer am Horizont schimmernd, aber nie erreichbar.

Die Republikaner, einst stolz auf fiskalische Disziplin, sind zur Partei des „Après nous le déluge“ geworden. Doch auch die Demokraten sind nicht besser. Auch sie haben in ihren Regierungsjahren die Ausgaben munter erhöht, ohne zusätzliche Einnahmen zu schaffen. Die Staatsverschuldung steigt und steigt, und die wenigen verbliebenen Falken, die davor warnen, werden als Spielverderber abgetan. 

Aber wir wissen ja: In Washington gibt es keine Parteien mehr, sondern nur noch Interessengruppen. Der tief gespaltene Kongress kann sich auf nichts einigen, schon gar nicht auf schmerzhafte Sparmaßnahmen. Moody's sagt es unverblümt: „Aufeinanderfolgende US-Regierungen haben es versäumt, Maßnahmen gegen jährliche Haushaltsdefizite und wachsende Zinskosten zu ergreifen.“

 

Der US-Dollar verliert seinen Status als Leitwährung 

Die bitteren Früchte dieser Politik ernten wir jetzt. Inzwischen liegt die Rendite für 30-jährige US-Staatsanleihen bei fünf Prozent – Tendenz steigend. Die Finanzmärkte beginnen, für das Privileg, dem amerikanischen Staat Geld zu leihen, eine ordentliche Risikoprämie zu verlangen. Und der US-Dollar schwächelt. Seit Jahresbeginn hat er gegenüber einem Währungskorb 6,5 Prozent an Wert verloren.

Es ist der Anfang vom Ende des „exorbitanten Privilegs“, wie es Charles de Gaulle einst nannte – jener einzigartigen Stellung des US-Dollars als Weltleitwährung, die es den USA erlaubte, über ihre Verhältnisse zu leben, ohne dafür die üblichen Konsequenzen tragen zu müssen.

Die Märkte werden irgendwann ihre eigene, unbarmherzige Bewertung vornehmen. Wenn der US-Dollar weiter fällt und die Zinsen noch höher steigen, könnte das die ohnehin schwächelnde US-Wirtschaft in eine Rezession stürzen. Trump würde natürlich anderen die Schuld geben – der Fed, China, den Demokraten, böswilligen Ratingagenturen.

 

Amerika ist eine Weltmacht auf Pump

Wenn die aktuelle Haushaltspolitik eines beweist, dann dass die amerikanische Elite den Glauben an die Zukunft des eigenen Landes längst aufgegeben hat. Warum sonst würde man die nächste Generation mit einem solchen Schuldenberg belasten? Es ist, als würde man den Kindern nicht nur ein heruntergekommenes Haus vererben, sondern auch noch einen Berg ausstehender Handwerkerrechnungen.

Das Schlimmste dabei: Es gibt keine Opposition. Keinen starken Gegenpol. Entweder man jubelt Trump zu, oder man stimmt mit Joe Biden & Co. für Schulden in anderen Sektoren. Seriöse Finanzpolitik? Gibt's nicht mehr.

Moody's hat mit seiner Herabstufung nur ausgesprochen, was längst offenkundig ist: Der Kaiser ist nackt. Amerika ist eine Weltmacht auf Pump. Und die Wahrheit ist, dass dieser Bluff immer noch funktioniert – nur eben nicht mehr zum alten Preis.

Die Frage ist nur: Wie hoch werden die Zinsen noch steigen müssen, bis Washington die Botschaft endlich versteht?

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