Von 86 Milliarden Euro auf 237 Milliarden Euro: So stark ist das in Renten-Laufzeitfonds verwaltete Vermögen in Europa zwischen 2022 und Ende 2025 gewachsen. Bis Mitte 2026 hat sich das Wachstum dann nicht fortgesetzt, sondern auf diesem Niveau eingependelt. Eine Analyse von Morningstar zeigt nun, wie stark der Boom auf hohen Gebühren fußt – und wie wenige Belege es für einen tatsächlichen Anlagevorteil gibt.
Laufzeitfonds bündeln Anleihen, die zu einem festgelegten Termin auslaufen. Fondsmanager kaufen die Papiere und halten sie in der Regel bis zur Fälligkeit – Anleger sollen so eine planbare Rendite über einen festen Zeitraum erhalten, ähnlich wie bei einer Einzelanleihe, aber breiter gestreut.
Zinswende treibt die Nachfrage
Shannon Kirwin, Senior Principal für Fixed-Income-Strategien bei Morningstar, erklärt die Attraktivität der Produkte so: „Ihre Anziehungskraft ist leicht nachzuvollziehen: Sie versprechen einen festen Anlagehorizont und die Möglichkeit, Renditen zu einem Zeitpunkt festzuschreiben, in dem Erträge wieder attraktiv geworden sind.“
Das Ende der Nullzinsphase 2022 löste einen regelrechten Ansturm aus: Allein 2023 flossen 66,1 Milliarden Euro in die Produktkategorie. Ein Rekordwert. In den Folgejahren ließ das Tempo nach, weil Notenbanken die Zinsen wieder senkten – 2024 kamen noch 43,9 Milliarden Euro hinzu, 2025 waren es 24,9 Milliarden Euro. Nachdem die Europäische Zentralbank im September 2026 erneut die Zinsen angehoben und einen restriktiveren Kurs für die kommenden Monate signalisiert hat, könnte sich das Bild wieder drehen.
Gebühren kaum günstiger als bei klassischen Fonds
Wer auf ein Schnäppchen hofft, wird laut Morningstar oft enttäuscht. Der typische aktiv gemanagte Laufzeitfonds verlangt 0,81 Prozent Verwaltungsgebühr pro Jahr – mehr als die 0,58 Prozent, die im Median für einen klassischen Euro-Unternehmensanleihenfonds anfallen. Bei 355 Fonds liegt mindestens eine Anteilsklasse sogar über 1 Prozent.
Bemerkenswert ist die Gebührenhöhe auch angesichts der Fondskonstruktion: Weil Laufzeitfonds als Buy-and-Hold-Produkte gelten, benötigen sie eigentlich weniger laufende Überwachung und Einzeltitelanalyse als reguläre aktive Fonds.
Hinzu kommen in einzelnen Märkten versteckte Zusatzkosten: In Italien etwa werden häufig Platzierungsgebühren von mehr als 2 Prozent fällig, bevor das Geld überhaupt investiert wird. Losgelöst von einzelnen Ländern verlangen zudem 179 aktiv gemanagte Fonds in der Kategorie Rücknahmegebühren von 2 bis zu 5 Prozent, um einen vorzeitigen Ausstieg zu erschweren.
Passive Anbieter drängen in den Markt
Während aktive Anbieter den Markt dominieren, wächst das Segment passiver Laufzeitfonds-ETFs rasant: von 2,2 Milliarden Euro im Jahr 2023 auf 14 Milliarden Euro im Juni 2026. Die durchschnittliche Gebühr liegt bei nur 0,12 Prozent – ein Bruchteil dessen, was aktive Anbieter verlangen. Marktführer ist iShares mit einem Anteil von 87,6 Prozent unter den passiven Produkten.
Wie stark sich das Kräfteverhältnis verschiebt, zeigt das erste Halbjahr 2026: Den passiven Laufzeitfonds-ETFs flossen rund 2,2 Milliarden Euro zu, während aktive Fonds trotz ihres viel größeren Marktanteils nur etwa 225 Millionen Euro einsammelten.
Trotzdem bleibt der Anteil der Passivprodukte am Gesamtmarkt mit 6 Prozent klein. Der Grund: In den größten Märkten – Italien, Spanien und Frankreich, die zusammen 58,2 Prozent aller Vermögenswerte in Laufzeitfonds stellen – dominieren provisionsbasierte Berater und Bankvertriebe den Absatz. Das erschwert die Verbreitung günstigerer Alternativen.
Nur jeder zweite Fonds schlägt den Vergleichsindex
Ob sich der höhere Preis lohnt, ist fraglich, wie Morningstar resümiert. Von mehr als 1.300 auf Euro lautenden Laufzeitfonds, die bis Mitte 2026 ausgelaufen waren, übertraf über ihre gesamte Laufzeit nur knapp die Hälfte – 49 Prozent – die Kategorie Euro-Unternehmensanleihen.
Die Ergebnisse schwanken je nach Laufzeit deutlich: Fonds mit ein bis zwei Jahren Laufzeit blieben im Schnitt 1,5 Prozentpunkte hinter der Vergleichskategorie zurück, mutmaßlich weil hohe Gebühren im niedrig verzinsten kurzen Laufzeitbereich stärker ins Gewicht fallen. Fonds mit drei bis fünf Jahren Laufzeit – gut die Hälfte aller Fonds im Datensatz – lagen mit ihnen nahezu gleichauf und übertrafen den Index im Schnitt nur um 8 Basispunkte.
Erst die beiden längsten Laufzeit-Kohorten schnitten spürbar besser ab: Fonds mit sechs bis sieben Jahren Laufzeit übertrafen den Vergleichsindex um 60 Basispunkte, Fonds mit acht bis zehn Jahren um 73 Basispunkte. Beide Gruppen enthalten einen höheren Anteil institutionell vertriebener, tendenziell günstigerer Fonds.
Kreditrisiko wird oft unterschätzt
Nach Einschätzung von Morningstar werden Laufzeitfonds Privatanlegern häufig als Alternative zu Festgeld oder Einzelanleihen angeboten. Dabei tragen sie oft deutlich mehr Risiko: Der mediane Laufzeitfonds hält 17,7 Prozent seines Vermögens in Hochzinsanleihen. Die durchschnittliche Schwellenländer-Anleihen-Quote der Kategorie liegt zwar unter 5 Prozent, doch einige Dutzend Fonds kommen auf mehr als 20 Prozent.
Zudem bleiben die Portfolios konzentrierter als bei klassischen Rentenfonds: Im Median entfallen 22 Prozent des Vermögens auf die zehn größten Positionen. Die Fonds halten im Median nur 68 Anleihen, verglichen mit durchschnittlich 223 Positionen bei einem aktiven Euro-Unternehmensanleihenfonds.
Auch bei der versprochenen Rendite ist Vorsicht angebracht: Weil ein Teil der Anleihen im Portfolio schon vor dem eigentlichen Laufzeitende fällig wird und die Erlöse dann in niedriger verzinste, kurzfristige Papiere fließen, sinkt die laufende Rendite über die Zeit spürbar.
Bei 75 auf Euro lautenden Laufzeitfonds mit fünf Jahren Laufzeit, die zwischen 2022 und 2026 ausliefen, lag die Rendite bei Auflegung im Schnitt bei 3,1 Prozent, im letzten Jahr nur noch bei 2,6 Prozent, über die gesamte Laufzeit gemittelt bei 3,0 Prozent. Bei einzelnen Fonds fiel die Differenz noch deutlicher aus, etwa beim DWS Fixed Maturity High Yield Bonds 2024, der von 4,4 Prozent bei Auflegung 2019 auf 3,9 Prozent im Laufzeitschnitt fiel.
Italien: Wechsel statt Halten bis zur Fälligkeit
Besonders auffällig sind die Anreizstrukturen in Italien. Dort zahlen Anleger neben der Verwaltungsgebühr oft eine Platzierungsgebühr von mehr als 2 Prozent, die über die Fondslaufzeit verteilt abgerechnet wird.
Trotzdem verlassen viele Anleger die Fonds frühzeitig: Italienische Laufzeitfonds verlieren im Schnitt innerhalb von drei Jahren nach Auflegung mehr als ein Drittel ihres anfänglichen Vermögens durch Abflüsse. Für Berater, die an neuen Platzierungsgebühren verdienen, kann ein früher Wechsel in einen neu aufgelegten Fonds attraktiver sein als das Halten bis zur Fälligkeit – ein Interessenkonflikt, den Morningstar offen anspricht.
Auch wenn deutsche Berater in der Regel anders vergütet werden, zeigt der italienische Fall exemplarisch, wohin verzerrte Vergütungsanreize im Vertrieb führen können.
Kirwin rät Anlegern, genauer hinzuschauen: „Unsere Analyse legt nahe, dass Anleger über das Marketing hinausblicken sollten.“ Für viele Anleger, insbesondere mit langfristigem Anlagehorizont, könne ein kostengünstiger, breit diversifizierter Rentenfonds oder ein entsprechender ETF die bessere Wahl sein.


