Fünf Sterne für den besten Fonds? Was wie eine einfache Orientierungshilfe klingt, prägt mitunter seit 40 Jahren Anlageentscheidungen weltweit. Seit vier Jahrzehnten vergibt Morningstar diese Auszeichnung in den USA, seit fast 25 Jahren auch in Europa, nachdem das Unternehmen Anfang der 2000er hierher expandierte. Doch wie aussagekräftig ist das Rating heute noch? Und was kann es – und was nicht? Der runde Geburtstag ist ein guter Anlass, den Blick zu den Sternen zu richten.
Was die Sterne sagen
„Das Rating ist dafür da, um in einem Universum, in dem es sehr viele Fonds gibt, diese miteinander vergleichbar zu machen. Es soll einen schnellen Überblick darüber liefern, wie sich Fonds in der Vergangenheit geschlagen haben innerhalb ihrer jeweiligen Vergleichsgruppen“, sagt Natalia Wolfstetter, Senior Principal bei Morningstar.
Vergeben werden ein bis fünf Sterne. Die zeigen auf einen Blick, welche Fonds sich in bestimmten Zeiträumen wie entwickelt haben. Bewertet werden der Drei-, Fünf- und Zehn-Jahres-Zeitraum. Zusätzlich gibt es ein Gesamtrating, welches ein gewichteter Durchschnitt dieser anderen Zeiträume ist. Die Verteilung folgt einer festen Formel: Die besten 10 Prozent der Fonds einer Kategorie bekommen fünf Sterne, die schlechtesten 10 Prozent einen Stern. Die jeweils nachfolgenden 22,5 Prozent bekommen vier beziehungsweise zwei Sterne, die mittleren 35 Prozent drei Sterne.
Die Datengrundlage
Entscheidend ist dabei: „Die Grundlage ist die risikoadjustierte Performance – nicht einfach nur die Performance, wie sie auf dem Factsheet steht“, betont Wolfstetter. Ein Fonds, der seine Rendite mit starken Schwankungen erzielt, schneidet schlechter ab als ein vergleichbarer mit ruhigerer Wertentwicklung. „Denn wir gehen davon aus, dass Investoren risikoavers sind und dass es ihnen lieber ist, wenn eine Performance mit möglichst wenigen Schwankungen erzielt wird. Und das soll das Rating widerspiegeln.“
Das Grundkonzept blieb über die Jahre stabil, wurde aber angepasst. Eine größere Änderung kam 2016: Zu diesem Zeitpunkt wurden die Ausgabeaufschläge und Rücknahmeabschläge aus der Berechnung herausgenommen. Der Grund: Die tatsächlich gezahlten Sätze variierten so stark, dass pauschale Annahmen nicht mehr sinnvoll waren. „Davor haben wir einfach geschaut, was die maximalen Sätze im Verkaufsprospekt waren.“ Das sei kostenseitig abgezogen worden, sodass man unterstellt habe, ein Anleger habe den Fonds mit genau diesen Ausgabeaufschlägen gekauft. Doch das habe sich als nicht mehr praktikabel erwiesen.
Helfen Sterne im Vertrieb?
Für das Rating an sich bezahlen die Fondsgesellschaften nichts. Die Bewertung erfolgt automatisch, sobald ein Fonds drei Jahre alt ist und in der Morningstar-Datenbank liegt. In Auftrag gegeben werden kann die Bewertung also nicht. Gebühren fallen erst an, wenn Anbieter die Sterne für Marketingzwecke nutzen – etwa auf Factsheets oder in der Werbung. Oder Drittanbieter die Sterne irgendwo verwenden.
„Das Rating sagt nichts über die Zukunft aus.“
Und das ist zumindest für die Top-Performer verlockend. Schließlich machen sich vier oder fünf Sterne in gut in der Kundenansprache. Die Relevanz zeige sich an den Fondszuflüssen, sagt Wolfstetter: Ein hohes Rating oder eine Aufstufung helfe messbar. „Wenn jemand fünf Sterne sieht, dann klingt das verlockend.“
Schwächen des Ratings
Womit man auch bei einem der größten Kritikpunkte am Sterne-Rating wäre: Das Rating basiert auf vergangener Performance. Morningstar ist sich dessen durchaus bewusst: „Es ist immer ein Blick in den Rückspiegel. Das Rating sagt nichts über die Zukunft aus und berücksichtigt zum Beispiel auch nicht, wenn es Änderungen gab, wie zum Beispiel einen Managementwechsel oder auch Prozessänderungen – soweit sie nicht dazu führen, dass der Fonds in eine andere Kategorie muss.“
Anleger neigen dennoch dazu, vergangene Performance in die Zukunft zu projizieren – obwohl es dafür keine Garantie gibt. „Wir betonen immer, dass das Rating nicht das alleinige Auswahlkriterium sein kann, dass man weitere Informationen hinzuziehen sollte“, mahnt Wolfstetter.
Oft würden quantitative Screenings verwendet und geschaut, was hat sich gut geschlagen. „Aber das ist nicht ausreichend, man muss dann ein bisschen tiefer bohren und schauen: Woran hat es denn eigentlich gelegen? Kann man davon ausgehen, dass das vielleicht in Zukunft auch wiederholbar ist oder nicht? Darüber sagt das Sterne- Rating nichts.“ Es könne lediglich ein Startpunkt sein, um die Fondsauswahl zu strukturieren.
Was sagt die Branche dazu?
Das wird auch in der Branche so gesehen. Grundsätzlich sei es ein interessantes Rating – aber man müsse auch dessen Grenzen kennen. Die nicht nur darin liegen, dass es durch den Blick auf die vergangene Performance keine Prognosekraft hat. „Es ist ein schnelles, hilfreiches Instrument, um sich einen Überblick über Fonds innerhalb einer Peer-Group zu verschaffen“, urteilt Maximilian Kreitlmeier, Teamleiter Portfoliomanagement und Analyse Investment bei Fonds Finanz.
Die Methodik sei grundsätzlich solide, da neben der Wertentwicklung auch Risiko und Kosten einfließen. „Das ergibt ein umfassenderes Bild, als wenn man nur auf die Performance der letzten drei oder fünf Jahre schaut.“ Aber: „Man muss aber wissen, wie das Sterne-Rating funktioniert, sonst kann es einen zu Entscheidungen verleiten, die man im Nachhinein nicht treffen wollte.“
Und er weist noch einmal mit Nachdruck auf einen weiteren Punkt hin, der beachtet werden sollte, um nicht zum Fallstrick zu werden: „Es kommt sehr stark auf die Vergleichskategorie an.“ Das sei entscheidend. „Drei Sterne in Kategorie X sind nicht vergleichbar mit drei Sternen in Kategorie Y, weil es immer nur eine relative Betrachtung innerhalb der Peer-Group ist.“
Max Dundar, Portfolio Manager bei Rheinische Portfolio Management, sieht das System ebenfalls als eine „gute relative Bewertung, die man aber mit Vorsicht genießen sollte“. Das Schlüsselwort sei „relativ“. Denn ebenso müsse darauf geachtet werden, wie sich diese Kategorien zusammenstellen, ob sie einheitlich und vor allem homogen seien.
Sein Hauptkritikpunkt: fehlerhafte Zuordnungen. „Viele risikoreichere Fonds sind in risikoärmeren Kategorien eingeordnet und umgekehrt.“ Der Grund: Morningstar schaue primär auf den Aktienanteil, erfasse aber Derivate wie Futures oder Optionen oft nicht korrekt.
Das werde nicht immer ersichtlich in den Holdings dargestellt und zählt dann in der Regel nicht zu Netto-Aktienexposure. „Deswegen ,denkt‘ Morningstar, das Risikoprofil ist geringer oder höher, obwohl es sich stark von anderen Bewerbern unterscheidet.“ Bei engen oder spezifischen Morningstar-Kategorien würde so ein Marathonläufer mit einem Schachspieler verglichen und nach derselben Performance-Metrik bewertet. Aber man dürfe eben auch nicht zu viel erwarten: „Es ist nur ein Tool für die Selektion innerhalb einer Assetklasse und soll helfen, grob die Spreu vom Weizen zu trennen.“
„Es kommt sehr stark auf die Vergleichskategorie an.“
Harte Kritik vom Selektor
Manche Experten gehen noch weiter. Ferdinand Haas, Geschäftsführer von Portfolio Generator, sieht in dieser Art der Bewertung einen negativen Anreiz: Das System fördere aggressives Management, weil nur so die nötige Outperformance für fünf Sterne erreichbar sei. „Kosten werden viel zu wenig berücksichtigt, obwohl sie der verlässlichste Prognosefaktor sind. Gerade teure Produkte konnten jahrelang scheinbar glänzen, obwohl sie Anlegern am Ende oft wenig genützt haben.“
Ähnlich kritisch äußert sich Georg Kornmayer, Geschäftsführer von Fondsnet. Wer fünf Sterne erreichen wolle, müsse höher ins Risiko gehen. „Wer diszipliniert arbeitet und eng an der Benchmark bleibt, hat es dagegen schwer.“
Das Urteil
Entsprechend einhellig ist das Urteil der Fondsselektoren: In ihrer eigenen täglichen Arbeit spielt das Sterne-Rating keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle. Fonds Finanz, Rheinische Portfolio Management oder Fondsnet setzen auf ihre eigene Recherche bei der Selektion.
Trotzdem behalten sie die Sterne im Blick. „Es ist für uns immer eine zweite Meinung. Meistens schnappt man noch zusätzliche Informationen auf, die einem selber entgangen sind oder auf dem Kommunikationsweg verloren gegangen sind“, betont Kreitlmeier. Wenn ein Fonds plötzlich fünf Sterne erhalte, sorge das durchaus für Aufmerksamkeit. „Normalerweise haben wir solche Fonds vorher schon auf dem Schirm, aber es weckt das Interesse, ob wir etwas verpasst haben“, ergänzt Dundar.
Fünf Sterne für den besten Fonds? Nach vier Jahrzehnten lautet die ehrliche Antwort: Jein. Die Sterne zeigen, wer gestern glänzte – nicht wer morgen strahlt. Vielleicht ist das nach 40 Jahren die wichtigste Erkenntnis: Auch Sterne sind nur Wegmarken, keine Wegbereiter.

