Wer vor zwölf Monaten in einen Value-ETF investierte, wollte vermutlich eines nicht: ein konzentriertes Halbleiterportfolio. Und bekam es trotzdem. Der iShares Edge MSCI World Value Factor ETF (ISIN: IE00BP3QZB59) – mit gut 6 Milliarden Euro das größte Produkt seiner Kategorie – legte im Zwölfmonatszeitraum bis Mai 2026 rund 50 Prozent zu. Der Nasdaq 100 blieb dahinter. Der MSCI World sowieso.
Der Treiber dieser Outperformance: Micron Technology mit einem Kursanstieg von mehr als 640 Prozent auf ein Jahr, Intel mit gut 400 Prozent, Cisco mit rund 85 Prozent. Die Sektoren Informationstechnologie und Kommunikation stellen inzwischen rund 45 Prozent des Fonds. Das ist nicht das, was man gemeinhin unter „Value“ versteht.
Die Methodik macht den Unterschied
Das Fundament dieser Entwicklung liegt in der Indexkonstruktion. Der Fonds bildet den MSCI World Enhanced Value Index ab, und der funktioniert grundlegend anders als ein klassischer Value-Ansatz nach Fama-French-Tradition. Traditionelle Value-Indizes sortieren das gesamte Anlageuniversum nach Bewertungskennzahlen: günstige Titel gewinnen, teure fallen raus. Das Ergebnis sind Portfolios mit starker Übergewichtung in Finanztiteln, Energieunternehmen und Versorgern. Technologieaktien hingegen fehlen nahezu vollständig.
Der Enhanced Value Index wählt einen anderen Weg. Er übernimmt die Sektorgewichtung des Mutterindex MSCI World als festes Korsett und sucht dann innerhalb jedes Sektors nach den relativ günstigsten Titeln. Konkret: MSCI berechnet für jede Aktie einen zusammengesetzten Value-Score aus drei Kennzahlen – Kurs-Buchwert-Verhältnis, Kurs-Gewinn-Verhältnis und das Verhältnis von Unternehmenswert zu operativem Cashflow (EV/CFO). Dieser Score wird aber nicht absolut, sondern sektorrelativ bewertet.
Die Konsequenz ist mathematisch zwingend: Da der MSCI World durch den jahrelangen Boom der Technologiebranche inzwischen rund 27 bis 30 Prozent in IT-Aktien hält, muss auch der Enhanced Value Index diesen Anteil abbilden – nur eben mit anderen Titeln. Nicht mit Microsoft oder Nvidia, sondern mit den relativ günstigsten Aktien innerhalb der Branche. In den vergangenen zwei Jahren waren das Micron, Intel und Cisco.
Trittbrettfahrer des KI-Booms
Der Mechanismus, der die Performance erklärt, ist im Nachhinein bestechend einfach. Als Micron Technology 2023 und 2024 wegen einer schwachen Nachfrage im Speichermarkt massiv unter Druck geriet, rutschte die Aktie auf historische Tiefststände. Die fundamentalen Bewertungskennzahlen sahen günstig aus und der Index sammelte die Aktie ein. Was folgte, war keine klassische Value-Erholung, sondern ein struktureller Wandel: Der explodierende Bedarf an KI-Rechenzentren trieb den Hunger nach High-Bandwidth-Memory-Chips ins Extreme. Micron-Chef Sanjay Mehrotra bestätigte Anfang 2026, dass wichtige Kunden nur 50 bis 67 Prozent ihrer benötigten Mengen bekommen, wegen Engpässen bei KI-Speichern.
Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Intel. Die Aktie verlor 2024 zeitweise rund 60 Prozent auf annähernd 20 Dollar, den niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten. Auf Value-Metriken: attraktiv. Am 24. April 2026 meldete Intel ein Quartalsergebnis, das die Erwartungen weit übertraf – der Umsatz lag bei 13,6 Milliarden Dollar statt eines deutlich niedrigeren Konsensus, der bereinigte Gewinn je Aktie von 29 Cent statt der erwarteten ein Cent. Der Kurs sprang an einem einzigen Tag um 24 Prozent. Das war die stärkste Eintagesperformance seit 1987. Seitdem Nvidia Intel im November 2024 aus dem Dow Jones Industrial Average verdrängte, hat die Intel-Aktie rund 377 Prozent zugelegt.
Der Value-ETF hatte also nicht Nvidia gekauft, als Nvidia bereits für astronomische Multiples gehandelt wurde. Er kaufte stattdessen die Infrastrukturtitel, die denselben KI-Boom von unten mitnahmen, bei damals noch moderaten Bewertungen.
US-Anteil deutlich geringer als im Mutterindex
Ein wenig beachteter Nebeneffekt der sektorneutralen Methodik: Die US-Dominanz ist erheblich geringer als im MSCI World, der zu gut 72 Prozent aus amerikanischen Aktien besteht. Im Enhanced Value liegt der US-Anteil bei rund 48 Prozent. Japan ist mit gut 20 Prozent stark übergewichtet, europäische Märkte ebenfalls höher gewichtet als im Mutterindex. Das Gesamtportfolio ist zudem nach klassischen Maßstäben günstiger bewertet: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt auf Indexebene bei etwa 11 – verglichen mit rund 24 beim breiten MSCI World.
Diese geografische Spreizung ist echter Diversifikationsgewinn. Eine sektorale Absicherung bietet der Fonds dagegen nicht.
Die Diversifikations-Illusion
Hier liegt das zentrale Missverständnis, das viele Anleger in die Irre führt. Value-ETFs werden häufig als Gegengewicht zu technologielastigen Weltportfolios eingesetzt. Die Logik: Wer den MSCI World im Depot hat, möchte mit einem Value-Fonds eine andere Risikostruktur abbilden mit weniger Technologie und mehr klassischen Substanzwerten.
Der Enhanced Value erreicht dieses Ziel nicht. Wer ihn als Absicherung gegen eine Korrektur im Technologiesektor kauft, sitzt faktisch auf einem anderen Tech-Portfolio – mit 45 Prozent in IT und Kommunikation. Sollte die KI-Euphorie nachlassen, Investitionen zurückgehen oder der Halbleiterzyklus drehen, wäre dieser „Value“-Fonds genauso betroffen wie ein reines Technologieportfolio. Die erhoffte Antizyklik bleibt aus.
Verschärft wird das durch die Einzeltitelkonzentration: Die drei größten Positionen allein machen über 20 Prozent des Portfolios aus. Diese Konzentration findet man üblicherweise in Sektorfonds, nicht in breit gestreuten Faktorprodukten.
Das nächste Rebalancing als Belastungsprobe
Ein weiterer Aspekt, der bei Anlegern selten auf dem Radar ist: Das halbjährliche Rebalancing des Index, das jeweils Ende Mai und Ende November stattfindet, könnte zum Stresstest werden. Denn die Aktien, die den ETF nach oben getrieben haben, sind durch die Kursrally ihrer Value-Qualität verlustig gegangen. Micron und Intel handeln inzwischen zu Bewertungen, die auf klassischen Metriken nicht mehr günstig wirken – Intels Forward-Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt Stand Mai 2026 bei rund 156. Das durchschnittliche Kursziel der Wall-Street-Analysten für Intel liegt gut 30 Prozent unter dem aktuellen Kurs.
Bei der nächsten Überprüfung wird der Index gezwungen sein, diese Gewinner zu reduzieren oder ganz abzustoßen und durch neue, derzeit wenig beachtete Titel zu ersetzen. Der Fonds verkauft dann genau die Aktien, die operativ am stärksten performen. Das ist die Mechanik dieser Strategie: Erfolg führt automatisch zum Ausstieg.
Einordnung: Was der Value-Faktor heute bedeutet
Wer den Enhanced Value als Alternative zu klassischen Value-Strategien sieht, sollte den konzeptionellen Unterschied verstehen. Traditionelle Value-Ansätze – auch manche aktiv verwalteten Fonds – halten deutlich mehr in Finanzwerten, Energie und Industrie. Wer technologiearme Diversifikation sucht, findet sie dort eher.
Der iShares Edge MSCI World Value Factor ETF mit seinen günstigen Gesamtkosten von 0,25 Prozent jährlich, physischer Replikation und hoher Liquidität ist dennoch ein handwerklich gutes Produkt. Er tut, was er verspricht: Er kauft die günstigsten Titel innerhalb jedes Sektors des MSCI World. Dass dieser Ansatz in einem von Technologie dominierten Markt zwangsläufig ein tech-lastiges Portfolio produziert, ist nicht Fehler, sondern Feature — oder Konsequenz, je nach Perspektive.
Für Anleger bedeutet das: Der Enhanced Value ist eine sinnvolle Ergänzung für Portfolios, die gezielt auf günstig bewertete Titel innerhalb eines breiten Universums setzen wollen – mit dem Wissen, dass geografische, nicht sektorale Diversifikation das eigentliche Unterscheidungsmerkmal zum MSCI World ist. Ein Schutzschild gegen Technologievolatilität ist er nicht.



