Individuell abgestimmte Portfolios, die aus mehreren Indexfonds oder ETFs bestehen, stehen hoch im Kurs. Diese Multi-Fonds-Strategien bieten Flexibilität und Diversifikation, bergen jedoch auch ein weniger offensichtliches Risiko: Die Methodik hinter den einzelnen Indizes unterscheidet sich je nach Anbieter erheblich – etwa bei der Klassifizierung von Growth- und Value-Aktien oder der Einteilung nach Marktkapitalisierung.

Wer Indizes kombiniert, sollte daher deren Konstruktion genau kennen und verstehen, wie sie sich zueinander verhalten – nur so lassen sich stabile und ausgewogene Portfolios aufbauen.

Portfoliorisiken: Indexanbieter kategorisieren unterschiedlich

Das Problem der Methodikunterschiede bleibt oft unsichtbar – zumindest so lange, bis es an den Märkten zu Volatilitätsausschlägen kommt. Dann stellt sich möglicherweise heraus, dass das Portfolio eine riskantere Anlage ist, als ursprünglich beabsichtigt.

Die Ursache dieses Risikos liegt in den Kriterien, nach denen Indexanbieter Aktien klassifizieren. Denn jeder Indexanbieter folgt dabei eigenen Regeln. Ein Vergleich zwischen den drei bekannten US-Indexanbietern Standard and Poor's (S&P), Russell und CRSP (Centre for Research in Security Prices) verdeutlicht, wie groß diese Unterschiede sein können. So kategorisieren etwa S&P, Russell und CRSP ganze 46 Prozent des Large-Cap-Aktienuniversums unterschiedlich.

Alle drei Anbieter berechnen den Value-Faktor von Aktien anhand des Kurs-Buchwert-Verhältnisses, allerdings weichen ihre Modelle danach deutlich voneinander ab: CRSP verwendet insgesamt zehn Faktoren, S&P sechs und Russell nur drei. CRSP klassifiziert zudem jede Aktie entweder als „Growth“ oder „Value“, S&P und Russell können dagegen eine Teilmenge von Unternehmen beiden Kategorien zuordnen.

Grafik zur Übereinstimmung von Growth oder Value bei verschiedenen Indexanbietern
Growth oder Value? | Bildquelle: Vanguard

Das Ergebnis: Der Anteil von Growth- und Value-Aktien an der Gesamtmarktkapitalisierung variiert je nach Indexanbieter deutlich. Diese Inkohärenz kann zu erheblichen Abweichungen in der Wertentwicklung des Portfolios und in Folge zu höherer Volatilität führen.

Index ist nicht gleich Index

Unterschiede in der Methodik führen zu verschiedenen Abbildungen der Marktkapitalisierungssegmente. CRSP unterteilt seine Indizes nach prozentualer Verteilung in Large, Mid und Small Caps, sodass zum Beispiel Large Caps 85 Prozent der Marktkapitalisierung ausmachen. S&P und Russell nutzen dagegen statische Zahlen und ordnen zum Beispiel die größten eintausend Aktien dem Large-Cap-Segment zu. Auf diese Weise kommt der Russell 1000 auf eine Marktabdeckung von 94 Prozent, der S&P 500 nur auf 87,5 Prozent.

Diese Unterschiede haben Folgewirkungen. Die prozentuale Aufteilung der Marktkapitalisierung kann in statischen Aktienindizes schwanken, zudem weist die Indexmethodik von S&P mehrere besondere Merkmale auf: S&P filtert das Aktienuniversum nach Qualität und schließt Unternehmen aus, die nicht über vier aufeinander folgende Quartale Gewinne ausweisen. Das letzte Wort über eine Indexaufnahme hat ein Ausschuss, was die Entscheidung subjektiver macht als in den Indizes der anderen Anbieter. Die Marktkapitalisierungssegmente der einzelnen Anbieter unterscheiden sich daher erheblich voneinander.

Large, Mega, Mid und Small Caps bei verschiedenen Indizes
Large, Mega, Mid und Small Caps bei verschiedenen Indizes | Bildquelle: Vanguard

Ungewollte Risiken vermeiden 

Indexfonds als Portfoliobausteine haben viele Vorteile und können zum Beispiel helfen, ein bestehendes Portfolio flexibel zu optimieren oder die Umsetzung einer gewollten Übergewichtung von Growth- oder Value-Aktien zu erleichtern. Eine Mischung aus Indizes verschiedener Anbieter kann jedoch das Exposure auf bestimmte Risikofaktoren, den Tracking Error und die Portfoliovolatilität erhöhen – was sich auch auf die Rendite auswirken kann.

Unbeabsichtigte Risiken lassen sich aktiv vermeiden, wenn die Nuancen der Indexmethodik sowie das Verhalten der verschiedenen Fonds zueinander bekannt sind. Der Fondsname oder die Klassifizierung sind dabei nur der Anfang – der Small-Cap-Index eines Anbieters kann überraschend viele Unternehmen enthalten, die ein anderer Anbieter als Large-Cap-Unternehmen einstuft.

Um das Potenzial der Märkte optimal auszuschöpfen, sollten Anlegerinnen und Anleger die Kompromisse genau abwägen, die sie mit der Verwendung von Indizes verschiedener Indexfamilien eingehen. Und wenn sie dies vor einer Anlageentscheidung tun, vermeiden sie unnötige Steuern, die bei der Umstrukturierung bestehender Portfolios anfallen können.

Indexfonds und -ETFs können erstklassige, flexible Portfoliobausteine sein. Sorgfältige Indexauswahl unter dem Gesichtspunkt, ob sich verschiedene Indizes ergänzen und zur Umsetzung der eigenen Ziele beitragen, ist dabei für den Anlageerfolg von großer Bedeutung.

Moritz Schüßler leitet bei der Fondsgesellschaft Vanguard das Beratergeschäft mit Privatkunden in Deutschland (Head of Intermediated Retail Germany).