Immer wieder tauchen Spekulationen auf, dass sich einige der großen deutschen Asset Manager zu einem nationalen Champion zusammenschließen könnten. Doch Hans Joachim Reinke, Chef der Fondsgesellschaft Union Investment, erteilt solchen Überlegungen eine klare Absage. International liegen die deutschen Vermögensverwalter beim verwalteten Vermögen nur im Mittelfeld – doch das sei kein Problem, so Reinke.
Kein Existenzdruck bei deutschen Schwergewichten
In einem Interview mit „Bloomberg“ machte Reinke deutlich: Eine Konsolidierung unter den großen deutschen Asset Managern Union Investment, Dekabank, Allianz Global Investors und DWS sei nicht zu erwarten. Alle vier Häuser könnten eigenständig am Markt bestehen, so der scheidende Vorstandschef. „Das Argument 'stuck in the middle' ist totaler Unsinn. Erfolg im Asset Management ist keine Frage der Größe, sondern eine Frage des Geschäftsmodells und der Qualität“, sagte Reinke.
Die großen deutschen Fondsgesellschaften verwalten zwischen 400 Milliarden Euro und einer Billion Euro. Verglichen mit internationalen Wettbewerbern, die teils ein Vielfaches dieser Summen managen, liegt Deutschland nur im Mittelfeld. Konsolidierung sehe Reinke eher grenzübergreifend, nicht zwischen den deutschen Branchengrößen.
ETF-Verzicht als bewusste Strategie
Während viele Konkurrenten massiv auf börsengehandelte Fonds (ETF) setzen, bleibe Union Investment diesem Segment weitgehend fern. Reinke glaubt nicht daran, dass ein Asset Manager ohne ETF-Angebot zum Scheitern verurteilt sei. Der Vorsteuergewinn von über einer halben Milliarde Euro allein im ersten Halbjahr 2025 gebe ihm recht, so Reinke. ETFs seien ein Größengeschäft mit vielen Anbietern, sagt er weiter: „Auf uns hat niemand gewartet.“
Stattdessen konzentriert sich Union Investment auf klassische Publikumsfonds und die enge Zusammenarbeit mit den Genossenschaftsbanken, über die sie ihre Produkte vertreibt. Ein Modell, das seit Jahrzehnten funktioniert – aber auch vor Herausforderungen steht.
Demografischer Wandel als größte Herausforderung
Drängender als die Frage nach ETFs sieht Reinke den demografischen Wandel. Viele Anlageberater bei den Genossenschaftsbanken gehen bald in Rente. Gleichzeitig stellt sich die Frage: „Werden die Erben noch unsere Kunden sein?“, so Reinke.
Die Antwort liegt für ihn in Digitalisierung und künstlicher Intelligenz. Union Investment investiert derzeit rund 50 Millionen Euro jährlich in diese Bereiche, Tendenz steigend. KI solle nicht nur Effizienz schaffen, sondern auch die Qualität von Entscheidungen verbessern. Zwar würden bestimmte Arbeitsplätze wegfallen, netto dürfte die Zahl der Beschäftigten im Asset Management aber stabil bleiben oder sogar steigen, da neue Jobs entstehen.
Abschied nach 30 Jahren
Reinke blickt auf mehr als drei Jahrzehnte bei Union Investment zurück und wird in wenigen Wochen seinen Posten abgeben. Als er 1991 kam, verwaltete das Unternehmen mit 190 Mitarbeitern acht Milliarden D-Mark. Heute sind es über 500 Milliarden Euro und rund 4.400 Beschäftigte.


