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in AnalysenLesedauer: 3 Minuten

Vermögensverwalter Michael Thaler Muss sich die Lagarde warm anziehen?

EZB Präsidentin Christine Lagarde
EZB Präsidentin Christine Lagarde: Angesichts der grassierenden Inflation hat die Europäische Zentralbank im Juli zum ersten Mal seit 2011 die Zinsen wieder erhöht. | Foto: imago images / Xinhua

Nahezu alle wirtschaftlichen Frühindikatoren zeigen derzeit in eine Richtung: nach unten. Dies betrifft die Wirtschaftsaussichten der Einkaufsmanager im industriellen Bereich, wie auch im Dienstleistungsbereich. Die Konsumenten agieren so verhalten, wie lange nicht. Einzig der Arbeitsmarkt verbleibt in einer ausgezeichneten Verfassung, allerdings handelt es sich hier typischerweise um einen nachlaufenden Indikator, das heißt Unternehmen stoppen Neueinstellungen im Regelfall erst, wenn die wirtschaftliche Lage bereits deutlich eingetrübt ist.

Für die Europäische Zentralbank ist die aktuelle Gemengelage alles andere als komfortabel. Durch den starken Arbeitsmarkt zeigen sich Tendenzen einer so genannten Lohn-Preis-Spirale. Hierbei vertreten Gewerkschaften die Ansicht, dass Lohnerhöhungen die höheren Lebenskosten ausgleichen müssen, was bei den aktuellen Inflationsraten von über acht Prozent eben auch entsprechende Lohnerhöhungen bedingen würde.

Die Unternehmen würden die höheren Lohnkosten dann vermutlich zeitnah wieder auf die Preise aufschlagen, so dass sich die Inflation verfestigen würde. Hat sich solch ein „Automatismus“ erst einmal in den Köpfen verfestigt, ist dieser für die Notenbank sehr schwer zu durchbrechen. Die Folge wären dauerhaft höhere Inflationsraten.

Um also den Gewerkschaften das Argument dauerhaft höherer Lebenshaltungskosten zu nehmen, zeigen viele Notenbanken weltweit aktuell zinspolitisch die Zähne. Die Leitzinssätze werden massiv erhöht. So hat die ungarische Notenbank den Leitzinssatz seit Jahresbeginn von 2,4 auf 10,75 Prozent erhöht. Gleiches gilt exemplarisch in Tschechien: Von etwas über ein Prozent im September 2021 auf sieben Prozent im Juni 2022.

 

Dabei wird signalisiert, dass eine Rezession bewusst in Kauf genommen wird. Das Signal gilt vor allem den Arbeitnehmervertretern und lautet: Wenn ihr an der Lohnschraube dreht, dann ist eine Rezession mit negativen Folgen für den Arbeitsmarkt unausweichlich. In der Spieltheorie spricht man von „Brinkmanship“, das heißt gibt eine Seite nicht nach, folgt ein für Alle schlechteres Ergebnis.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hält sich mit Zinssteigerungen bisher deutlich zurück. Denn neben dem Mandat der Preisstabilität, die wohl aktuell ebenfalls eines klaren Zinssignals bedürfte, sorgt sich die Europäische Zentralbank zu Recht auch darum, den Zusammenhalt der Eurozone zu gewährleisten. Hier würden starke Zinssteigerungen wohl die Risikoprämien einiger Länder mit unsoliden Staatsfinanzen, wie Italien, Griechenland, Frankreich steigen lassen, so dass letztlich ohne massive Reallokationen (Steuererhöhungen und Ausgabenminderungen) der entsprechenden Staatsbudgets kaum noch eine Schuldentragfähigkeit gegeben wäre.

Ist eine Stagflation, also eine Kombination aus höheren Inflationsraten und einer wirtschaftlichen Stagnation, dann überhaupt vermeidbar? Wahrscheinlich ja, denn trotz hoher Inflationsraten halten sich viele Gewerkschaften doch noch auffallend zurück. Dies liegt wohl nicht zuletzt daran, dass die wirtschaftliche Entwicklung in vielen Ländern der Eurozone schon länger sehr schwach ist.

Viele Arbeitsplätze sind in Segmenten angesiedelt, die vor einem Strukturwandel stehen. In Deutschland sind die größten industriellen Sektoren die Chemie, der Automobilbau und der Maschinenbau. Die Chemie in Deutschland steht aufgrund der hohen Energiepreise schon länger vor Tendenzen der Verlagerung. Automobil und Maschinenbau durchleben gerade eine Softwareevolution, die in vielen Bereichen neue Jobprofile nötig macht. Die könnte letztlich die Kompromissbereitschaft vieler Arbeitnehmervertreter erhöhen.

Das gewagte Doppelmandat der EZB aus Preisstabilität und Eurozonenerhalt könnte also sogar aufgehen, wenn auch aus einem traurigen Grund: Der wirtschaftliche Motor in Europa stockt stärker als uns dies lieb sein kann.

Was es hier bräuchte wäre eine massive Deregulierung. Der Wegfall von Regularien, wie Melderichtlinien, Compliance-Runden und bürokratischer Vorgaben, die von Unternehmen nachgehalten werden müssen, sorgt direkt für wirtschaftliche Entlastungen in den Unternehmen, so dass man einen disinflationären Impuls generieren könnte, den man auch dringend generieren sollte. Allen Bedenkenträgern zum Trotz, denn Inflation bleibt eine der ungerechtesten Steuern.

Über den Autor: Michael Thaler ist Vorstand der TOP Vermögen AG mit Standorten in Starnberg, München und Traunstein.

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