Nach den Börsenturbulenzen „Aktien werden wieder vernünftig bewertet“

Thomas Buckard | © Michael Pintarelli Finanzdienstleistungen (MPF)

Thomas Buckard Foto: Michael Pintarelli Finanzdienstleistungen (MPF)

Seit seinem Allzeithoch Anfang des Jahres verlor der deutsche Leitindex Dax fast 20 Prozent. Hauptverantwortlicher ist der vermeintliche Crash-Monat Oktober mit rund 10 Prozent. Beim Dax-Kursindex, der die Dividenden wie international üblich nicht mit einrechnet, fielen die Verluste sogar noch höher aus. Einzelne Aktien wie Continental, Deutsche Bank oder Lufthansa liefen noch deutlich schlechter als es der Dax widerspiegelt.

Selbst an der Wall Street, wo sich die Indizes noch bis in den Herbst hinein auf Rekordniveau bewegten, drehte sich die Stimmung. Und so, wie Anleger Anfang 2018 die schon bestehenden Risiken völlig ausblendeten, sehen sie jetzt nur noch Gefahren. Eine Übertreibung?

Keine Rezession in Sicht

Das konjunkturelle Umfeld ist immer noch weitgehend intakt. Zwar hat die Wachstumsdynamik etwas nachgelassen. Aber der Internationale Währungsfonds (IWF) senkte seine Prognose für das Wirtschaftswachstum für dieses und kommendes Jahr gerade einmal um 0,2 Prozentpunkte auf jeweils 3,7 Prozent. Eine Rezession sieht anders aus.

Gleichzeitig ist die Inflation weiter gebremst. In den USA fiel sie von 2,9 Prozent im Sommer auf 2,3 Prozent im September. In der Eurozone liegt die Teuerungsrate seit den Sommermonaten ebenfalls im Bereich von 2 Prozent – also fast genau dort, wo sie die Notenbanken haben wollen. Rechnet man den Ölpreis raus, bewegt sie sich sogar noch tiefer.

Rückenwind für Eurozone

Aus europäischer Sicht verbesserte sich sogar ein fundamentaler Faktor: Der Euro hat seit seinem zyklischen Hoch im Februar um fast zehn Prozent auf 1,14 Dollar abgewertet. Der Gegenwind für europäische Exporte wurde zum in Rückenwind. Waren und Dienstleistungen aus Europa sind im Dollarraum durch die Wechselkursverschiebung deutlich preisgünstiger geworden.

In diesem Jahr belasteten vor allem politische Entwicklungen die Aktienmärkte. An erster Stelle steht der Handelskonflikt zwischen den USA und China. Die vorläufige Beilegung des Streits der Vereinigten Staaten mit Europa zeigt jedoch, dass US-Präsident Donald Trump durchaus zum Einlenken bereit ist, wenn er das als Sieg verkaufen kann.

Mit Mexiko und Kanada einigte er sich bereits auf ein neues Handelsabkommen. Das lässt für den Konflikt mit China hoffen. Umgekehrt signalisiert Peking Entgegenkommen. Künftig dürfen ausländische Autofirmen die Mehrheit an Gemeinschaftsunternehmen in der Volksrepublik halten. Bis vor Kurzem noch undenkbar.

„Positives Überraschungspotenzial“

Auch bei den beiden anderen geopolitischen Krisenherden besteht ein positives Überraschungspotenzial. So kann Italien nicht allen Ernstes daran interessiert sein, aus dem Euro auszutreten. Das hoch verschuldete Land wäre umgehend pleite. Das müssten eigentlich selbst die populistischen Politiker der Lega Nord und der Fünf-Sterne-Bewegung, die die Regierung in Rom stellen, begreifen.

Und beim Brexit könnte es kurz vor Schluss zu einer Einigung zwischen der EU und Großbritannien kommen. Dann könnten die Politiker auf beiden Seiten ihren Wählern demonstrieren, wie hart sie verhandelt haben. Möglich ist auch, dass eine längere Übergangsphase vereinbart wird.

Aktien wieder vernünftig bewertet

Die Korrektur an den Aktienmärkten hat auch eine gute Seite: Aktien werden wieder vernünftig bewertet. Das gilt vor allem für deutsche Titel. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Dax auf Basis der geschätzten Gewinne für 2019 liegt bei weniger als 11.

Das entspricht dem typischen Rezessions-Niveau – nur ohne Rezession. Der historische KGV-Durchschnitt beläuft sich in etwa auf 14. Gleichzeitig werfen Anleihen, die wichtigste konkurrierende Anlageklasse, real (also nach Abzug der Inflation) weiter negative Renditen ab – zumindest in Deutschland.

Die mittlerweile günstigen Bewertungen bedeuten zwar nicht, dass die Kurse umgehend wieder nach oben drehen. Aktienmärkte neigen erfahrungsgemäß zum Überschießen. Doch da man ohnehin nie den günstigsten Einstiegszeitpunkt trifft, können Anleger schon jetzt überlegen, ihre Aktienquote wieder höher zu fahren.