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Lebensversicherungen „Nachhaltige Finanzprodukte werden zum neuen Mainstream“

Martin Stenger und Heiko Faust
Martin Stenger und Heiko Faust: Der Vertriebsdirektor bei Franklin Templeton Investment Services und der Partner im Bereich Versicherungen bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman sprechen im Interview über die Folgen der niedrigen Zinsen und des gesamtgesellschaftlichen Trends zu mehr Nachhaltigkeit für Lebensversicherer. | Foto: Franklin Templeton Investment Services, Oliver Wyman

DAS INVESTMENT: Das Statistische Bundesamt hat im Juli mit 3,8 Prozent die höchste Inflationsrate seit knapp 28 Jahren gemessen. Wie dürfte die EZB darauf reagieren?

Martin Stenger: Die EZB hat ihr Inflationsziel auf einen symmetrischen Wert von 2 Prozent geändert. Damit ist auch der letzte Hoffnungsschimmer erloschen, dass sie mit Blick auf ihr bisheriges Inflationsziel von höchstens 2 Prozent ihren Leitzins schon sehr bald anheben könnte. Stattdessen wurde die Entscheidung darüber weiter in die ferne Zukunft verschoben.

Damit erscheinen bald wieder steigende Zinsen also noch unwahrscheinlicher. Was bedeutet das für Vorsorgesparer in Deutschland?

Stenger: Das von Finanzberatern häufig verwendete Dreieck aus Liquidität versus Rendite und Sicherheit hat in seiner bisherigen Form heute keine Gültigkeit mehr. Denn die oft als Garantie verstandene Sicherheit ist nur noch zu einem sehr hohen Preis möglich. Daher ist insbesondere bei der langfristigen Geldanlage jetzt viel mehr Risikoappetit notwendig.

Mit Risiken bei der Geldanlage haben sich viele Deutsche jedoch bislang nicht anfreunden können. Wie sagen Sie denjenigen, die hohen Wert auf Garantien legen?

Heiko Faust: Durch die niedrigen Zinsen hat sich die Lage für Sparer weiter zugespitzt. Dass die klassischen Garantieprodukte heute kaum noch möglich sind, zeigt sich nicht zuletzt am Ausstieg des Paltzhirsches Allianz aus diesem Geschäft. Faktisch ist Vorsorgesparen derzeit nur noch per Aktienfonds-Investments sinnvoll.

Hat die Assekuranz also lediglich ein Kommunikationsproblem dabei, ihren Kunden Fonds im Versicherungsmantel schmackhaft zu machen?

Faust: Nein, denn die Sorgen um die Niedrigzinsen bestehen schon seit Jahren und die Versicherer haben sich darauf eingestellt. Viele Versicherer unterschätzen jedoch ihre Aufgaben rund um das Thema Nachhaltigkeit. In ihre Strategiepapiere haben sie es zwar bereits aufgenommen. Aber fast keiner von ihnen hat auch sein Geschäftsmodell umgestellt.

Der Absatz nachhaltiger Policen hält sich bislang noch in Grenzen. Weshalb sollte die Assekuranz nun also Arbeit beim Thema Nachhaltigkeit aufhalsen?

Faust: Der Druck hierzu auf die Lebensversicherer wächst von Politik und Großinvestoren, aber auch zunehmend vonseiten der Kunden. Die Dynamik kommt dabei weniger von den bisherigen Anlegern im gesetzteren Alter, sondern vor allem von der jüngeren Generation, also den Neukunden von morgen. Spätestens mit den „Fridays for Future“ ist das Thema in der breiten Öffentlichkeit angekommen.

Schlägt sich das bereits in einem geänderten Konsumverhalten der Deutschen nieder?

Faust: Nein. Die direkten Auswirkungen auf das Kaufverhalten der Kunden sind laut einer von Oliver Wyman durchgeführten Umfrage noch gering. Demnach sind viele Verbraucher zwar sehr um die Umwelt besorgt. Einen höheren Preis für ökologisch nachhaltige Produkte akzeptieren heute jedoch nur 9 Prozent von ihnen. Und am Versicherungsmarkt fehlt vielen Kunden noch die Transparenz: 86 Prozent der Bundesbürger können nicht angeben, welche Versicherer aus ihrer Sicht besonders nachhaltig sind.

Das spricht alles nicht dafür, dass die Lebensversicherer sich mit ihren ESG-Engagements beeilen müssen.

Faust: Doch, denn es zeichnet sich ein klarer Trend ab: Bei gleichen Konditionen würde heute schon fast die Hälfte der Kunden zu einem nachhaltigeren Anbieter wechseln. Das bedeutet: Sobald einer im Markt ein nachhaltiges Produkt mit den gleichen Eigenschaften anbietet, wollen viele zu ihm wechseln. Der für die Verbraucher notwendige Überblick wurde zuletzt durch die EU-Transparenzverordnung deutlich erhöht. Daher ist es sicherlich nur eine Frage der Zeit, bis die Versicherten keine nicht-nachhaltigen Policen mehr akzeptieren.

Stenger: Wir gehen in Zeiten über, in denen nachhaltige Finanzprodukte allgemein aufgrund des deutlichen Drängens des Gesetzgebers auf EU-Ebene zum neuen Mainstream werden. Im Jahr 2050 wird daher auch beispielsweise das Label ESG-Fonds gar nicht mehr vonnöten sein. In der Zukunft müssen sich Lebensversicherer nämlich eher dafür rechtfertigen, falls sie das Geld ihrer Kunden ausnahmsweise nicht nachhaltig investieren.

Dann dürften die Versicherer künftig also beispielsweise Green Bonds für ihre Deckungsstöcke kaufen?

Stenger: Das wird kaum reichen, um einen bisherigen Deckungsstock vollständig drehen zu können. Denn trotz vermehrter Investments in Green Bonds kommt der Versicherer nicht um einen neuen Deckungsstock herum, wenn seine Kunden ihre bestehenden Policen massenhaft in ein komplett grünes Produkt umwandeln wollen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob alle Lebensversicherer die benötigten Kapazitäten haben, um sich gleichzeitig dem Niedrigzins und dem Umstieg auf ESG-Investments zu widmen.

Wie gut sind Deutschlands Lebensversicherer heute auf diese anstehende Doppelaufgabe vorbereitet?

Faust: Ich glaube, dass die meisten das Thema Nachhaltigkeit bisher immer noch unterschätzen und zu langsam unterwegs sind. In der Folge drohen sie entweder von Politik, Investoren und Kunden vor sich hergetrieben zu werden oder dem Wettbewerb hinterher zu laufen. Der Großteil der deutschen Versicherer muss sich also möglichst bald deutlich strukturierter mit seiner jeweiligen ESG-Strategie auseinandersetzen. Ansonsten laufen sie Gefahr, sich zu verzetteln.


Über die Interviewten:

Martin Stenger ist Vertriebsleiter für Versicherungsprodukte und Vorsorgelösungen in Deutschland bei Franklin Templeton. Hier entwickelt er Anlagelösungen für Versicherer, leitet das Geschäft betriebliche Altersvorsorge und knüpft Kontakte zu unabhängigen Finanzberatern. In der Webinar-Reihe Stengers Vorsorge-Check beschäftigt sich Stenger mit Themen rund um die Altersvorsorge.

Heiko Faust ist Partner im Bereich Versicherungen von Oliver Wyman und neuer Kolumnist bei DAS INVESTMENT. Er hat mehr als 20 Jahre Erfahrung als Manager und Strategieberater in der Versicherungsbranche. Seine Schwerpunkte liegen speziell in der Lebensversicherung mit einem Fokus auf Strategie, Bestandsmanagement, Operational Excellence und Digitalisierung sowie Nachhaltigkeit.

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