DAS INVESTMENT: Frau Waske, wie definieren Sie persönlich nachhaltige Geldanlage und welche Kriterien müssen dafür erfüllt sein?
Marlene Waske: Ich fange abstrakt an: In den Wirtschaftswissenschaften arbeitet man oft mit Optimierungsfunktionen – man versucht etwa, den Gewinn oder die produzierte Menge zu maximieren unter bestimmten Bedingungen wie verfügbaren Arbeitskräften und Kapital. Dieses Prinzip lässt sich auf die Geldanlagen übertragen: Wir möchten unsere Rendite optimieren.
Für mich ist eine Geldanlage dann nachhaltig, wenn sie dabei die Würde des Menschen und jedes Lebewesens einbezieht – das heißt, die Rendite unter der Bedingung optimiert, dass diese Würde als zentraler Punkt gewahrt bleibt.
Eine andere Parallele besteht zum Energieerhaltungssatz aus der Physik: In einem geschlossenen System kann Energie verschiedene Formen annehmen, aber nichts hinzuerfunden oder zerstört werden. Ähnlich verhält es sich meines Erachtens mit der Finanzwirtschaft innerhalb planetarer – ökologischer wie sozialer – Grenzen. Im Rahmen dieser Grenzen können wir gute Renditen erwirtschaften, aber diese sind nicht unendlich. Wenn wir über einen gewissen Punkt hinausgehen, wird im Gesamtsystem etwas oder jemand schlechtergestellt. Unsere ökologischen und sozialen Ressourcen bilden ein Gleichgewicht – gerät es ins Wanken, riskieren wir letztlich unsere Lebensgrundlage.
Die große Herausforderung der nachhaltig-ethischen Geldanlage und ihrer drei Säulen Ökologie, Governance und Soziales ist es, zu verstehen, wo diese Grenzen des Systems liegen und wie wir innerhalb dieser Grenzen Renditen erzielen können. Die alte Weisheit „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu“ drückt das Konzept gut aus.
Häufig liegt der Fokus stark auf Umweltkriterien. Soziale Kriterien scheinen oft in den Hintergrund zu geraten. Wie könnten diese aus Ihrer Sicht stärker eingebunden werden?
Waske: Soziale Themen werden derzeit tatsächlich noch zu wenig berücksichtigt. Bei Umweltthemen geht es um das „Wie“ und „Wann“ – wie schaffen wir es, CO₂ zu minimieren und bis wann? Bei sozialen Themen kommen jedoch das „Wer“ und „Wo“ hinzu. Soziale Aspekte sind durch gesellschaftliche Normen geprägt, die zwischen Gesellschaften variieren. Für internationale Unternehmen kann das eine ziemliche Herausforderung sein.
Ebenso wie für die EU, die in einer Sozial-Taxonomie festlegen möchte, was etwa gut für Gleichberechtigung oder für Gerechtigkeit ist. Es ist ein Balanceakt zwischen einem Werte-Imperialismus, dem Durchsetzen allgemeiner Menschenrechte und dem Verständnis von Würde.
Ein wichtiger Ansatzpunkt ist für mich, mehr Frauen in Führungspositionen und präsente Rollen zu bringen. Frauen haben oft ein anderes Verständnis von bestimmten Themen, die relevant für die Nachhaltigkeit sind. Ein ausgewogenes Verhältnis in Vorständen, in der Politik und auf Podiumsdiskussionen wäre ein erster messbarer Schritt.
Wie finden Sie in Ihrer täglichen Arbeit nachhaltige Unternehmen? Wie läuft der Auswahlprozess ab?
Waske: Das Portfoliomanagement sucht zunächst Unternehmen aus, die aus finanziellen Aspekten interessant erscheinen. Diese Vorschläge werden dann zu uns geschickt, und wir prüfen sie auf Nachhaltigkeit. Zuerst untersuchen wir, ob Ausschlusskriterien verletzt werden – dazu gehören fundamentale Aspekte wie Menschenrechte, Waffen oder Atomkraft. Einige Kriterien haben null Toleranz, bei anderen wie Glücksspiel oder Tabak gibt es bestimmte geringe Umsatztoleranzen, bis maximal 10 beziehungsweise 5 Prozent. IBM beispielsweise bietet auch Management-Systeme für Casinos an – dies macht aber weniger als 1 Prozent ihres Umsatzes aus. Daher würde IBM aufgrund des ASKs „Glückspiel“ nicht ausgeschlossen werden.
Im nächsten Schritt folgt die Bewertung von Positivkriterien aus Sicht von fünf ethischen Perspektiven:
- Verantwortungsverständnis,
- Angebot,
- Prozesse,
- Schutz natürlicher Ressourcen,
- sowie Transparenz.
Ein Unternehmen muss mindestens 50 von 100 Punkten erreichen, um aufgenommen zu werden. Ab 66 Punkten gilt es als positiv, ab 81 als hochwertig.
Dabei ist unser Bewertungssystem nicht statisch. Aktuelle Themen wie Biodiversität oder Mikroplastik fließen zunehmend in unsere Analysen ein. Das Grundraster mit den fünf Dimensionen besteht seit 2009, aber innerhalb dieser Dimensionen gibt es immer wieder Anpassungen.





Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen dem Ethikkomitee, Analystinnen und dem Portfoliomanagement?
Waske: Das Portfoliomanagement sucht die Titel aus, und wir vom Ethikresearch erstellen die Analyse. Dafür nutzen wir hauptsächlich Geschäftsberichte und Nachhaltigkeitsberichte der Unternehmen. Wir haben auch Datenanbieter abonniert, aber ich schaue mir immer zuerst die Unternehmensunterlagen an und erstelle eine Bewertung nach unserer Methodik. Dann vergleiche ich mit den Einschätzungen der Datenanbieter.





Diese Bewertung stellen wir in der monatlichen Ethikkomitee-Sitzung vor, an der jede und jeder teilnehmen kann. Das Komitee diskutiert den Vorschlag und entscheidet, ob ein Titel ins Anlageuniversum aufgenommen wird oder nicht.
Bei klaren Fällen gibt es wenig Diskussionsbedarf. Alphabet haben wir auf Nachfrage analysiert und es ist gleich mehrfach durchgefallen – zum einen erreichte es nicht die erforderlichen 50 Punkte, zum anderen verletzte es Ausschlusskriterien.
Oft gibt es aber Grenzfälle und dann kann die Diskussion schon mal fast eine Stunde dauern. Die KfW zum Beispiel finanziert viele gute Projekte, hat jedoch auf Anweisung des Bundes Anteile an Waffenherstellern gekauft. Es wurde klar, dass solche Investitionen strategischen Charakter bekommen – das Ausschlusskriterium also verletzt ist. Auch „Dual-Use“-Produkte, die beispielsweise sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können, führen zu intensiven Diskussionen.
Die mediale Aufmerksamkeit für nachhaltige Anlagen scheint derzeit etwas nachzulassen. Wie sehen Sie die Entwicklung in den nächsten fünf bis zehn Jahren?
Waske: Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, denken wir langfristig – fünf bis zehn Jahre sind da eine recht kurze Perspektive. Wir haben eine klare Aufgabe:
Entweder wir kriegen unsere Lebensweise in den Griff, oder sie kriegt uns in den Griff – das sind unsere Optionen.
Aktuell stehen Krieg und Inflation im Vordergrund, was verständlich ist. Aber das zugrunde liegende Problem der Nachhaltigkeit verschwindet nicht, nur weil wir gerade nicht darüber sprechen. Spätestens wenn der erste Tornado durch Europa zieht oder wir eine neue Flutkatastrophe erleben, wird wieder eine neue Nachhaltigkeitsdiskussion einsetzen.
Darüber hinaus gibt es verschiedene Anlegertypen: Solche, die seit Jahrzehnten nachhaltig investieren und weniger von medialen Schwankungen beeinflusst werden; jene, die sich dem Thema gerade annähern; und solche, die versuchen, Trends mitzunehmen. Diese Schwankungen spiegeln sich in der Nachfrage wider. Aber ich bin entspannt – der Trend wird wieder umkehren, und irgendwo in der Mitte nähern wir uns dem Ziel.
Über die Marlene Waske
Marlene Waske arbeitet als Ethikanalystin bei der unabhängigen Investmentboutique Arete Ethik Invest in Zürich.


