Fonds, die sich an Umwelt-, sozialen und Governance (ESG)-Kriterien orientieren, sind wieder gefragt und insbesondere Artikel-8-Fonds verzeichneten im letzten Quartal Zuflüsse von 52 Milliarden Euro. Das ist eine Kehrtwende: Ende 2023 zogen Anleger 26,7 Milliarden Euro aus Artikel 8-Fonds ab, aus Artikel 9-Fonds flossen 4,7 Milliarden Euro ab – das erste Mal, dass diese Fondskategorie überhaupt Abflüsse verzeichnete (Morningstar).

Mittlerweile hat sich der Trend zwar teilweise wieder umgekehrt, doch es bleibt die Frage, was den drastischen Stimmungsumschwung verursacht hat. Denn nicht nur stehen Institutionen unter regulatorischem Druck, in nachhaltige Lösungen zu investieren und diese zu fördern. Auch bieten nachhaltige Investments Anlegern große Chancen.

Große Erwartungen an nachhaltige Kapitalanlagen

Woher also die Skepsis? Schuld sind nicht nur die Greenwashing-Skandale. Eine aktuelle Umfrage zeigt: Die Zahl der Investoren, die der Nachhaltigkeit Priorität einräumen, ist seit 2022 deutlich gesunken. Die Menschen spüren die steigenden Kosten, die der Übergang zur nachhaltigen Wirtschaft verursacht – darunter Mittel für die Nachrüstung von Wohnungen und Elektrofahrzeugen.

 

Und auch im Allgemeinen machen sich die höheren Kosten nachhaltiger Produkte und Dienstleistungen gegenüber ihren konventionellen Pendants bemerkbar.

Eine wichtige Rolle spielen zudem widersprüchliche Botschaften und durchwachsene Anlageergebnisse: Mit den regulatorischen Schritten und Verpflichtungen von Regierungen und Organisationen wie der Europäischen Union (EU) zu mehr Nachhaltigkeit entstand ein großer Hype um ESG-Produkte. Das Verkaufsargument lautete: Nachhaltige Strategien übertreffen Fonds ohne ESG-Label. Das war jedoch nicht immer der Fall, und Enttäuschung war vorprogrammiert.

Ein Nachhaltigkeitslabel allein ist keine Garantie, dass Kunden die besten Anlageergebnisse erzielen. Anbieter müssen deutlich zeigen, wie ihre Strategien Mehrwert generieren. Eine breite Risikostreuung und ein langfristiger Anlagehorizont sind für optimale Resultate unerlässlich.

So waren in der Vergangenheit viele ESG-Fonds aufgrund des Momentums und der hohen ESG-Ratings im Technologiebereich in diesem Sektor übergewichtet. Als die Performance des Sektors schwächelte, hinkten diese Fonds ihren nicht nachhaltigen Pendants hinterher. Der wirkliche Wert nachhaltiger Investments für die Kunden wird durch Investitionen in Unternehmen generiert, die für den Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft entscheidend sind.

Gesucht: klare Vorschriften und Messbarkeit

Weitere Verunsicherung schuf die Regulierung. Mit Inkrafttreten der Offenlegungsverordnung der EU und der Klassifizierung von Fonds in Artikel 6, 8 und 9 beeilten sich Vermögensverwalter, ihre Produkte mit dem höchstmöglichen Nachhaltigkeitsrating zu kennzeichnen.

Das Problem: Die Kriterien für diese Fondskategorien waren noch unklar. Als im Jahr 2023 die Vorschriften und jüngst auch die Bezeichnungen konkretisiert wurden, musste ein Teil der Anbieter ihre Fonds von Artikel 9 auf Artikel 8 herabstufen und ändert nun auch die Produktnamen. Das sorgt für Verwirrung, Vertrauensverluste und allgemeine Besorgnis über die künftigen Entscheidungen der Regulierungsbehörden über die Aufsichtspflichten und Verantwortlichkeiten von Distributoren.

Vorschriften sollen die Qualität nachhaltiger Anlagelösungen verbessern. Sie sollen zudem Klarheit für Asset Manager schaffen und Vermittlern und Investoren Sicherheit bieten. Dafür braucht es jedoch Transparenz und detaillierte Regeln, die wenig Spielraum für Interpretationen zulassen – nur so ist der Wettbewerb fair.

Hier finden Sie alle ESG-Aktienfonds in der Übersicht.

Statt von eigenen Regulierern, die individuelle Standards definieren, müssten Vorschriften zentral von der EU ausgehen und in allen Mitgliedstaaten einheitlich sein. Alles andere stiftet auf dem EU-Binnenmarkt Verwirrung und erhöht die Komplexität.

Ähnliches gilt auch für die Messung von Nachhaltigkeit. Qualität an ESG-Ratings festzumachen, ist bisher eine zu starke Vereinfachung. Bisher sind ESG-Daten nicht konsistent und variieren dazu je nach Anbieter, Land und Unternehmensgröße. Klare Standards fehlen ebenfalls.

Aus diesem Grund stützen sich viele Manager nachhaltiger Strategien neben externen Ratings auch auf hauseigenes Research. Doch die Lage dürfte sich in Zukunft verbessern: Die Branche wird ihre Strategien und Produkte weiter verfeinern, und die Messung der positiven nachhaltigen Auswirkungen von Investments wird einheitlicher, mit gemeingültigen Standards und besserer Datentransparenz.

Anleger werden dann besser nachvollziehen können, welche Fonds die höchsten Renditen liefern und welche Produkte die größten positiven Auswirkungen auf das Klima und die Umwelt haben. Künstliche Intelligenz könnte dabei in Zukunft eine große Rolle spielen, um ESG-Datenmassen auszuwerten sowie klarere und genauere Indikatoren zu entwickeln.

Regierungsinitiativen fördern strukturellen Wandel

Trotz der Herausforderungen sind nachhaltige Investments vielversprechend. 72 Länder haben sich weltweit dazu verpflichtet, die Pariser Klimaziele zu erfüllen. Allein in den USA sind bereits 270 grüne Infrastrukturprojekte aus dem Inflation Reduction Act hervorgegangen, und in Europa soll der Green Deal die Transformation zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft voranbringen.

 

Das schafft strukturelle Chancen für Anleger. Denn Unternehmen, die zum Wandel hin zur Nachhaltigkeit beitragen, sind gut positioniert, um ihre Marktkapitalisierung massiv auszubauen. Kunden haben inzwischen erkannt, dass sie mit nachhaltigen Investitionen vom langfristigen Wachstum entsprechender Unternehmen profitieren und gleichzeitig einen positiven Einfluss nehmen können, vor allem mit Artikel-9-Produkten. Wer frühzeitig investiert, sichert sich die Möglichkeit, aus diesem Wachstumspotenzial Gewinne zu schöpfen.

Nachhaltige Megatrends und breite Risikostreuung


Ausschlaggebend für den Erfolg ist neben einem langfristigen Anlagehorizont auch die Wahl der richtigen Anlagethemen unter den neuen langfristigen Trends. Dazu müssen Anleger diese Trends erkennen und Unternehmen finden, die in den entsprechenden Bereichen Vorreiter sind. Gleichzeitig sind auch gute Fundamentaldaten sowie eine marktführende Position und vielversprechende Wachstums- und Gewinnpotenziale wichtig.

Viele dieser Trends drehen sich um die Verringerung des CO2-Ausstoßes – wie etwa erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft, grünes Bauen oder nachhaltige Ernährung.

Zwei Themen, die aktuell an Bedeutung gewinnen, sind nachhaltige Gebäude sowie der wachsende Markt für soziale und nachhaltige grüne Anleihen. Der Bausektor ist einer der größten CO2-Emittenten und eine der resourcenintensivsten Branchen – weshalb regulatorische Schritte hier einen wichtigen nachhaltigen Wandel anstoßen dürften. Insgesamt könnte die Dekarbonisierung von Gebäuden über verschiedene Sektoren hinweg Investments von bis zu 1,9 Billionen US-Dollar erfordern.

Infrastruktur-Updates sind auch immer Investmentchancen

Wenn die Anforderungen an die Nachhaltigkeit und die Energieeffizienz von Gebäuden zunehmen und Besitzer ihren Bestand sanieren beziehungsweise Neubauten bereits nachhaltig gestalten müssen, profitieren Anbieter von Lösungen und grünen Immobilienprojekten aus den verschiedensten Bereichen.

Ein weiteres wachsendes Feld sind soziale und nachhaltige grüne Anleihen. Der Markt für diese Art von Wertpapieren ist seit 2014 auf über 30 Milliarden US-Dollar angewachsen, und allein die EU hat für den Zeitraum 2021 bis 2027 rund 578 Milliarden Euro dem Kampf gegen den Klimawandel zugewiesen.

Mit Stand Februar 2024 machten Anleihen mit ESG-Label 15,4 Prozent des Investment-Grade-Universums aus. Emittenten verwenden diese Anleihen zur Finanzierung nachhaltiger Projekte, die verschiedene Ziele fördern – beispielsweise Inklusion, nachhaltige Mobilität und Infrastruktur, öffentliche Gesundheit, Kreislaufwirtschaft oder Wasseraufbereitung.

Wie bei den meisten Anlageformen ist eine breite Risikostreuung auch für nachhaltige Investments wesentlich. Deswegen sind Investoren gut beraten, die Risiken durch Allokationen in verschiedene nachhaltige Themen zu streuen. Parallel sollten Portfoliomanager in Unternehmen mit verschiedenen Marktkapitalisierungen investieren und gleichzeitig über Regionen und Sektoren diversifizieren.

Das trägt zu einem effektiven Risikomanagement bei. Die Expertise verschiedener spezialisierter Vermögensverwalter innerhalb eines delegierten Multi-Manager-Ansatzes zu nutzen, kann die Risikostreuung noch weiter optimieren – dank Investmentteams mit verschiedenen Anlagestilen und -prozessen.

Nachhaltige Investments bleiben vielversprechend – mit der richtigen Strategie

Das Thema Nachhaltigkeit ist nicht mehr wegzudenken und wird die Welt für die nächsten 30 Jahre beschäftigen – ungeachtet der jüngst schwächeren Dynamik bei entsprechenden Investments und den Sorgen um eine weitere Verschlechterung angesichts von Donald Trumps US-Präsidentschaft sowie der umstrittenen Behauptung, bei Nachhaltigkeit ginge es nur ums Geld.

Nachhaltiges Investieren steckt jedoch noch in den Kinderschuhen, und die ersten Schritte waren ziemlich holprig. Daher sollte uns die derzeitige Situation wenig überraschen. Vermögensverwalter und Unternehmen werden ihre Strategien schnell anpassen und neue Ideen entwickeln, und auch Regulierung und Messung werden weiter ausgebaut und standardisiert werden.

Nun müssen Asset Manager einfache und klare Lösungsansätze fördern, um den heutigen Herausforderungen unmittelbar und positiv zu begegnen. So können sie von den neuen, einzigartigen Chancen profitieren, die durch diesen globalen und strukturellen Wandel entstehen und nur mit einem nachhaltigen Anlagefokus zugänglich sind.

Mit einem langfristigen Anlagehorizont, Investments in die Vorreiter und Nutznießer nachhaltiger Megatrends, breiter Diversifizierung über Sektoren und Regionen sowie der Einbeziehung spezialisierter Investmentmanager können Anleger beachtliche Renditen erzielen und gleichzeitig den Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft fördern.

Über den Autor: 

Furio Pietribiasi, Mediolanum International Funds
© Mediolanum International Funds

Furio Pietribiasi ist Vorstandsvorsitzender (CEO) der in Dublin ansässigen Mediolanum International Funds.