DAS INVESTMENT: Die Nachhaltigkeit scheint derzeit ein unpopuläres Thema zu sein – zumindest nach Auffassung von Vermittlerverbänden. So hat der Votum-Verband vor kurzem erklärt, die Abfragepflicht zu ESG-Präferenzen für zwei Jahre aussetzen zu wollen. Auch der Vermittlerverband AfW findet diesen Vorschlag gut. Was meinen Sie dazu?
Jennifer Brockerhoff: Die geopolitische Realität hat sich verändert – das spüren wir auch in der Finanzwelt. In Zeiten von Krieg, zunehmender Instabilität und Unsicherheiten rücken kurzfristig andere Themen in den Vordergrund: Rüstung und fossile Brennstoffe gelten plötzlich als „opportun“ oder sogar notwendig. Dass Nachhaltigkeit dadurch etwas aus dem Fokus geraten ist, ist nachvollziehbar – aber es bedeutet nicht, dass sie irrelevant geworden ist. Ganz im Gegenteil. Nachhaltigkeit ist nicht tot – sie ist nur gerade in der nächsten Phase angekommen. Dass manche Verbände die ESG-Abfragepflicht aussetzen wollen, zeigt für mich eher, dass noch viel an Aufklärung fehlt – auf Seiten der Anbieter, Vermittler und Kunden. Aber gerade deswegen braucht es Formate, die Nachhaltigkeit greifbar machen. Es ist nicht immer bequem – aber langfristig notwendig.
Manche Menschen sehen die Entwicklung der Nachhaltigkeit in der Finanz- und Versicherungsbranche als Gartner Hype Cycle, bei dem wir nun im „Tal der Enttäuschung“ angekommen seien. Sehen Sie das auch so?
Brockerhoff: Ja, möglicherweise. Aber das gehört zu jeder echten Transformation dazu. Der Hype ist lange vorbei, jetzt beginnt die ernsthafte Arbeit – und die ist notwendig. Von Mo Gawdat gibt es schöne Regel, die ich gerne zitiere: DDAA – also Discovery, Debate, Acceptance, Arrogance. Damit beschreibt er einen immerwährenden Zyklus bei Veränderungsprozessen, den ich sehr anschaulich finde.
Sie haben vor kurzem Feeling Finance ins Leben gerufen. Wie passen Atemübungen, Yoga/Meditation und Finanzberatung zusammen?
Brockerhoff: Mit Feeling Finance biete ich neben der klassischen Finanzberatung mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit und Finanzberatung von Frauen nun auch verschiedene Finanzcoachings an. Nach meiner 1,5-jährigen Ausbildung zum FCM Finanz Coach ist es mir ein großes Anliegen, Finanzberatung und Finanzbildung holistischer zu sehen. Denn nach mehr als 25 Jahren als Finanzberaterin ist mir immer wieder aufgefallen, dass es manchmal mehr braucht, als die üblichen Zahlen, Daten und Fakten. Wir alle haben eine eigene Geldgeschichte, die dazu führen kann, dass Entscheidungen mit Geld schwerfallen können.
Hier verbinde ich zwei Welten, die auf den ersten Blick weit auseinander liegen – aber in Wirklichkeit sehr viel miteinander zu tun haben: Finanzbildung und Körperarbeit. Viele Menschen erleben beim Thema Geld nicht nur Unsicherheit oder Überforderung, sondern oft auch Stresssymptome – Anspannung, Druck oder das Gefühl, „blockiert“ zu sein. Hier setzen Methoden wie Atemübungen, somatische Körperübungen und achtsame Reflexion an. Der Name Feeling Finance steht für diese Verbindung – für ein neues, verkörpertes Geldgefühl. Nicht nur analytisch und rational, sondern auch fühlend, reflektierend und innerlich verbunden. Neben Einzelcoachings biete ich ebenfalls Workshops und Seminare an.
In welchen Punkten sind nachhaltige Geldanlagen den herkömmlichen überlegen?
Brockerhoff: Weil Geld eine Wirkung hat – und weil ich davon überzeugt bin, dass wir mit unseren Finanzentscheidungen Teil der Lösung sein können. Nachhaltige Anlagen können genauso rentabel sein wie konventionelle, mit dem Unterschied, dass sie Risiken wie Klimawandel, Menschenrechtsverletzungen oder schlechte Unternehmensführung aktiv berücksichtigen. Das macht sie meiner Meinung nach nicht nur ethisch, sondern auch ökonomisch überlegen – gerade langfristig.
Bei welchen Zielgruppen kommt Nachhaltigkeit gut an – und bei welchen nicht?
Brockerhoff: Besonders offen sind jüngere Menschen, Familien mit Kindern und Menschen, die bereits in anderen Lebensbereichen (Ernährung, Mobilität) auf Nachhaltigkeit achten. Schwieriger ist es manchmal bei Personen, die (kurzfristig) renditegetrieben sind oder Nachhaltigkeit als „Modewort“ wahrnehmen – da braucht es noch einiges an Aufklärung und manchmal auch Geduld.
Vor drei Jahren erklärte Silke Stremlau, damals Hannoversche-Kassen-Vorständin, im Interview mit DAS INVESTMENT, dass die Auffassung, dass Nachhaltigkeit Rendite kostet, grundlegend falsch sei. In Wirklichkeit sei es nämlich genau umgekehrt: Aufgrund der Kosten für Umweltstrafen, Nachjustierung bei neuen regulatorischen Anforderungen und ähnlichen Problemen, die auf Nicht-ESG-konforme Firmen zukommen, seien nachhaltige Firmen deutlich im Plus. Sehen Sie das auch so?
Brockerhoff: Ich teile die Einschätzung, dass ESG-Faktoren langfristig zur Risikominimierung beitragen und damit auch zur Stabilität der Rendite. Nachhaltige Unternehmen sind besser auf regulatorische Veränderungen vorbereitet, agieren transparenter, verantwortungsvoller und sind damit auch resistenter – das sind handfeste Vorteile in einem sich wandelnden Marktumfeld.



