Fußballspiel: Aufgrund der Kontaktbeschränkungen mussten in der Corona-Krise viele Sportveranstaltungen abgesagt werden. | © Adobe Stock / Pavel Losevsky Foto: Adobe Stock / Pavel Losevsky

Wirschaftliches Fiasko

Finanzielle Folgen der Verschiebung von EM, Olympia & Co

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Dass hinter internationalen Sportevents heutzutage unglaubliche Summen stecken, wird spätestens mit einem Blick auf die Preise für die Senderechte für Fußballspiele deutlich. Rund 115 Millionen Euro haben ARD und ZDF im Jahr 2008 gezahlt, um die Spiele frei im Fernsehen übertragen zu dürfen. Doch es sind längst nicht nur die Übertragungsrechte, die bei solchen Sportevents für Einnahmen in Millionen- oder sogar Milliardenhöhe sorgen.

Es sind auch die Werbung, der Merchandise, die Tickets, das Sponsoring und vieles mehr. Dementsprechend sind viele Nationen bereit, ebenso hohe Summen zu investieren, um ein Sportevent wie eben eine Fußball-Europameisterschaft oder Olympische Sommerspiele ins eigene Land zu holen. Kommt es allerdings zu einer Verschiebung der geplanten Termine, bleibt das nicht ohne Konsequenzen, wie die aktuelle Situation beweist.

Olympia droht zur Kostenfalle zu werden

Als deutlich wurde, dass die Olympischen Spiele im Jahr 2020 in Tokio stattfinden werden, hoffte ganz Japan auf den sogenannten „Olympia-Effekt“. Das Sportevent sollte die Wirtschaft ankurbeln und ebenso den Kapitalmarkt. „Ich möchte, dass mit den Olympischen Spielen 15 Jahre Deflation und wirtschaftlicher Niedergang passé sind“, erklärte Premierminister Shinzō Abe. Er erhoffe sich mehr Tourismus und war dafür bereit, in die Infrastruktur zu investieren.

Rund 80 Millionen Euro sollten in den Bau sowie die Renovierung der Stadien fließen, ebenso wie in die Verkehrsinfrastruktur, die Hotels und die Athletendörfer. Eine aktuelle Bestandsaufnahme zeigt, dass die Summe schlussendlich deutlich höher liegt, denn schon im Jahr 2018 war von einer Kostenexplosion die Sprache.

Rund 1,2 Milliarden Euro wurden bis heute investiert – in der Hoffnung, diese Investition würde sich im Jahr 2020 durch das Sportevent sowie den anschließenden wirtschaftlichen sowie touristischen Aufschwung refinanzieren.

Was damals allerdings noch niemand ahnen konnte, war, dass die weltweite Pandemie durch COVID-19 eine Verschiebung der Olympischen Spiele notwendig machen würde. Dementsprechend interessant ist die Frage, wie teuer diese Verschiebung Japan zu stehen kommt – und ob Olympia plötzlich zur Kostenfalle wird?

Folgekosten der Olympia-Verschiebung in Japan

Unterm Strich hätten die Olympischen Spiele rund 11,3 Milliarden Euro gekostet, so das Fazit des Organisationskomitees. Eine Summe, die für sportliche Großereignisse wie die Olympischen Sommerspiele keinesfalls ungewöhnlich ist, sich im Regelfall aber durch das Event selbst sowie anschließend problemlos amortisiert.

Dass Olympia nun aber erst im Jahr 2021 in Tokio stattfinden soll, sorgt dafür, dass die geplanten Einnahmen ausbleiben, ebenso wie die zahlreichen Touristen, die in diesem Rahmen erwartet wurden. Somit könnte die Verschiebung für Mehrkosten von weiteren 5,7 Milliarden Euro sorgen. Demgegenüber lagen die Einnahmen des IOC im Jahr 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio lediglich bei 5,3 Milliarden Euro. Zwar wird auch für das Jahr 2021 mit einer Steigerung gerechnet, ob Japan schlussendlich aber mit einem Verlust aus der Sache herausgeht, scheint angesichts der aktuellen Situation nicht unmöglich.

Doch es gibt einen Lichtblick: Unter Umständen springt die Versicherung „Insurance premium for Games cancellation“ ein. Allerdings liegt die Versicherungssumme im Regelfall im dreistelligen Millionenbereich – damit aber weit unter den realen Kosten. Zudem ist fraglich, ob die Versicherer angesichts der Pandemie zahlungsfähig bleiben, wenn zu viele Versicherungsnehmer auf einmal anspruchsberechtigt werden.

Auch die Aktienmärkte bleiben nicht unberührt

Die Verschiebung von Sportgroßereignissen wie den Olympischen Spielen hat somit weitreichende Konsequenzen, die auch zahlreiche andere Branchen betreffen. In diesem Fall waren es unter anderem die Versicherer, welche durch die Neudatierung des Events aus dem Takt gebracht wurden. Bei vielen Betroffenen stürzten die Aktien ab. Die Münchener Rück musste ihr für Ende Februar angekündigtes Aktienrückkaufprogramm aussetzen und ihre Jahresprognose korrigieren. Dieser Effekt auf die Börse ließ sich auch bei der Verschiebung der Fußball-Europameisterschaft beobachten.

Vor allem der DAX-Konzern Adidas muss dadurch erhebliche Verluste einplanen. Eine Vorhersage wollte dort in den vergangenen Monaten hingegen niemand treffen, denn die Situation gilt als unvorhersehbar. Allein im ersten Quartal hat das Unternehmen aber Umsatzeinbußen von schätzungsweise bis zu einer Milliarde Euro gemacht. Auch weitere Sportartikelhersteller wie Puma oder Nike schüren sich in Unsicherheit, was sich auf den Aktienmärkten bemerkbar macht.

UEFA fürchtet Verlust durch EM-Verschiebung

Während die UEFA an ihrem Aushängeschild, der  Champions League festhält und das Turnier in einem abgeänderten Schnellmodus ohne Zuschauer in Lissabon stattfinden lässt, fällt ein ähnliches Szenario für das internationale Großturnier flach. Lange Zeit hat die UEFA  versucht, die Verschiebung oder gar die Absage der Europameisterschaft zu verhindern. Mit der Verschiebung ist nun zumindest die weniger schädliche Wahl gefallen – dennoch sorgt diese für einen geschätzten Verlust von etwa 300 Millionen Euro.

Sollte es bei diesem Betrag bleiben, so hätte die UEFA eigener Aussage zufolge genügend Reserven, um die Folgekosten der Verschiebung zu überbrücken. Doch das Beispiel Tokio macht deutlich, wie schnell die Kosten explodieren können und somit möchte auch hier bislang noch niemand von konkreten Zahlen sprechen. Diese Berechnungen machen zudem bewusst, weshalb die der europäische Fussballverband lange Zeit versucht hat, an dem ursprünglichen Termin festzuhalten.

Zudem wurde mit Erfolg die vollständige Absage verhindert, sodass die Einnahmen der EM 2021 bestenfalls die Verluste decken können. Ob das gelingt, bleibt jedoch abzuwarten. Fakt ist trotzdem, dass das Turnier im Folgejahr anders aussehen wird als ursprünglich geplant. Denn gerade diese Europameisterschaft birgt ungewohnte Herausforderungen, da sie aufgrund eines Jubliläums ausnahmsweise in unterschiedlichen Ländern ausgetragen werden soll.

Folgen und Probleme einer solchen Verschiebung

Nicht nur in finanzieller Hinsicht bringt die Verschiebung sportlicher Großereignisse somit einige Probleme mit sich, sondern es entstehen noch weitere Konsequenzen, die beispielsweise die Organisation betreffen – somit verursachen sie Mehrkosten, wo sich der Kreis wieder schließt. Betroffen sind beispielsweise die Wettanbieter, welche Ihre Quoten neu kalkulieren und ihre Prognosen anpassen müssen, wodurch widerum viele Spekulanten an den Börsen betroffen sind.

Aber auch die Infrastruktur der einzelnen Länder muss angepasst werden. Zudem stehen Fragen im Raum, wie: Müssen bereits verkaufte Tickets erstattet werden und inwiefern wirkt sich die Verschiebung auf die nationalen Ligen aus?

Schließlich gibt es dadurch im Jahr 2021 keine Sommerpause und somit könnten europäische Nationalspieler bei der Weltmeisterschaft im Folgejahr einen Wettbewerbsnachteil erfahren. Zuletzt stehen auch einige Städte im Visier, denn Bilbao und Rom sind als Spielstätten für die EM 2021 fraglich geworden.

Einige Länder leiden unter Mehrfachbelastung

Eigentlich hätte das Eröffnungsspiel der Europameisterschaft in Rom stattfinden sollten und auch weiterhin hält die UEFA am ursprünglichen Plan fest, die Endrunde der nächsten EM in zwölf verschiedenen Spielorten quer durch Europa auszutragen. Ein Vorhaben, das angesichts der Pandemie für zusätzliche Probleme sorgt, denn einige Nationen sind durch die wirtschaftlichen Folgen härter getroffen als andere.

Gerade Italien und Spanien müssen ihre Ausgaben daher aktuell bündeln und Fußballgroßereignisse wie die Europameisterschaft passen kaum in diese Pläne. Noch scheint daher unklar, ob Rom und Bilbao als Spielstätten bestehen bleiben oder nicht – und welche finanziellen Folgen dies in letzterem Fall hätte.

Auch Athleten und Sportler rechnen mit Einbußen

Dass viele Branchen, Unternehmen & Co von der Verschiebung der Sportevents im Jahr 2020 betroffen sind, wird durch die Beispiele der Fußball-Europameisterschaft und Olympischen Spiele bereits deutlich. Aber auch die Sportler selbst bleiben von dieser Entscheidung nicht unberührt. Befürchtet wird, dass vor allem im Rahmen der verschobenen Olympischen Spiele zahlreiche Athleten in eine finanzielle Schieflage rutschen könnten und vielleicht sogar ihre Teilnahme im Jahr 2021 absagen müssen.

Das wiederum könnte ein geringeres Zuschauerinteresse und damit auch sinkende Einnahmen bedeuten. Allerdings ist es auch diesbezüglich beinahe unmöglich, in dieser neuen und einzigartigen Situation zuverlässige Vorhersagen zu treffen. Der Deutsche Olympische Sportbund sei eigener Aussage zufolge jedenfalls auf die Einnahmen angewiesen, um die getätigten Sach- sowie Personalkosten zu decken.

Fazit und Ausblick

Die finanziellen Auswirkungen ziehen sich somit wie ein Rattenschwanz durch viele verschiedene Bereiche und könnten noch weitreichendere Konsequenzen haben als auf den ersten Blick befürchtet. Aber auch das gegenteilige Szenario ist denkbar: Vielleicht werden die Einnahmen durch Olympia, EM & Co schlussendlich so hoch sein, dass alle finanziellen Folgen der Verschiebung schnellstens vergessen sind.

Schließlich lässt sich auch ein steigender „Hunger“ der Menschen nach solchen Großereignissen sowie nach dem Reisen beobachten, wodurch sie zu entsprechenden Ausgaben durchaus bereit sind.

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