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Corona-Pandemie

Diese Auswirkungen bekommen Versicherungsvermittler zu spüren

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Die Corona-Krise geht an niemandem spurlos vorbei. Neben den Einschnitten im privaten Bereich hat es wirtschaftlich vor allem die Unterhaltungsbranche und die Gastronomie hart getroffen. Auch der Tourismus meldet einen dramatischen Einbruch der Einnahmen. Während der E-Commerce boomt, spüren vor allem kleinere Betriebe und Selbstständige spätestens im zweiten Lockdown die existenzbedrohenden Folgen der weltweiten Pandemie.

Die Versicherungsbranche kämpft an verschiedenen Fronten gegen die wirtschaftliche Ausnahmesituation, die die Krise mit sich bringt. Aber nicht nur die großen Konzerne stehen vor neuen Herausforderungen, auch für den einzelnen Versicherungsvermittler hat die Corona-Krise schwerwiegende Folgen.

Einschnitte im Tourismus wirken sich auf Versicherer aus: Die Reiserücktrittsversicherung als Zankapfel

Die Tourismusbranche gehört zu den größten Verlierern der weltweiten Pandemie. Die Reisemöglichkeiten sind stark eingeschränkt, das Beherbergungsverbot und die Ein- und Ausreiseverbote vieler Länder machen vor allem private Reisen nahezu unmöglich und die Stornierungsanfragen erreichen ein Rekordniveau. Gleichzeitig rückt die Reiserücktrittversicherung zunehmend in den Fokus.

Wer bereits vor Ausbruch der Pandemie eine Reise gebucht hat, die er jetzt nicht antreten kann, möchte Gebrauch von dieser wirtschaftlichen Absicherung machen. Versicherungsvermittler berichten von einem sprunghaften Anstieg der Nachfrage nach Reiserücktrittsversicherungen auch für weit in der Zukunft liegende Reisen. Gleichzeitig erreicht aber auch die Anzahl der Streitfälle rund um das Thema Stornierung und Reisekostenerstattung ein bislang kaum gekanntes Niveau.

Versicherungsvermittler stehen als Ansprechpartner für beide Parteien meist in der ersten Reihe der Auseinandersetzungen und kommen in Anbetracht der ungewohnten Umstände in Erklärungsnot, denn das Risiko einer Pandemie ist in vielen Versicherungstarifen nicht mitversichert. Darüber hinaus gibt es zahlreise Unklarheiten und Definitionslücken im Hinblick auf die Leistungspflicht eines Versicherers, wenn die Reise im Zusammenhang mit Corona storniert wird. Hier steht die Beratungs- und Informationspflicht des Versicherungsvermittlers aktuell besonders auf dem Prüfstand.

Wer sich einen Überblick über Versicherungsfragen im Zusammenhang mit Corona verschaffen will, stößt bei der Recherche aktuell auf diese Kernpunkte:

  1. Die Versicherung verweigert in der Regel die Kostenübernahme bei Reisestorno ohne konkreten Grund. Sollten der Reiseveranstalter oder die Fluggesellschaft absagen, steht dem Versicherten eine abzugsfreie Rückzahlung zu. Storniert dieser allerdings aus persönlichen Bedenken, ist eine Rückerstattung meist ausgeschlossen.
  2. Ein positiver Covid-19-Test ist aktuell in einigen Tarifen ausreichend, um den Reiserücktritt zu rechtfertigen. Andere Versicherungen schließen Pandemien hingegen ausdrücklich von Leistungen aus.
  3. Muss eine versicherte Person in Quarantäne und kann eine Reise nicht antreten, besteht in der Regel keine Leistungspflicht auf Seiten des Versicherers. Gleiches gilt, wenn der Versicherte die Reise stornieren möchte, weil ihm aufgrund der Einreisebestimmung im Zielland eine Quarantäne droht.
  4. Einreiseverbote führen in der Regel dazu, dass Reiseveranstalter und Fluglinien den Reisepreis zurückzahlen müssen. Hier bleibt die Reiserücktrittversicherung grundsätzlich außen vor.
  5. Wird ein Versicherter während seiner Reise unter Quarantäne gestellt und muss seinen Aufenthalt verlängern, ist nicht die Reiserücktrittversicherung für die Kostenübernahme zuständig, sondern die staatlichen Behörden, die die Maßnahme verhängt haben. Gleiches gilt, wenn ein Reiseantritt aufgrund von Einreiseverboten nicht möglich ist. In diesem Fall ist ebenfalls die staatliche Behörde zuständig, die die Maßnahme verhängt hat.
  6. Kann eine Inlandsreise aufgrund des Beherbergungsverbotes nicht in Anspruch genommen werden, fallen die Stornierungskosten in die Verantwortung des Reiseveranstalters, des Transportunternehmens oder des Gastgebers.

Während die Reiserücktrittsversicherung auf der einen Seite immer häufiger zum Zankapfel zwischen Versicherten, Vermittlern und Versicherungsunternehmen wird, melden Versicherungsvermittler gleichzeitig auch ein größeres Interesse an einer zusätzlichen Absicherung der Reisekosten. War die Reiserücktrittsversicherung in der Vergangenheit vor allem bei Fernreisen und einer langen Reisedauer von Interesse, werden die Tarife aktuell auch für kürzere Aufenthalte und Reisen im Inland angefragt.

Hinzu kommt ein stärkeres Interesse vieler Versicherter im Hinblick auf die versicherten Leistungen im Einzelnen. Produkte, die eine Pandemie als Leistungsgrund ausschließen, werden vom Gros der Versicherten von vornherein abgelehnt.

Die Vertriebsseite der Versicherungswirtschaft spürt Folgen der Corona Pandemie

Für die Versicherungskonzerne war das Geschäftsjahr 2020 ein Verlust. Einen Prämienverlust von rund 360 Milliarden Euro berichtet der Versicherungsbote unter Berufung auf den Allianz Global Insurance Report 2020. Am stärksten betroffen sei der Bereich der Lebensversicherungen mit einem Umsatzrückgang von 4,4 Prozent.

Auf der Vertriebsseite ist die Versicherungswirtschaft bereichsübergreifend von einschneidenden Veränderungen betroffen. So beklagen Versicherungsvermittler die erschwerten Beratungs- und Vermittlungsbedingungen durch die Kontaktbeschränkungen. Der persönliche Kontakt zum Kunden ist für viele Vermittler ein strategisch wichtiger Aspekt, um Vertrauen aufzubauen, den individuellen Bedarf zu ermitteln und Absicherungslücken durch eine kompetente Beratung schließen zu können. Hier ist allerdings die Digitalisierung eine große Chance, denn mit ihr kann der Kontakt über digitale Wege aufrechterhalten werden.

Der Druck auf Versicherungsvermittler wächst. Ein extrem hohes Arbeitsvolumen steht alarmierend niedrigen Einnahmen gegenüber. Das ist das Ergebnis des Policen Direkt Maklerbarometers 2020, das im Mai und Juni im Rahmen einer Online-Umfrage die unmittelbaren Auswirkungen der Corona-Krise auf den Versicherungsvertrieb und die Versicherungsvermittler im Einzelnen untersuchte. 463 Versicherungsvermittler stellten für die Erhebung ihre Erfahrungen im Zuge der Corona-Pandemie zur Verfügung.

39 Prozent der Befragten gaben an, sich einem stark erhöhten Anfragenanstieg gegenüberzusehen. Gleichzeitig sinkt das Einkommen der Vermittler insbesondere im Sachbereich und in Geschäftsmodellen, die überschussorientiert arbeiten oder einen starken Fokus auf Geschäftskunden haben. Etwa 5 Prozent der an der Umfrage beteiligten Makler sah sich bereits existenzbedrohenden Einnahmeeinbußen gegenüber und dachte über einen Berufswechsel nach.

Kleinere Zäsur als Finanzkrise

Besonders stark betroffen fühlen sich Versicherungsvermittler im fortgeschrittenen Alter. 60 Prozent der Befragten in der Altersgruppe 55+ planen bereits jetzt, ihre Beratertätigkeit über das gesetzliche Rentenalter hinaus fortsetzen zu wollen. Der Grund dafür ist eine nicht ausreichende wirtschaftliche Absicherung im Alter durch die vorherrschende Krise.

Die Mehrheit der Vertriebsexperten in der Versicherungswirtschaft rechnet damit, dass die negativen Folgen der Corona-Pandemie noch bis zum Ende des Geschäftsjahres 2021 spürbar bleiben werden. Erst für 2022 wird ein erneuter Aufschwung prognostiziert. Bis zur Mitte des Geschäftsjahres 2022 soll das Wachstumsniveau der Versicherungsbranche vor der Krise jedoch realistisch wieder zu erreichen sein. Damit hätte die Branche die Zäsur wirtschaftlich schneller verdaut als die die Finanzkrise 2010, die ebenfalls fatale Folgen für die Versicherungswirtschaft mit sich brachte.

Um die durch die Pandemie ausgelöste Krise zu überstehen, wird sich der Versicherungsvertrieb grundlegend anders aufstellen müssen. Die aktuelle Situation kann neue Chancen eröffnen und die Branche grundlegend revolutionieren.

Welche Chancen sich ergeben

Zwar ist ein deutlicher Rückgang in vielen Versicherungsbereichen zu verzeichnen, andere Sparten bieten allerdings auch ein enormes Wachstumspotenzial. Zu den vielversprechendsten Produkten gehören Betriebsschließungsversicherungen, Veranstaltungsausfallversicherungen und Reiserücktrittversicherungen. Hier muss es dem Vertrieb gelingen, sein Portfolio bedarfsorientiert zu erweitern, um das Wachstumspotenzial auszuschöpfen.

Eine weitere große Chance bietet die Digitalisierung, die aufgrund der Kontaktbeschränkungen vor allem für Berater und Vermittler zu einem unverzichtbaren Asset geworden ist. In diesem Bereich blieb die Versicherungswirtschaft bislang in vieler Hinsicht noch weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Die aktuelle Situation macht digitale Prozesse, insbesondere im Kundenservice und im persönlichen Kontakt mit dem Kunden, unumgänglich und eröffnet gleichzeitig die Möglichkeit, neue Kommunikationskanäle nachhaltig zu erschließen und auszubauen und damit auch die Reichweite der gesamten Branche spürbar zu vergrößern.

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