Brücke in Canary Wharf Foto: IMAGO / Jochen Tack

Schutz vor Inflation

Drei Strategien für Anleihe-Anleger

Scott DiMaggio und Gershon Distenfeld, Leiter Fixed Income bei Alliance Bernstein (AB).

Das derzeitige Marktumfeld macht Anleihenanleger nervös. Extrem niedrige Renditen machen es schwer, ausreichendes Anlageeinkommen und Ertragschancen zu finden. Das Wirtschaftswachstum erholt sich von seinem Einbruch im Jahr 2020, aber der Pfad der Erholung ist ungewiss. Massive fiskalische Anreize könnten die Inflation wieder anheizen – ein seit Langem schlummerndes Risiko, mit dem die Anleger nur schwer umgehen können. Und das wieder anziehende Wachstum hat zu steigenden Renditen geführt, was ironischerweise die Ängste der renditehungrigen Anleger eher schürt, als sie zu lindern.

Inflation und steigende Zinsen im Anmarsch?

Wir stimmen zu, dass sich die Weltwirtschaft an der Schwelle zu einem neuen, inflationäreren Zeitalter befindet. Aber wir erwarten in nächster Zeit keine signifikante und anhaltende Inflation. Wir glauben auch nicht, dass die Zinsen dramatisch steigen werden: Sollten steigende Renditen drohen, Risikoanlagen aus der Bahn zu werfen, werden die Zentralbanken wahrscheinlich eingreifen.

Die Renditen dürften daher in den meisten Märkten bis Ende 2021 niedrig bleiben. Selbst in den USA, die wahrscheinlich schneller wachsen werden als andere entwickelte Volkswirtschaften, dürfte die Rendite 10-jähriger Treasuries Ende 2021 nur auf circa 1,75 Prozent steigen.

Dennoch könnten die massiven Konjunkturpakete überall dazu führen, dass die Inflation unerwartet steigt. Aus diesem Grund halten wir es für ratsam, vorbereitet zu sein – und das bedeutet, aktiv zu bleiben. Im Gegensatz zu passiven Strategien können aktive Manager mehrere Hebel und Stellschrauben bedienen, um Portfolios durch das aktuellen und sich ändernde Marktfeld zu navigieren. Im Folgenden finden Sie drei Anpassungen, die Anleger unserer Meinung nach heute berücksichtigen sollten.

1. Duration moderat reduzieren

Eine moderate Verkürzung der Duration kann dazu beitragen, Volatilität und Verluste bei steigenden Zinsen zu mindern und ist zudem oft eine effektive Absicherung gegen das Inflationsrisiko. Aus zwei Gründen sollten Sie jedoch nicht in Barmittel umschichten oder Ihr Durationsengagement drastisch verkürzen. Erstens könnte diese Strategie dazu führen, dass Sie bald sowohl den einkommensgenerierenden Anleihen als auch der Inflation hinterherhinken. Zweitens dienen die Staatsanleihen, die für Duration sorgen, als Ausgleich für Verluste aus den Risikoanlagen – selbst wenn die Anleihenrenditen niedrig oder negativ sind.

An Tagen, an denen US-Aktien im Jahr 2020 fielen, blieb die Korrelation zwischen US-Treasuries und dem S&P 500 (Abbildung, unten links) unter –0,4. Und in Europa lagen die Renditen 10-jähriger deutscher Bundesanleihen weit im negativen Bereich, als die Aktienmärkte im März und September fielen. Doch die Korrelation zwischen Bundesanleihen und dem MSCI Europe Index (Abbildung, unten rechts) wurde während dieser Ausverkäufe sogar noch negativer und fiel auf etwa –0,5. Mit anderen Worten: Staatsanleihen bewiesen ihre defensiven Eigenschaften, als diese am meisten benötigt wurden.

Korrelationen können unbeständig sein. Zuletzt sorgten Anfang März steigende US-Staatsanleihenrenditen (und fallende Anleihenkurse) für Schwäche bei Aktien. Längerfristig glauben wir jedoch, dass negative Korrelationen überwiegen werden und Staatsanleihen einen wesentlichen Sicherheitsanker darstellen sollten.

2. Unkorrelierte Segmente kombinieren

Eine gesunde Allokation in verschiedene festverzinsliche Anlageklassen ermöglicht es Anlegern, an der Aufwärtsentwicklung zu partizipieren, wenn Risikoaktiva anziehen. Tatsächlich gehören zu den effektivsten aktiven Strategien solche, die Staatsanleihen und andere zinssensible Anlagen mit wachstumsorientierten Anleihen in einer einzigen, dynamisch verwalteten Strategie kombinieren.Solch ein Ansatz kann Managern helfen, die Wechselwirkung zwischen Zins- und Bonitätsrisiken in den Griff zu bekommen. Die Fähigkeit, negativ korrelierte Anlageklassen neu zu gewichten, hilft dabei, Einkommen und potenzielle Erträge zu generieren und gleichzeitig das Ausmaß von Verlustphasen zu begrenzen.

3. Höherverzinste Sektoren nutzen

Risikoaktiva wie hochverzinsliche Unternehmensanleihen tendieren dazu, in einem Umfeld steigender Zinsen eine überdurchschnittliche Wertentwicklung zu erzielen, insbesondere wenn die Inflationserwartungen steigen. Das liegt daran, dass solche Bedingungen typischerweise mit einem soliden Wirtschaftswachstum einhergehen, das die Kreditvergabe unterstützt. Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, dann liegt das daran, dass das unser heutiges Umfeld ist.

Anleger, die sich ernsthafte Sorgen über eine steigende Inflation machen, könnten explizite Inflationsschutzstrategien in Betracht ziehen. Beim Aufbau eines Allwetterportfolios sind sie jedoch keineswegs auf inflationsgebundene Anleihen beschränkt.

Der Schlüssel heißt Diversifizierung. Suchen Sie nach überzeugenden Risiko-Ertrags-Profilen in Sektoren und Regionen mit unterschiedlichen Inflations- und Zinsumfeldern. Und seien Sie wählerisch. Fundamentale Faktoren sind wichtig. In einer Welt mit über 17 Billionen US-Dollar an negativ rentierenden Schuldtiteln heben sich Teile des globalen Marktes für Unternehmenskredite als eine große Gruppe von Vermögenswerten ab, die attraktive Renditen bieten. Die Fundamentaldaten sind im Großen und Ganzen günstig, die Unternehmen haben die niedrigen Zinsen genutzt, um ihre Liquiditätspuffer zu stärken, und die Angebots- und Nachfragedynamik ist sehr vorteilhaft.

Finanzanleihen, CRT, Schwellenländer

Finanzanleihen sollten von einer wirtschaftlichen Erholung und steigenden Zinsen profitieren. Wenn die Zinsen steigen, steigen auch die Margen der Banken. So liegen beispielsweise die Renditen für nachrangige Additional-Tier-1-Anleihen europäischer Banken über denen anderer europäischer und US-amerikanischer Hochzinsemittenten, obwohl ihre Bilanzen durch verbesserte Kapital- und Liquiditätsquoten gestärkt wurden.

Für einen gesunden Renditeaufschlag gegenüber Investment-Grade-Unternehmensanleihen können festverzinsliche Anleger auch auf verbriefte US-Vermögenswerte zurückgreifen. Insbesondere glauben wir, dass Credit-Risk-Transfer-(CRT-)Wertpapiere, von staatlich geförderten US-Unternehmen emittierte hypothekarisch gesicherte Anleihen, dank der robusten Nachfrage auf dem US-Wohnimmobilienmarkt besonders attraktiv sind. Aufgrund ihrer variablen Verzinsung bieten CRTs Schutz vor steigenden Zinsen und einen soliden Schutz vor Inflation.

Auch für Schwellenländernanleihen sind wir zuversichtlich: Der schwächeren US-Dollar, fortgesetzte fiskalische Anreize, attraktive Bewertungen und die starke Nachfrage der Anleger nach Einkommen in einem Niedrigzinsumfeld begünstigen diese.

Was haben diese verschiedenen Sektoren gemeinsam? Sie sollten alle davon profitieren, wenn sich die Spreads verengen, weil die Impfkampagnen fortschreiten, die Volkswirtschaften sich wieder öffnen und das Wachstum wieder anzieht.

Steigende Zinsen sind langfristig positiv

Wir wissen, dass steigende Anleihenrenditen kurzfristig schmerzhaft sein können, da die Kurse fallen. Auf lange Sicht sind steigende Zinsen jedoch gut für Anleger, denn das Einkommen, das Anleihen in Form von Kuponzahlungen generieren, wird zu neuen und höheren Zinsen reinvestiert. Um diesen Effekt zu veranschaulichen, haben wir ein einfaches Portfolio von Staatsanleihen modelliert und es durch einen plötzlichen Anstieg der Zinsen um 125 Basispunkte „geschockt“. Wie würde seine unmittelbare Performance aussehen? Und wie würden sich dann die folgenden Jahre entwickeln?

Zu Beginn verzeichnet das Portfolio einen Kursverlust. Trotzdem erwirtschaftet das Portfolio Einkommen, das später zu einer höheren Rendite reinvestiert werden kann. Das hilft, den Kursverlust auszugleichen und in weniger als zwei Jahren schreibt unser Portfolio wieder schwarze Zahlen. Und im dritten Jahr ist das Portfolio mehr wert und wächst schneller. 

Unsere Faustregel lautet: Solange die Duration Ihres Portfolios kürzer ist als der Anlagehorizont, werden Sie von steigenden Zinsen profitieren - egal wie stark der Zinsanstieg ist. Mit den richtigen Strategien können steigende Zinsen sogar dazu beitragen, Ihre gesamt Vermögensallokation zu stützen. 

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