Die Würfel sind gefallen, der Wähler hat gesprochen – Deutschland steht vor einem politischen Kurswechsel. Eine Neuauflage der „Großen Koalition“ aus Union und SPD soll bis Ostern in den Startlöchern stehen.
Investoren müssen sich auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen. Während die Union marktwirtschaftlichen Prinzipien wieder mehr Geltung verschaffen möchte, tendiert die SPD zum Steuerruder staatlicher Lenkung. Doch überraschenderweise könnte gerade dieses Spannungsfeld zwischen Markt und Staat für Investoren Chancen bereithalten. Für die Sektoren Wohnimmobilien und Energien birgt die bürgerlich-soziale Melange Aussicht auf neuen Schwung.
Viel aufzuholen in Sachen Wohnungsbau
Der deutsche Wohnungsmarkt gleicht einem festgefahrenen Tanker: Explodierende Baukosten, bürokratische Marathonläufe bei Genehmigungen und hohe Zinsen haben die Bautätigkeit nahezu zum Erliegen gebracht. Die künftige Koalition könnte diesem Stillstand mit einem Cocktail aus steuerlichen Anreizen, entschlackten Regularien und gezielten Förderungen begegnen.
Im Vergleich zur Vorgängerregierung hätte Schwarz-Rot viel Luft nach oben: Denn die bisherige Ampel-Regierung hat ihre Ziele im Wohnungsbau klar verfehlt: Dabei ist sie kontinuierlich und deutlich hinter ihrem angekündigten Ziel von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr zurückgeblieben. Im letzten vollen Ampeljahr 2023 um mehr als 100.000 Wohnungen, wobei das Ifo-Institut für 2024 einen weiteren Rückgang um 45.000 Wohnungen prognostiziert.
Zwischen Kickstart und Deutschlandfonds
Die Union bringt in ihrem Wahlprogramm markante Akzente ein: Mit Sonderabschreibungen für Neubauten, insbesondere im Geschosswohnungsbau, will sie dem Neubau einen „Kickstart“ verpassen. Eine gesunde Portion Pragmatismus und die Entschlackung bei den Baugenehmigungsverfahren sollen Fläche in neues Bauland verwandeln und Baukosten eindampfen. Die geplante Erhöhung der Freibeträge der Grunderwerbsteuer könnte den Traum vom Eigenheim für viele wieder in greifbare Nähe rücken.
Die SPD kontert mit ihrer Vision staatlicher Impulse: Der sogenannte Deutschlandfonds soll als Kapitallieferant dienen, um auch die Privatwirtschaft für den Wohnungsbau zu mobilisieren. Gezielte Förderprogramme für energetische Sanierungen könnten zudem den Gebäudebestand „klimafit“ machen und gleichzeitig Investitionsanreize setzen. Überbordende Bürokratie versprechen auch die Sozialdemokraten einzudämmen – unter anderem mit dem Werkzeugkasten der Digitalisierung,
Erneuerbare Energien: Mehr privatwirtschaftliches Engagement
Während der Nachhaltigkeitszug auf EU-Ebene bei den Erneuerbaren Energien weiterrollt, liest sich hier auch die Bilanz der Ampel freundlicher: sowohl beim Ausbautempo als auch in puncto niedriger Bürokratiehürden bei Themen, wie dem Bau von Energiespeichern. An einer neuen Regierung liegt es, diesen Zug nicht umzuleiten, sondern dessen Triebkraft nochmals zu erhöhen.
Vermutlich bekäme die Energiewende unter Schwarz-Rot eine neue Tonalität. Anders als bei der Ampel-Koalition rücken wirtschaftliche Effizienz und privatwirtschaftliches Engagement stärker ins Zentrum – ein Ansatz, der unterschiedliche, aber kompatible Vorstellungen beider Parteien vereint.
Technologieoffenheit trifft Ausbautempo
Die Union setzt auf Technologieoffenheit: Neben der konsequenten Nutzung und dem weiteren Ausbau von Wind-, Wasser- und Solarenergie will man auch für andere Energieformen offenbleiben – dabei wird es zum Beispiel spannend, wie perspektivisch auch Ansätze zur Kernenergie der vierten und fünften Generation mit wirtschaftlicher Effizienz in der Praxis umgesetzt werden sollen. Inklusive Endlagerdiskussion.
Für den dringend benötigten Ausbau der Energieinfrastruktur und der Energieproduktion betont die Union die Bedeutung privaten Kapitals, was auf Zugangserleichterungen für Investoren hindeutet. Eine echte europäische Energieunion soll den Strommarkt resilienter machen, während Stromsteuern für alle sinken sollen.
Die SPD rückt die Erneuerbaren im Vergleich noch mehr ins Zentrum ihrer Energiepolitik. Um den Kraftakt der Energiewende zu stemmen, setzt sie auf Förderungen und innovative Beteiligungsmodelle für private Investoren über ihren Deutschlandfonds. Die angestrebte Stabilisierung der Netzentgelte verspricht zudem verlässlichere Strompreise – und soll ein Signal der Stabilität an Verbraucher und Wirtschaft senden.
Ausblick für Investoren: Gelingt die Kehrtwende?
Die sich abzeichnende schwarz-rote Koalition könnte das bieten, was Investoren am meisten schätzen: Berechenbarkeit. Während der Wohnimmobilienmarkt durch die Kombination aus steuerlichen Impulsen, Bürokratieabbau und gezielter Förderung neuen Schwung erhält, soll der Sektor der Erneuerbaren Energien in seinen Wachstumskurs weiter angekurbelt werden – flankiert von entsprechenden Anstrengungen beim Infrastrukturausbau und mit einem stärkeren Fokus auf privatwirtschaftlichem Engagement.
Für Investoren kristallisieren sich dabei potenzielle Chancen heraus:
- Im Wohnungssektor: Steuerliche Entlastungen und beschleunigte Verfahren schaffen ein attraktiveres Umfeld für Neubauprojekte, während Fördermaßnahmen, wie die Idee des Deutschlandfonds, neue Anlagemöglichkeiten im (sozialen) Wohnungsbau eröffnet.
- Bei erneuerbaren Energien: Neue Förderungen, die stärkere Einbeziehung privaten Kapitals und niedrigere Investitionshürden sollen das Tempo beim Ausbau hochhalten. Ein noch stärkerer Fokus liegt auf dem Faktor Infrastruktur, was zum Beispiel Assets wie Energiespeichern zugutekommen dürfte.
- Im regulatorischen Umfeld: Die angekündigten Maßnahmen versprechen ein investitionsfreundliches Umfeld durch pragmatischere und günstigere Genehmigungsverfahren – mit positiven Implikationen für die Erträge neuer Projekte und entsprechende Renditeerwartungen der Investoren.
Mehr Europa bei Fragen der Versorgung mit Wohnraum und Energie
Bei all dem dürfen wir auch die europäische Dimension der vor uns liegenden Herausforderungen nicht außer Acht lassen. Der Kontinent steht nicht nur bei den aktuellen Mega-Themen Verteidigung und Migration vor einem gemeinsamen Kraftakt: Der europäische Gedanke sollte uns auch dabei leiten, die elementaren Fragen der Versorgung mit Wohnraum und Energie gemeinschaftlich zu beantworten – zum Beispiel durch die Schaffung europäischer Fördersysteme, die Harmonisierung von Vorgaben und die Etablierung steuerlicher Anreizsysteme für Investoren.
Das sind Maßnahmen, die wiederum schwarz-rote Gestaltungspräferenzen spiegeln würden. Soweit die Theorie. Ob im tatsächlichen „politischen Nahkampf“ Streit oder Einigkeit die Koalitionsverhandlungen prägen und wie rasch wir möglichen, oben skizzierten Lösungen näherkommen, bleibt die Frage der nächsten Wochen.
Über den Autor: Daniel Regensburger (38) ist seit Januar 2025 Co-Vorstandsvorsitzender des auf nachhaltige Sachwerte-Fonds spezialisierten Investment Managers Pangaea Life Capital Partners im schweizerischen Zug. Zuvor leitete er als einer von drei Geschäftsführern für mehrere Jahre die Geschicke der für Vertrieb und Vermarktung der Pangaea Life Fonds zuständigen Pangaea Life GmbH in München. Zuvor durchlief Regensburger verschiedenen Positionen bei der Versicherungsgruppe die Bayerischen, darunter als Vorstandsassistent von Martin Gräfer und als Leiter der Vertriebsdirektion Süd der Gruppe.
