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Die Küste Naurus Foto: imago images / Design Pics

Kreislaufwirtschaft

Nauru – das verschwundene Paradies

Weiße Sandstrände, eine atemberaubende Unterwasserwelt und das ganze Jahr lang Temperaturen um die 27 Grad: Nauru hat das Zeug zum tropischen Paradies. Und lange Zeit war es der winzige Inselstaat im Pazifik für seine rund 10.000 Einwohner auch. Mitte der 1970er-Jahre lag das jährliche Pro-Kopf-Einkommen bei geschätzt 50.000 US-Dollar – weltweit Platz 2 hinter Saudi-Arabien. Zum Vergleich: Jeder Deutsche erwirtschaftete 1975 lediglich rund 6.000 US-Dollar.

Bis zu Beginn der 2000er-Jahre lebten die Bewohner Naurus sorglos: Die medizinische Versorgung war ebenso gratis wie andere öffentliche Dienstleistungen; Steuern gab es quasi nicht. Im Schnitt hatte jeder Haushalt eine Jacht und mehrere Autos – obwohl es auf dem 21 Quadratkilometer kleinen Eiland nicht einmal 30 Kilometer asphaltierte Straßen gibt. Dann jedoch versiegte die Quelle des Reichtums.

Der Preis für das sorglose Leben ist hoch

Basis des Reichtums waren die riesigen Phosphatreserven auf Nauru. Diese entstanden aus dem Kot, den Seevögel über Jahrhunderte auf der Insel hinterlassen haben. Der Abbau des Minerals, das vor allem in der Düngemittelproduktion zum Einsatz kommt, war ein lukratives Geschäft. Allerdings auch das einzige der kleinsten Republik der Welt.

Um die Jahrtausendwende jedoch gaben die Phosphatvorkommen nicht mehr viel her. Auch die Seevögel sind verschwunden, da ihr Lebensraum vom Abbau zerstört wurde – und es zeigt sich, wer den Preis für das einst so schöne Leben bezahlen muss: Die Natur und nachfolgende Generationen.

Zwar floss ein Teil der Einnahmen aus dem Phosphatgeschäft in einen Staatsfonds, der zu seiner besten Zeit ein Volumen von 1,7 Milliarden US-Dollar hatte. Heute ist davon jedoch nichts mehr übrig. Dazu trugen korrupte und inkompetente Regierungen bei, die das Geld teils abenteuerlich investierten – etwa in den späten 1980er-Jahren in ein West-End-Musical über Leonardo da Vinci, das bereits nach wenigen Wochen wegen Erfolglosigkeit abgesetzt wurde.

Nauru hängt jetzt am Tropf Australiens, vom dem der Inselstaat in den vergangenen Jahren viel Geld unter anderem für die zeitweise Aufnahme und Versorgung von Flüchtlingen erhalten hat. Seit 2013 macht der Anteil australischer Zuwendungen insgesamt rund zwei Drittel des Staatshaushalts aus.

Doch nicht nur finanziell sieht es auf Nauru düster aus: Wegen des Abbaus der Phosphatlager ist das Ökosystem zerstört. Das Inselinnere – 80 Prozent der Landmasse – ist unbewohnbar.

Verantwortung nicht nur für die Aktionäre

Das Beispiel Nauru führt zwei Probleme der linearen Wirtschaft vor Augen. Zum einen können die für das Wirtschaftswachstum wichtigen Rohstoffe zu Ende gehen. Zum anderen kann ihre Ausbeutung die Umwelt belasten und die sozioökonomische Zukunft eines Gemeinwesens gefährden. Im Streben nach Wirtschaftswachstum um jeden Preis hat Nauru sein Naturkapital aufgezehrt. Böse Zungen könnten behaupten, der Inselstaat sei zum weltweit ersten Wegwerfland geworden. Tatsächlich gab es bereits Pläne, die Bevölkerung umzusiedeln – was diese jedoch ablehnte.

Der vielerorts dringend nötige Wandel von einer linearen zu einer Kreislaufwirtschaft erfordert die Abkehr vom Lehrsatz der freien Märkte. Befürwortet von Ökonomen wie Milton Friedman betrachtet dieses Konzept die Rendite für Aktionäre als vorrangige Verantwortung des Managements eines Unternehmens. Doch inzwischen gilt es, grundsätzlich umzudenken – hin zu einem System, bei dem die gesamte Gesellschaft bei geschäftlichen Entscheidungen zu berücksichtigen ist.

Schon jetzt reagieren viele Unternehmen auf diese neue Priorität von Regierungen und Anlegern: Die Schaffung eines Systems, das sich selbst trägt und keine bleibenden Schäden hinterlässt. Das kann man „Nachhaltigkeit“ nennen. Besser und treffender ist aber die Bezeichnung „Kreislaufwirtschaft“ – denn sie beschreibt den Prozess, den es braucht, um die Welt in einem gesunden Gleichgewicht zu halten.

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