Nebenwerte-Fondsmanager Marcus Ratz „Viele Telekommunikations-Aktien derzeit unterbewertet“

Marcus Ratz: Der Partner des Frankfurter Fondsanbieters Lupus alpha sieht trotz aktueller Marktrisiken gute Chancen am europäischen Aktienmarkt. | © Lupus alpha

Marcus Ratz: Der Partner des Frankfurter Fondsanbieters Lupus alpha sieht trotz aktueller Marktrisiken gute Chancen am europäischen Aktienmarkt. Foto: Lupus alpha

DAS INVESTMENT: Das Börsenjahr 2018 dürfte aufgrund weltpolitischer Spannungen auch in Europa mit einem Minus enden. Inwiefern waren europäische Small- und Mid-Caps beispielsweise von den herben Kursverlusten Anfang Oktober betroffen?

Marcus Ratz: Betroffen waren vor allem Zykliker wie Autozulieferer, Maschinenbauer und die zuvor besonders stark gestiegenen Technologietitel. So haben Anleger die in den Vormonaten angesammelten Kursgewinne mitgenommen, beispielsweise beim neuen Dax-Wert Wirecard. Und dabei zeigte sich wieder einmal: Wenn der Nasdaq fällt, dann können sich auch die Tech-Aktien in Europa nicht davon lösen.

Welchen Schutz bieten bei solchen Börsenturbulenzen Dividenden? Macht es aus Ihrer Sicht Sinn, beispielsweise in der aktuellen Marktphase stärker auf die Ausschüttungen zu achten?

Ratz: Auch in Boomzeiten sollten Anleger auf die Dividende achten. Allerdings sollten die Ausschüttungen aus dem Cashflow des Unternehmens gedeckt sein, denn ansonsten ist sie nicht nachhaltig. Wir stellen uns daher immer die Frage, ob die jeweilige Aktiengesellschaft auch im nächsten Abschwung weiterhin die Dividende nachhaltig ausschütten kann. Die aktuell größten Risikofaktoren Brexit und der Streit um den italienischen Staatshaushalt sind nicht neu. Beide Faktoren sind nicht kurzfristig aus der Welt zu schaffen, müssen aber nicht unbedingt den nächsten Kurssturz verursachen. Optimistische Anleger können die in den Börsenkursen enthaltenen Risikoabschläge als günstige Gelegenheit zum Einstieg nutzen.

In welchen europäischen Branchen sehen Sie dabei im nächsten Jahr besondere Chancen auf Kursgewinne?

Ratz: Für unterbewertet halten wir derzeit beispielsweise viele Firmen der Telekommunikationsbranche. Sie verfügen angesichts des neuen 5G-Netzes und des Ausbaus der Glasfaserleitungen über große Ertragschancen. An der Börse erkennen wir derzeit zudem eine Trendwende hin zu defensiven Titeln. Wir haben uns daher aktuell stärker in diese Richtung ausgerichtet. So haben wir beispielsweise Titel aufgenommen, die sich bei einer weiter zunehmenden Volatilität des Gesamtmarkts relativ stabil entwickeln dürften. Dazu zählen wir konjunkturunabhängige Geschäftsfelder wie Gebäudereinigung oder Dienstleister für Zahlungsverkehr.

Wie dürften britische Nebenwerte auf einen ungeordneten No-Deal-Brexit in 2019 reagieren?

Ratz: Als reine Stock Picker schauen wir in erster Linie auf die Unternehmen und weniger auf das Makro-Umfeld. Deswegen erstellen wir auch keine dezidierten Prognosen zum Wechselkurs des Britischen Pfunds oder zum Ausgang des Bexit. Recht wahrscheinlich ist aber, dass ein ungeordneter EU-Austritt den Pfundkurs zunächst schwächen dürfte. Bereits nach dem Brexit-Referendum im Sommer 2016 fiel das Pfund deutlich. Das war gut für die exportorientierten Branchen. Unter den Profiteuren sind auch Mittelständler, bei denen wir jetzt eher Risiken sehen als damals aufgrund der deutlich höheren Bewertung. Diese Risiken dürften uns in den nächsten Monaten weiterhin begleiten, denn die politischen Entscheidungen rund um den Brexit sind schwer abzusehen. Diese Unsicherheit dürfte nicht nur Investitionen in der international eng verflochtenen Industrie verzögern, sondern auch beispielsweise Immobilienkäufe zu Anlagezwecken in London auf Eis legen.

Wie reagieren Sie auf diese Unsicherheit beim Fondsmanagement?

Ratz: Britische Aktien haben stets einen wesentlichen Anteil in unserem paneuropäischen Aktienfonds. Denn die britischen Mittelständler sind sehr kapitalmarktorientiert. Das Gegenmodell hierzu sind deutsche Firmen, die sich stärker über Banken finanzieren. Wir haben unseren Portfolioanteil britischer Aktien jedoch zuletzt etwas von exportlastigen hin zu lokal fokussierten Firmen umverteilt. Denn wir sehen aktuell eher Chancen bei denjenigen Branchen, die unter dem schwachen Pfund gelitten haben. Dazu zählen beispielsweise Bauunternehmer oder die Konsumgüterhändler, die jedoch teilweise strukturellen Herausforderungen wie dem zunehmenden E-Commerce über Amazon und Co gegenüberstehen.

Und welche Folgen hat Ihrer Meinung nach der andauernde Budgetstreit mit der EU auf italienische Unternehmen?

Ratz: Infolge des Haushaltsstreits sind die Zinsen italienischer Anleihen kräftig gestiegen. Das hat zunächst einmal konkrete Konsequenzen für Italiens Banken. Denn für sie wird es dadurch teurer, sich zu refinanzieren. In der Folge vergeben sie weniger Kredite an die Firmen. Das trifft vor allem kleinere Unternehmen hart, die sich nicht im Ausland verschulden können. Daran zeigt sich, wie wichtig funktionierende Banken für die gesamte Wirtschaft sind.