Negative Folgen der Fed-Zinspolitik „Die USA verschärfen die Schwellenländer-Krise“

Unterstützer des brasilianischen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro (auf der Leinwand): Der auch „Trump Brasiliens“ genannte Rechtspopulist hat gestern die erste Wahlrunde in dem südamerikanischen Schwellenland gewonnen und geht nun mit dem Zweitplatzierten Fernando Haddad in die Stichwahl.  | © Getty Images

Unterstützer des brasilianischen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro (auf der Leinwand): Der auch „Trump Brasiliens“ genannte Rechtspopulist hat gestern die erste Wahlrunde in dem südamerikanischen Schwellenland gewonnen und geht nun mit dem Zweitplatzierten Fernando Haddad in die Stichwahl. Foto: Getty Images

Mitte September erhöhte die US-Notenbank Fed bereits zum dritten Mal in diesem Jahr die Leitzinsen auf aktuell 2,25 Prozent. Eine weitere Zinserhöhung wird im Dezember erwartet. Die restriktive US-Zinspolitik scheint damit endgültig vorbei zu sein. Doch der Schwenk bringt Schwellenländer, die sich hoch in US-Dollar verschuldet haben, in die Bredouille.

Denn die Verschuldung der Schwellenländer, vor allem im US-Dollar, verdoppelte sich in den letzten zehn Jahren in etwa. Besonders betroffen sind Länder mit einem hohen Defizit in der Leistungsbilanz und im Staatshaushalt wie Argentinien, Venezuela, die Türkei und Brasilien.

Währungen verlieren gegenüber dem Dollar

Jörg Horneber, KSW Vermögensverwaltung

Hinzu kommt, dass die Währungen vieler Emerging Markets in diesem Jahr gegenüber dem US-Dollar und dem Euro deutlich an Wert verloren haben. Der brasilianische Real büßte vorübergehend über 10 Prozent ein. Mehr als 18 Prozent waren es bei der türkischen Lira und über 30 Prozent beim argentischen Peso.

Sogar der chinesische Renmimbi verlor seit Jahresbeginn in etwa 10 Prozent zum US-Dollar. Der andauernde Handelskrieg zwischen den USA, China und Europa, Sanktionen gegenüber Russland und Iran beeinträchtigen das Wirtschaftswachstum zusätzlich.

Die daraus resultierende pessimistische Stimmung unter den Finanzinvestoren gegenüber den Emerging Markets tut das Übrige. Sie setzen Währungen und Aktienmärkte unter Druck. Das Resultat ist eine Krise in allen Schwellenländern.

„Die Lage ist besser als die Stimmung“

Dabei ist die Lage in vielen Ländern besser als die Stimmung. In den letzten zehn Jahren sind nicht nur die Schulden gewachsen, sondern auch die Wirtschaftsleistung in den Staaten. Der Landesbank Baden-Württemberg beziffert den Beitrag der Schwellenländer zur Weltwirtschaft mittlerweile auf 59 Prozent. Selbst ohne China liegt der Anteil noch bei 40 Prozent.

Das Wirtschaftswachstum der Schwellenländer ist in der Regel stabil oder legt sogar zu. Für Indien und China werden für 2018/2019 Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 6 bis 7 Prozent erwartet. Viele Emerging Markets sind auf einem guten Weg und konnten in den letzten Jahren ihr Leistungsbilanzdefizit reduzieren. Einige asiatische Länder erwirtschaften gar einen deutlichen Überschuss.

Abhängigkeit von den USA verringert

Auch die Abhängigkeit von den USA hat sich verringert. In zahlreichen Ländern hat sich ein breiter Anleihemarkt in lokaler Währung etabliert. Die Zinsen auf diese Anleihen sind zwar in der Regel deutlich höher als bei einer Notierung in US-Dollar, dafür hängt die Rückzahlung nicht von der Wechselkurssituation zum Dollar ab.

Der Renditeaufschlag sorgt zudem für eine dauerhafte Nachfrage und steigert die Unabhängigkeit gegenüber einer starken Aufwertung des US-Dollars. Vor allem die Relation zwischen dem erzielbaren Zins und der vorhandenen Inflation macht diese Anleihen für Anleger attraktiv.

Der Verschuldungsgrad ist überschaubar

Auch die Staatsverschuldung ändert daran nichts. In vielen Ländern ist der Verschuldungsgrad sogar überraschend gering. Brasilien ist mit 87 Prozent des BIP verschuldet, Indien hat eine Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP von 69 Prozent, Südafrika von rund 55 Prozent, Mexiko und China liegt bei etwas über 50 Prozent.

Einige Industrieländer weisen laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) deutlich schlechtere Quoten auf: Japan 236 Prozent, Italien 130 Prozent, USA 108 Prozent und selbst Deutschland liegt bei 60 Prozent.

Neue Schwellenmarktkrise unwahrscheinlich

Fazit: Die Lage in den Schwellenländern ist nach wie vor besser als es auf den ersten Blick scheint. So punkten der Regel mit einem stabilen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum und einem überschaubaren Verschuldungsgrad. Die zum Teil kurzfristig stark unter Druck geratenen Wechselkurse bieten Wettbewerbsvorteile, die man nicht unterschätzen sollte.

Nach den Kurseinbrüchen an den Aktienmärkten weisen diese nun ein attraktives Bewertungsniveau mit entsprechendem Kurspotenzial auf. Kurzfristige Verunsicherungen sind weiterhin einzukalkulieren. Eine Ausweitung der Schwellenmarktkrise wie vor zehn Jahren scheint aber derzeit unwahrscheinlich zu sein.