Im Januar störte die Prognose für 2026, im April der Ausblick auf das zweite Quartal. Und am 16. Juli genügte es nicht, dass der Umsatz um 13 Prozent auf 12,56 Milliarden Dollar stieg, die operative Marge 33,4 Prozent erreichte und der Gewinn je Aktie einen Cent über den Schätzungen lag. Für das dritte Quartal kündigte Netflix knapp weniger Umsatz an als erwartet. Das genügte für den dritten Rückschlag in Folge.
„Netflix hat ein Luxusproblem“, sagt Serge Nussbaumer, Head Public Solutions und Kapitalmarktexperte beim Wertpapierhaus Maverix Securities. „Gute Zahlen sind inzwischen eine Enttäuschung, wenn sie nicht gut genug sind.“
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Aus der Abo-Story wurde eine Gewinn-Story
Der Grund für diese Empfindlichkeit liegt vier Jahre zurück. 2022 verlor der Streaming-Pionier erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt Abonnenten. Die Börse zweifelte damals nicht an einzelnen Quartalszahlen, sondern am Geschäftsmodell.
Das Management reagierte konsequent. Es machte das Teilen von Passwörtern kostenpflichtig, erhöhte die Preise, baute ein Werbegeschäft auf und führte die Kosten strenger.
Die Wirkung lässt sich an drei Zahlen ablesen. Der Umsatz stieg 2025 um 16 Prozent auf 45,2 Milliarden Dollar. Die operative Marge kletterte von 26,7 auf 29,5 Prozent und soll in diesem Jahr 31,5 Prozent erreichen. Der freie Cashflow legte auf 9,5 Milliarden Dollar zu, für 2026 erwartet Netflix rund 12,5 Milliarden. Von diesem Geld kauft der Konzern eigene Aktien zurück, im zweiten Quartal für 4,7 Milliarden Dollar und damit mehr als je zuvor.
„Netflix ist heute weniger eine Wette auf das Streaming als auf den operativen Hebel“, sagt Nussbaumer. Ein Erfolgstitel verteilt sich auf mehr als 325 Millionen zahlende Mitgliedschaften, und anders als klassische Medienkonzerne muss Netflix kein schrumpfendes lineares Fernsehgeschäft verteidigen. Disney verdient mit Disney+ und Hulu inzwischen ebenfalls Geld, kommt dort aber nur auf 12,9 Prozent Marge.
Die Zahl, die nicht ins Bild passt
Eine Kennzahl aber verweigert sich der Erfolgsgeschichte. Im ersten Halbjahr 2026 schauten die Kunden 97 Milliarden Stunden Netflix, 2 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Mitgliederzahl wuchs deutlich stärker. Also sinkt die Sehdauer pro Kunde.
„Netflix verdient zwar immer mehr an seinen Kunden, doch die Kunden verbringen kaum mehr Zeit mit Netflix“, sagt Nussbaumer. Preiserhöhungen, Werbung und das Ende des Account-Sharings seien starke Hebel, aber keine unendlichen.
Der Wettbewerb erklärt, warum. Nielsen misst für Mai 2026 in den USA 13,8 Prozent der gesamten Fernsehnutzung für Youtube und 8,0 Prozent für Netflix. Bei der täglichen Nutzungsdauer zog Youtube 2025 erstmals vorbei, mit 99,1 gegen 93,4 Minuten. „Der Wettbewerb heißt Aufmerksamkeit“, sagt Nussbaumer und meint Youtube, Tiktok, Gaming, Social Media und Live-Sport, nicht Disney.
Ausgerechnet jetzt wird Netflix zurückhaltender. Den halbjährlichen Bericht über die Sehstunden veröffentlicht das Unternehmen ab 2027 nur noch einmal im Jahr, maßgeblich seien Umsatz und operativer Gewinn. Co-Chef Greg Peters sagte im Juli, nicht alle Sehstunden seien für das Geschäft gleich viel wert. Wer den Beweis für mehr Engagement sucht, findet ihn künftig seltener.
Zwei Hebel mit Ablaufdatum
Wie weit Netflix den Preishebel gezogen hat, zeigt der amerikanische Tarifplan. Seit März 2026 kostet das Werbe-Abo 8,99 Dollar, das werbefreie Standard-Abo 19,99 Dollar und Premium 26,99 Dollar, die zweite Erhöhung in weniger als zwei Jahren. Deutsche Kunden zahlen unverändert 4,99, 13,99 und 19,99 Euro. Die letzte Anhebung liegt hier im April 2024, womit Deutschland der nächste Kandidat sein dürfte.
Bislang funktioniert die Preissetzungsmacht. Mit rund 2 Prozent monatlicher Kündigungsrate hält Netflix die niedrigste Quote der Branche.
Bei der Werbung stimmt die strategische Logik. Netflix verkauft dieselbe Reichweite zweimal, über Abos und über Anzeigen. Die Größenordnung stimmt noch nicht. Rund 3 Milliarden Dollar erwartet das Unternehmen für 2026, eine Verdoppelung, aber nur etwa 6 Prozent des Konzernumsatzes. Youtube verdient mit Werbung 11,1 Milliarden Dollar pro Quartal. Amazon erreicht mit Prime Video nach eigenen Angaben 315 Millionen werbefinanzierte Zuschauer und damit mehr als die 250 Millionen von Netflix. Dazu geben die Preise nach. Im amerikanischen Werbevorverkauf fielen die Tausenderkontaktpreise im Streaming um 5 Prozent. Netflix verdoppelte dort sein Volumen und wächst damit über Menge, nicht über Preis.
Sportökonomie ohne Sportrechte
Interessanter als jede weitere Rechteauktion findet Nussbaumer einen Nebenschauplatz. Netflix verlängerte im Juli das Podcast-Format „The Rest Is Football“ mit Gary Lineker, Alan Shearer und Micah Richards für die Premier-League-Saison 2026/27, nach dem Erfolg während der Fußball-WM.
„Netflix versucht, Sportökonomie zu betreiben, ohne vollständig in die Sportrechteökonomie einzusteigen“, sagt er. Der Konzern müsse nicht alle Spiele besitzen, wenn er einen relevanten Teil der Aufmerksamkeit davor, danach und dazwischen monetarisiere. Das ist für Werbekunden attraktiv und risikoärmer als Milliardenwetten auf Übertragungsrechte. Die eigenen Zahlen stützen ihn. Live-Inhalte machen nur rund ein Prozent der Sehstunden aus, stehen aber hinter sechs der zehn stärksten Anmeldetage.
Der Vorsprung schrumpft
Ein Argument hat Netflix in diesem Jahr verloren. Im zweiten Quartal verdienten erstmals alle fünf großen Hollywood-Streamingsparten Geld. Warner Bros Discovery steigerte den operativen Gewinn im Streaming um 75 Prozent, Peacock schrieb erstmals nennenswerte Überschüsse. Netflix bleibt der profitabelste Anbieter, aber der Satz „Wir verdienen Geld, die anderen nicht“ trägt nicht mehr.
Gefährlicher als die Größe der Wettbewerber ist ihre Bündelung. Disney verkauft Disney+, Hulu und ESPN im Paket, Paramount und HBO Max sollen nach der geplanten Fusion zu einem Dienst verschmelzen, Peacock wandert Anfang 2027 in das Premium-Abo von Youtube, Fox kauft sich mit Roku einen eigenen Vertriebsweg. Netflix ist der einzige große Anbieter ohne Bündelpartner. Das Gegenmittel testet der Konzern in Frankreich, wo er die Kanäle von TF1 ohne Aufpreis in die eigene App integriert.
Teurer wird die Regulierung. Kanada verlangt von großen Streamingdiensten seit Mai 15 Prozent ihres Landesumsatzes für heimische Produktionen, in Frankreich summieren sich Abgabe und Investitionspflicht auf über 25 Prozent. Gegen eine neue französische Quote klagt Netflix gemeinsam mit Disney und Amazon.
Der Deal, den Netflix nicht gemacht hat
Ende 2025 bot Netflix 82,7 Milliarden Dollar für das Studio- und Streaming-Geschäft von Warner Bros Discovery. Als Paramount Skydance überbot, stieg Netflix am 26. Februar 2026 aus und kassierte eine Abfindung von 2,8 Milliarden Dollar. Diese Einmalzahlung verzerrt das erste Quartal. Vom Gewinn je Aktie von 1,23 Dollar bleiben bereinigt rund 0,76 Dollar.
Nussbaumer wertet die Absage als Stärke: „Ein Unternehmen mit dieser Plattform muss keine Großakquisition tätigen, um seine strategische Relevanz zu beweisen.“ Zwei Nebeneffekte kommen hinzu. Das amerikanische Justizministerium prüfte im Zuge des Verfahrens auch Netflix' Marktmacht gegenüber Filmemachern, große Zukäufe dürften dem Konzern künftig schwerfallen. Und der Konkurrenzdeal hängt an der Klage von zwölf Bundesstaaten, ein Gericht erlaubt den Vollzug nicht vor Juni 2027. Netflix hat ein Jahr gewonnen, bevor ein deutlich größerer Wettbewerber entsteht.
Monetarisierung gegen Engagement
Nussbaumers Fazit fällt zweiseitig aus. Wächst Netflix trotz seiner Größe weiter zweistellig und steigert dabei die Margen, ist die aktuelle Skepsis zu vorsichtig. Rutscht das Wachstum in den hohen einstelligen Bereich und bleibt das Engagement schwach, wird aus einer außergewöhnlichen Wachstumsgeschichte schneller ein gewöhnlicher Qualitätstitel, als vielen Anlegern lieb ist. „Ein hervorragendes Unternehmen ist nicht automatisch eine hervorragende Aktie“, sagt er.
Der entscheidende Konflikt lautet damit nicht Wachstum gegen Profitabilität, sondern Monetarisierung gegen Engagement. Dass Netflix aus Reichweite Gewinn macht, ist bewiesen. Ob es die Reichweite wieder ausbauen kann, ist offen.