Als Martin Steinmeyer im April 2000 Netfonds mit aus der Taufe hob, war die Welt der Finanzvermittlung noch eine andere: kein Smartphone, keine Cloud, keine Mifid. Das Geschäft: Kaufanträge für Investmentfonds entgegennehmen und an Fondsgesellschaften weiterleiten. Großhandel, wie Steinmeyer es heute nennt.

25 Jahre später ist Netfonds mit rund 360 Mitarbeitern heute in einem modernen Bürokomplex in der Hamburger City Süd zu Hause. Steinmeyer erzählt von der selbst entwickelten Technologieplattform, von 100 Mitarbeitern, die Netfonds allein in der IT beschäftige, und von der veränderten Strategie des Unternehmens: „Wir haben uns von einem Abwicklungsdienstleister zu einem Regulatorikdienstleister zu einem Technologiedienstleister weiterentwickelt.“

In einem Vierteljahrhundert kann an den Finanzmärkten viel passieren, gerade im Vertrieb. Als Netfonds seine ersten Schritte machte, war der Vermittlermarkt noch weit entfernt von seiner heutigen Aufstellung. „Alles wurde unter Paragraf 34c Gewerbeordnung zusammengefasst“, erinnert sich Steinmeyer. Für rund 20 Euro erhielt jeder Interessierte beim Gewerbeamt eine Anmeldung und damit Erlaubnis zum Vermitteln von Finanzprodukten.

Doch die Hamburger Netfonds entwickelte sich früh weiter. 2003 erhielt das Unternehmen die Bafin-Erlaubnis als KWG-32-Institut und schuf damit sein Haftungsdach. Zielkunden? „Wir haben schon damals ganz oben den Banker gesehen“, erinnert sich Steinmeyer. Womit er meint: Bankberater, denen die engen Vorgaben ihrer Institute nicht mehr passen und die lieber selbstständig arbeiten wollen. 2004 kam bei Netfonds das Versicherungsgeschäft hinzu, aus dem Investmenthaus wurde ein Allfinanz-Pool.

Börsennotiert, aber gründergeprägt

Nach Jahren im Besitz der Inhaber kam 2018 der Sprung an die Börse. „Eine Aktiengesellschaft bringt eine gewisse Transparenz mit sich. Außerdem können sich dann auch andere am Unternehmen beteiligen, blickt Steinmeyer zurück. Nicht zuletzt: An der Börse lässt sich gut Kapital beschaffen. Zu 100 Prozent von seinen Gründern hat sich Netfonds bis heute dennoch nicht entfernt. Der Vorstand samt Bekannten („Family and Friends“, nennt es Steinmeyer) halten immer noch über 50 Prozent der Anteile, eine Minderheit ist im Streubesitz.

Mit ihrem Börsengang nahmen die Hamburger einen Schritt vorweg, den zuletzt auch andere Maklerpools gegangen sind: Kaum ein größerer Vermittlerdienstleister ist aktuell noch in Gründerhand. Einige Pools haben sich sogar sehr weit davon entfernt: Fonds Finanz, die Nummer eins am deutschen Poolmarkt, gehört mehrheitlich dem Private-Equity-Investor HG Capital. Der Lübecker Wettbewerber Blau Direkt wurde von Warburg Pincus gekauft.

Beide Pools verfügen nun über reichhaltige Mittel, um technologisch aufzurüsten. Es entstehen Großprojekte, die sich die kleinere Konkurrenz kaum leisten kann. Zuletzt preschten beide Pools etwa mit KI-Agenten für ihr jeweiliges Maklerverwaltungsprogramm vor.

Dass Gründer aus der ehemals heimeligen Poolwelt ihre Unternehmen an externe Investoren verkaufen, wurde innerhalb der Branche vielerorts wie ein Verrat wahrgenommen. Netfonds-Chef Steinmeyer hält jedoch dagegen: Obwohl Netfonds nicht in Private-Equity-Hand ist, will er die Entscheidung seiner Wettbewerber für externe Investoren nicht per se verdammen. Denn offensichtlich brummt bei den Betroffenen das Geschäft.

Ob auch Netfonds verkaufen würde? Vorerst sei man glücklich mit der Börsennotierung, sagt Steinmeyer. Kategorisch ausschließen mag er es allerdings auch nicht. „Die Strategie eines Investors muss zum Wertesystem des Unternehmens passen“, würde er als eine Grundvoraussetzung sehen. Das Portfolio des Investors solle nicht einfach nur ein „Sammelsurium an Zukäufen enthalten. Anfragen von Investoren erreichten ihn zur Genüge, versichert Steinmeyer.

Plattform für alle Erlaubnisse

Für Vermittler bietet Netfonds heute ein Spektrum an Dienstleistungen, das unter modernen Pools nicht unüblich ist: den klassischen Maklerpool für Vermittler mit Gewerbeordnungserlaubnis nach den Paragrafen 34f, d, i und h, das Haftungsdach NFS Netfonds Financial Service für diejenigen, die auch Einzelwerte beraten wollen, sowie die NFS Hamburger Vermögen als eigene Vermögensverwaltungsgesellschaft.

Hinzu kommen spezialisierte Töchter: zum Beispiel für Baufinanzierung, ETF-Portfoliobausteine oder auch ein Spezialistennetzwerk unter der Marke VB-Select mit allein fast 200 Partnervermittlern. „Die VB-Select-Partner bringen ihre Kompetenzen arbeitsteilig ein, aber arbeiten unter gemeinsamer Marke“, erläutert Steinmeyer. Die Spezialisten empfehlen sich dabei gegenseitig weiter. Das Konzept halte er im Vermittlerbereich für besonders zukunftsträchtig.

Was Netfonds nicht mehr hat: eine hauseigene Immobiliensparte. Ende 2021 ging die Mehrheit der Geschäftsanteile der NSI Netfonds Structured Investments an die Gesellschaft VMR über, die später in NSI Asset umfirmierte. Der Grund: Das NSI-Portfolio war 2021 mit über 90 Prozent fremdkapitalfinanziert. Die Immobilien, die Netfonds im eigenen Buch stehen hatte, belasteten die Bilanz. Das Geschäftsmodell der Plattform vermengte sich mit dem des Immobilienbesitzes. Die Trennung sollte das Eigenkapital stärken und Netfonds in Richtung „Asset-light-Modell" bringen. Heute hält Netfonds gut 29 Prozent an der NSI Asset.