„Superpool“ – das Schlagwort geisterte durch die deutsche Maklerpoolbranche, seit die „Süddeutsche Zeitung“ Ende 2021 berichtete, HG Capital wolle Fonds Finanz zur Basis einer europäischen Pool-Plattform ausbauen. Blau-Direkt-Gründer Lars Drückhammer legte nach: Sein Pool werde sich bis Ende 2023 aus eigener Kraft zum „marktgestaltenden Superpool“ entwickeln. Beide Ankündigungen realisierten sich bislang nicht so recht. Jetzt könnte der Superpool tatsächlich kommen – nur anders als damals gedacht.

Was Ende 2021 als Ankündigung begann, nahm schnell konkrete Formen an. HG Capital übernahm die Mehrheitsanteile an Fonds Finanz – dem bis dato inhabergeführten Marktführer – und integrierte 2022 auch den Deutschen Maklerverbund (DEMV) in die gemeinsame Holding „Infitech“. Etwa zeitgleich stieg der US-Investor Warburg Pincus beim Lübecker Pool Blau Direkt ein. Damit hatten innerhalb von gut einem Jahr gleich zwei der größten deutschen Maklerpools neue Eigentümer aus dem Private-Equity-Lager. Der Superpool war zwar noch nicht da – aber die Voraussetzungen dafür wurden geschaffen.

Der neue Coup: Warburg Pincus greift nach Netfonds

Jetzt zeichnet sich die nächste Übernahme ab: Warburg Pincus will auch die Hamburger Netfonds übernehmen. Netfonds soll unter dem Warburg-Pincus-Dach in eine Holding mit Blau Direkt kommen. Ebenfalls dort vertreten: der von Warburg Pincus übernommene kleinere Pool Maxpool und der Schnittstellendienstleister Zeitsprung. An der Spitze der Holding sollen mindestens ein Netfonds-Vorstand sowie ein Vorstand von Blau Direkt stehen, die gemeinsam die zukünftige Strategie verantworten.

Das Private-Equity-Haus Warburg Pincus verwaltet insgesamt mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Es hält rund 215 Unternehmen in seinem Portfolio - demnächst auch Netfonds.

Das Angebot von Warburg Pincus an die Netfonds-Aktionäre klingt verlockend: 78,25 Euro je Aktie und damit eine Prämie von 78,3 Prozent auf den volumengewichteten Dreimonatsdurchschnittskurs. Anschließend soll Netfonds vollständig von der Börse genommen werden.

„Längerer Prozess“

In einem Schreiben an seine Vertriebspartner verweist Netfonds unter anderem auf die umfangreichen Prozesse, die der Pool als börsennotiertes Unternehmen zu durchlaufen hatte: „Als 'kleiner Player' am Aktienmarkt haben wir einen recht großen Aufwand, um alle Anforderungen zu erfüllen, die mit der Börse zusammenhängen.“ Diese Mühen sollen mit dem Einstieg von Warburg Pincus nun wegfallen. „Investoren wertschätzen uns in einer anderen Weise, wie es die Börse tut“, heißt es von Netfonds.

Netfonds-Vorstand Christian Hammer erklärt im Gespräch mit DAS INVESTMENT: „Die Entscheidung des Verkaufs an Warburg Pincus ist Ergebnis eines längeren Prozesses.“ 2021 war der langjährige Poolchef Karsten Dümmler aus dem Vorstand in den Aufsichtsrat von Netfonds gewechselt. In der Folge wollte Dümmler auch seine Anteile veräußern. Bereits seit rund eineinhalb Jahren habe man überlegt, wie die Anteilsstruktur an Netfonds zukünftig aussehen solle. Strategische Anfragen habe Netfonds lange abgelehnt – bis die Perspektive eines Joint Ventures mit dem versicherungsstarken Blau Direkt den Hamburgern zunehmend attraktiv erschien.

Warburg Pincus habe dem Netfonds-Management „eine überzeugende Vision präsentiert“, die Zusammenarbeit passe sowohl inhaltlich als auch menschlich, heißt es in der Mitteilung. Hammer sagt: „Als Schwestergesellschaft sich mit einem Pool zu vereinen, der eine der größten Versicherungsplattformen hat, und Synergien zu finden – das ist schon spannend.“

Marktführerschaft in Reichweite

Aus Sicht der Marktstruktur ist das Gewicht des entstehenden Verbunds bemerkenswert. Netfonds und Blau Direkt würden als Schwestergesellschaften zur Nummer eins am deutschen Poolmarkt werden – und den bisherigen Primus Fonds Finanz noch deutlich übertrumpfen. Nach den letzten verfügbaren Daten der „Cash“-Maklerpool-Hitliste für 2024 wies Netfonds 237 Millionen Euro Gesamtumsatz aus, mit knapp 49 Millionen Euro Rohertrag. Blau Direkt kam im selben Zeitraum auf 251 Millionen Euro Umsatz und 48 Millionen Euro Rohertrag. Gemeinsam kündigen die Unternehmen an, über 550 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften zu wollen. Zum Vergleich: Fonds Finanz meldete für 2024 insgesamt 341 Millionen Euro Umsatz und knapp 77 Millionen Euro Rohertrag.

Im Gespräch mit DAS INVESTMENT bestätigt Hammer die Ambitionen: „Das wird eine sehr große Einheit werden – und es soll perspektivisch auch die maßgebliche Plattform in Deutschland sein.“

Die Aufstellung ist dabei ausdrücklich komplementär gedacht: Netfonds bringt seine Stärken im Investmentbereich, bei der Regulatorik und in der hauseigenen Technologieplattform Finfire ein; Blau Direkt steuert seine Erfahrung im Versicherungsbereich und bei Automatisierungsprozessen bei. Bislang hatte Blau sein Investmentgeschäft über den Erftstädter Pool Fondsnet abgewickelt – das dürfte damit enden. Auch die Blau-Direkt-Bestandsübertragungstochter Tjara soll Teil der strategischen Überlegungen sein; Netfonds könnte auch von dem Tjara-Nachfolgekonzept profitieren.

Die Netfonds-Übernahme befindet sich aktuell noch in einem frühen Stadium. Mehrere Aufsichtsbehörden müssen noch zustimmen – neben der Bafin auch die Schweizer und die Liechtensteiner Aufsichten, da Netfonds für Tochterunternehmen Lizenzen dieser Länder hält. Bis zum anvisierten Go rechnet Hammer mit sechs bis zwölf Monaten.

Komplementäre Expertise

Wie es dann weitergeht? Hammer gibt sich zurückhaltend: Die genaue Zusammenarbeit könne man erst später abstimmen. Dennoch gibt es bereits konkrete Ideen. Netfonds könnte standardisierte Vermögensverwaltungen in den Verbund einbringen – für fällige Versicherungsverträge oder Investmentangebote rund um das geplante Altersvorsorgedepot. „Netfonds war schon bei depotbasierten Riester-Verträgen einer der größten Abwicklungsdienstleister. Auch das Altersvorsorgedepot wird den Depotcharakter haben“, erinnert Hammer. „Wir alle könnten von innovativen Lösungen profitieren.“

Strategisch könnten beide Häuser ihre IT-Kapazitäten bündeln und gemeinsam in KI-Anwendungen investieren. Blau-Direkt-Chef Ait Voncke hatte kürzlich erklärt, Blau wolle das „Betriebssystem der Branche“ definieren – mit besonderem Fokus auf KI-Agenten, die aktiv Aufgaben in der Maklerverwaltung übernehmen. Netfonds formuliert es im Partnerbrief nüchterner: Man verfolge „einen ähnlichen Ansatz beim Einsatz von KI für Automatisierungsprozesse“ wie Blau Direkt. Ob daraus eine echte gemeinsame IT-Strategie wird, bleibt abzuwarten – die Stoßrichtung ist jedenfalls dieselbe.

Wichtig ist den Hamburgern: Netfonds soll auch unter dem Dach des Investors eigenständig bleiben – mit gewohnter Marke, Standort Hamburg und eigener Unternehmenskultur. Auch das Netfonds-Management soll in Führungsverantwortung bleiben. „Wir haben uns gewisse Dinge vertraglich zusichern lassen“, sagt Hammer. Die 53 Prozent, die die Mitglieder des Netfonds-Vorstands und des Aufsichtsrats bislang halten, sollen zunächst an Warburg Pincus gehen – mit rund 40 Prozent wolle man sich dann an der gemeinsamen Holding beteiligen.