Nicolai Striewe

Nicolai Striewe

Nicht nur auf die Heimat setzen

Es ist beileibe keine neue Erkenntnis – Immobilieninvestoren favorisieren traditionell ihren Heimatmarkt. Bereits vor rund zwei Jahren beobachtete beispielsweise Ernst & Young Real Estate bei vermögenden Privaten beziehungsweise Family Offices: Sie setzen vor allem bei direkten Investments eher auf regionale Märkte, die ihnen vertraut sind. Dies ist oft der Heimatmarkt, also jene Region, in der die jeweiligen Wurzeln liegen.

Bei indirekten Investments zeigt sich zwar ein etwas anderes Bild. Hier spiegelt sich der Wunsch nach Diversifikation wider, der aber beispielsweise bei Family Offices noch deutlich weniger ausgeprägt ist als bei Versicherungen oder Pensionskassen. Die Beobachtung ist besagte zwei Jahre alt, hat an Aktualität jedoch nicht eingebüßt.

Die Finanzkrise und der Krise der Offenen Immobilienfonds hatten beide zum großen Teil ihre Ursache in ausländischen Immobilienmärkten. In den Köpfen der deutschen Marktteilnehmer ist dies nach wie vor höchst präsent, folglich bleiben viele Akteure lieber vor der eigenen Haustür.

Das Phänomen nennt sich im Übrigen „Home Bias“, ein in mehrerer Hinsicht treffender Begriff. Denn „Bias“ heißt Neigung, die Home Bias ist also der Hang oder die Vorliebe zum Investment in der Heimatregion.

„Bias“ lässt sich jedoch auch mit Vorurteil im Sinne von Voreingenommenheit übersetzen. Und eben hierin offenbart sich das psychologische Moment der Heimatneigung, die auf einer gravierenden Fehleinschätzung aufsetzt: Die Risiken außerhalb des eigenen Markts werden fast immer überhöht eingeschätzt, umgekehrt werden die Risiken im Heimatland regelmäßig unterschätzt.

Es ist schlichtes Wunschdenken über die Stärke der heimischen Wirtschaft einerseits und der Mangel an Wissen über andere Länder andererseits, die zur Home Bias verleiten. Dabei ist wissenschaftlich belegt, dass die risiko-adjustierte Performance von global diversifizierten Portfolios ausnahmslos jener von Home-Biased-Portfolios überlegen ist.
 
Hintergrund ist: Eine zu große Heimatverbundenheit verschenkt Diversifikationspotentiale. Diversifikation wiederum bedeutet, an den unterschiedlichen Entwicklungen verschiedener Länder zu partizipieren. Dies wirkt, sofern die einzelnen Märkte nicht oder nur wenig miteinander korrelieren, stabilisierend auf das Gesamtportfolio.

Diversifikation bedeutet dann folglich Reduktion von Risiko (Volatilität) bei gleichbleibender Rendite. Und: Diversifikation bedeutet auch, dem faktischen Wetten auf einzelne Märkte zu entsagen. Denn hinter der Strategie, sich auf ein Land und möglicherweise einen Manager und eine Nutzungsart von Immobilien zu fokussieren, steckt letztendlich nichts anderes, als darauf zu wetten, dass man die richtigen Parameter aus dem Gesamtuniversum aller Möglichkeiten gewählt hat.

Mein Appell: Anleger sollten die Bedeutung des Heimatmarkts nicht überschätzen. Investoren sollten vielmehr aus einer gemäßigten und differenzierten Position heraus agieren und sich des Risikos von räumlich konzentrierten Investments bewusst sein.

Sicherlich erfordert es Mut, sein Engagement auf unterschiedliche Märkte zu streuen, zumal wenn die Kenntnis über einzelne Märkte nicht vorhanden ist. Daher ist globale Diversifikation in der Regel nur über Partner realisierbar, die wiederum lokale Expertise mitbringen. Zwar ist auch diese Erkenntnis nicht neu – nichtsdestotrotz bleibt auch sie höchst aktuell.

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