Wolfgang Juds, Geschäftsführer der Credo Vermögensmanagement.

Wolfgang Juds, Geschäftsführer der Credo Vermögensmanagement.

„Nicht so sicher wie vielfach dargestellt“

Dividenden sind kein Zinsersatz

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Jetzt ist wieder Dividendensaison! Allein die DAX-Konzerne schütten in diesem Jahr eine Rekordsumme von 30 Milliarden Euro aus. Im Gegensatz dazu befinden sich die Zinsen auf einem historischen Tiefpunkt. Aus diesem Grund sehen viele Marktteilnehmer in den Dividenden den „neuen Zins“ und blasen zum Einstieg in Aktien, doch Vorsicht!

Seit Mitte April konnten die Marktbeobachter einen nachhaltigen Stimmungs- umschwung und einen Verkaufsdruck am Rentenmarkt beobachten. Die Renditen für zehnjährige Bundesanleihen haben sich innerhalb von vier Wochen von 0,05 Prozent auf 0,70 Prozent vervielfacht. Aus Anlegersicht sind die Erträge trotz der geldpolitischen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank inzwischen in den negativen Bereich gerutscht. Der Rex P-Index, der die Wertentwicklung deutscher Staatsanleihen misst, ist seit Jahresbeginn um etwa in Prozent gefallen. Auch die Renditen der US-Anleihen sind gestiegen. zehnjährige US-Treasuries rentieren wieder mit mehr als 2,20 Prozent und die 30-jährigen Langläufer liegen bereits wieder über drei Prozent. Die Aktienmärkte haben ebenfalls reagiert. Der DAX und der Euro STOXX 50 haben korrigiert und büßten etwa 5,5 Prozent ihres Wertes ein. US-Aktien hingegen konnten sogar leicht zulegen. Der MSCI World steht etwa ein Prozent höher als vor einem Monat.

Ausverkauf am Rentenmarkt
Der Ausverkauf am Rentenmarkt kam für die meisten Marktteilnehmer völlig überraschend, denn seit Beginn des Jahres hat die Europäische Zentralbank den Takt vorgegeben. Das Anleihekaufprogramm über 60 Mrd. Euro pro Monat hat die Zinsen auf ein Rekordtief gedrückt. Vor dem Internationalen Währungsfond sprach Mario Draghi kürzlich davon, dass die Maßnahmen so lange fortgesetzt werden, bis die Verantwortlichen zuversichtlich sind, dass die Inflationsziele nachhaltig erreicht werden. Das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank liegt bei 2 Prozent. Nach Ansicht von Metzler Asset Management dürfte die Inflationserwartung für die Eurozone in 2016 bereits bei 1,7 Prozent liegen, auch wenn für 2015 nur mit einem Anstieg von 0,2 Prozent gerechnet wird.

Wenn dem so ist, dann ist das aktuelle Zinsniveau bei den europäischen Staatsanleihen nicht ausreichend, um einen realen Kapitalerhalt zu gewährleisten. Investoren werden eine höhere Risikoprämie fordern und zunehmende Inflationserwartungen sollten sich in höheren Zinsen widerspiegeln! Der zweite wesentliche Aspekt liegt in den USA. Dort dürfte sich die geldpolitische Wende bereits deutlich früher als in Europa vollziehen. Auch wenn niemand genau weiß, wann die kurzfristigen Zinsen in den USA angehoben werden, ist die Zinswende am langen Ende bereits eingeleitet. 

Aktien auf Berg- und Talfahrt
Während sich in den USA der Konjunkturausblick aufgrund des starken US-Dollars zunehmend eingetrübt hat, sind die Erwartungen in Europa zuletzt weiter gestiegen. Das billige Öl, die niedrigen Zinsen und der schwache Euro haben die Kurse stark befeuert. Die Gewinnerwartungen für die Unternehmen sind ebenfalls gestiegen. Alle drei Faktoren sind allerdings nicht stabil, sondern haben in den letzten Wochen einen Teil ihrer Gewinne wieder abgegeben. Der Ölpreis und die Zinsen sind gestiegen und der Euro hat gegenüber dem US-Dollar Boden gut gemacht. Die Unternehmensgewinne dürften in der Eurozone zwar steigen, aber nicht so stark wie es zuletzt erwartet wurde. Das erklärt, warum gerade die europäischen Indizes wie der DAX und der Euro STOXX 50 stärker als die amerikanischen Aktien verloren haben.

In den USA sind die Gewinne je Aktie vor allen aufgrund der hohen Aktienrückkaufprogramme angestiegen. Das Eigenkapital (Aktien) wird durch Fremdkapital (Anleihen) ersetzt. Weil die Zinsen so derart niedrig sind, begeben die Unternehmen in großem Stil neue Unternehmensanleihen zu historisch günstigen Konditionen. Mit diesem zusätzlich aufgenommenen Kapital werden die Aktien dann zurückgekauft. Weil sich die Unternehmensgewinne auf weniger Aktien als bisher verteilen, steigt der Gewinn je Aktie zwangsläufig an. Die fehlenden Produktivitätsfortschritte und die mangelnden Investitionen hingegen gefährden die Gewinne in der Zukunft. Die Unternehmensgewinne dürften zukünftig deutlicher schwanken, weil sie von der Zinsentwicklung stark beeinflusst werden. Kurzfristig steigen die Gewinne zwar an, aber auf lange Sicht werden die Unternehmen anfälliger als bisher.

Wie sicher sind Dividenden?
Wenn die Unternehmensgewinne künftig stärker schwanken sollten, dann sind die Dividenden keinesfalls so sicher, wie es vielfach darstellt wird. Aktien sind eine Anlageklasse und Renten eine andere. Beide haben unterschiedliche Chance-Risiko-Profile. Aktuell ist die Dividendenrendite im DAX deutlich höher als die Rendite von Bundesanleihen. Das Risiko besteht jedoch darin, dass die Unternehmensgewinne fallen können, wenn die Zinsen wieder steigen. Über diese wechselseitige Abhängigkeit sollte Klarheit bestehen!

Bei einem Zinsanstieg, wie wir ihn in den letzten Wochen erlebt haben, können die Kursrückgänge bei den Anleihen sogar höher ausfallen als bei den Aktien. Jedes Unternehmen muss gesondert analysiert werden. Dividendenstarke Aktien, bei denen das Geschäftsmodell stabile Erträge hervorbringt, können einen wichtigen Beitrag für die Stabilität des Depots liefern. Unternehmen aus den Bereichen Konsum und Gesundheitswesen sowie Ölwerte und Telekommunikations-Aktien können solide Ausschüttungen bringen. Es bedarf jedoch einer klugen Anlagepolitik, um die richtigen Aktien auszuwählen, die die gewünschte Stabilität ins Depot bringen sollen.

Fazit:

Die vergangenen Wochen haben gezeigt, wie gefährlich es ist, sich nur auf die Europäische Zentralbank zu verlassen. Sollten die Notenbanken rund um den Globus ihre Anleihekäufe irgendwann einmal stoppen und sollte das Ziel einer stärkeren Inflation erreicht werden, dürfte das Zinsniveau wieder steigen. Dann wären die heutigen Aktienkurse nicht mehr gerechtfertigt. Die Bewertungen beider Anlageklassen wären zu hoch und sollten korrigieren. Zwar ist dieses Szenario aus heutiger Sicht noch weit weg, weil ein Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes kurzfristig nicht absehbar ist. Aber wir alle sollten die aktuelle Korrektur am Rentenmarkt als Warnung nehmen, wie schnell sich die Märkte verändern können.

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