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Nachhaltigkeits-Spezialistin wägt ab No-Go oder Gamechanger? Die Krux mit der Gentechnik

Wissenschaftlerin testet gentechnisch veränderten Mais
Wissenschaftlerin testet gentechnisch veränderten Mais: Anleger sollten Gentechnik nicht pauschal verdammen, meint Nachhaltigkeitsspezialistin Ann-Kathrin Goetsch. | Foto: Imago Images / Panthermedia

Die Welt der nachhaltigen Finanzen und des ethischen Investierens ist voller Grauzonen. Zwar gibt es Themen, bei denen zum Glück große Einigkeit herrscht, wie beim Ausschluss von Investments in fossile Energieträger, aber in vielen Bereichen variieren die Meinungen je nach Nachhaltigkeitsverständnis stark. Einer dieser Bereiche, auf den das besonders zutrifft, ist die Gentechnik beziehungsweise Investitionen in GMOs (gentechnisch modifizierte Organismen).

Als GMOs werden Pflanzen, Tiere oder Mikroorganismen bezeichnet, deren Erbmaterial gentechnisch auf eine Weise verändert wurde, wie es durch Züchtung nicht möglich wäre. Sie kommen mittlerweile in zahlreichen unterschiedlichen Branchen zum Einsatz, beispielsweise in der Landwirtschaft, in der Medizin und Biotechnologie, in der Umwelttechnik sowie in der Industrie und Wissenschaft.

GMOs: Vielfältige Einsatzmöglichkeiten 

Entsprechend ihrer vielseitigen Anwendung durch Unternehmen, ist es inzwischen auch für nachhaltig orientierte Anleger und Fondsgesellschaften eine Notwendigkeit geworden, sich mit dem Für und Wider dieser Technologie auseinanderzusetzen. Und in vielen Fällen ist das Ergebnis dieser Auseinandersetzung Ablehnung, konkret: GMOs landen aus verschiedenen Gründen häufig in den Ausschlusskriterien nachhaltiger Fonds. Diese Reaktion mag auf den ersten Blick nachvollziehbar erscheinen. Doch bei genauerem Hinsehen stellt sich die Frage, inwieweit solche Ausschlüsse tatsächlich sinnvoll und noch zeitgemäß sind.

 

Die Antwort muss – wie bei so vielen komplexen Fragestellungen – fast zwangsläufig lauten: Es kommt darauf an. So haben GMOs durch ihren Einsatz in den Bereichen Recycling und Landwirtschaft auf jeden Fall das Potential, einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Umwelt und zur Bekämpfung der Unterernährung zu leisten. Gleichzeitig sind die Bedenken gegenüber dem Einsatz von GMOs mit Blick auf ungeklärte ethische Fragen und mögliche unerwünschte Neben- und Langzeiteffekte auf die menschliche Gesundheit und die Ökosysteme unseres Planeten jedoch absolut nachvollziehbar.

Eines der klassischen Beispiele für dieses Dilemma – und deshalb auch ein häufig aus Fonds ausgeschlossener Bereich – ist die sogenannte grüne Gentechnik, also die Nutzung von GMOs in der Landwirtschaft. Diese wird unter anderem dafür eingesetzt, um Pflanzen zu entwickeln, die eine größere Resilienz gegen Schädlinge oder einen geringeren Wasserbedarf aufweisen und darüber hinaus ertragsreicher, robuster oder länger haltbar sind als „natürliche“ Pflanzen.

Nahrungsknappheit und Mangelernährung eindämmen 

Derart modifizierte Pflanzen könnten dabei helfen, Nahrungsmittelengpässe und das Auftreten von Mangelernährung zu reduzieren. Dies erscheint vor dem Hintergrund des Klimawandels, der mittel- und langfristig zu immer mehr Extremwetterlagen und Dürreperioden führen wird, aber auch akuter Lieferengpässe, wie wir es aktuell in der Ukraine sehen, umso wichtiger.

Auch die Europäische Union plant, im Rahmen des Green Deals die Auflagen für mit Gentechnik gezüchtete Pflanzen zu lockern. So sollen Pflanzen, die auf Basis von Verfahren der Neuen Gentechnik wie der DNA-Schere Crispr/Cas gezüchtet wurden und mittels natürlicher Züchtung hätten erzeugt werden können, künftig nicht mehr dem bestehenden Gentechnik-Gesetz unterliegen.

Jedoch gibt es gegenüber der grünen Gentechnik nachvollziehbare Vorbehalte. So befürchten Kritiker zum einen, dass die Verwendung von GMOs zu einer steigenden Abhängigkeit der Landwirtinnen und Landwirte gegenüber Großkonzernen der Agrarindustrie führen wird. Zum anderen wird zu Recht darauf hingewiesen, dass mögliche Umweltauswirkungen wie beispielsweise die Verdrängung von anderen Pflanzen und potenzielle Gesundheitsrisiken wie allergische Reaktionen oder die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen noch nicht ausreichend erforscht sind.

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GMO im Einsatz: Weiße, blaue oder graue Gentechnik

Ganz anders stellt sich die Situation hingegen im Bereich der Medizin dar. Hier werden mittels Gentechnik hergestellte Arzneimittel bereits häufig genutzt, beispielsweise für die Produktion von Insulin für Diabetespatienten oder die Herstellung von Enzymen zur Behandlung von angeborenen Stoffwechselstörungen. Auch bei einer Reihe von Impfungen, unter anderem gegen HPV oder Meningokokken, werden schon heute gentechnisch hergestellte Impfstoffe verwendet. Vielverspechende Forschungsansätze verwenden GMOs zudem für die Bekämpfung von Erbkrankheiten.

 

Weitere spannende Bereiche, in denen GMOs bereits in relevantem Umfang genutzt werden, sind die Konsumgüterindustrie (weiße Gentechnik), die Meeresbiologie (blaue Gentechnik) und die Umwelttechnik (graue Gentechnik).

So ist die die Verwendung von gentechnisch veränderten Enzymen in der Reinigungsbranche bereits die Norm und wird regulatorisch streng überwacht. Auch bei der Säuberung von Abwasser oder um Recyclingprozesse zu beschleunigen und zu verbessern, werden mittlerweile gentechnisch veränderte Enzyme eingesetzt. Ein Beispiel für eine solche Anwendung ist beispielsweise das französische Unternehmen Carbios, welches aktuell daran arbeitet, enzymatisches Recycling so weiterzuentwickeln, dass es auch bei anderen Plastikarten als bei PET-Plastik funktioniert.

Gentechnik: Schwarz-Weiß-Denken ist überholt

Insgesamt ist es schwer, im Bereich GMOs eine klare Trennlinie zwischen guter und schlechter Gentechnik zu ziehen. Risiken und Chancen müssen immer genau erörtert und gegeneinander abgewogen werden. Der wissenschaftliche Konsens zur Thematik hat sich in den letzten Jahren stetig weiterentwickelt. Neben Wissenschaftlern, die auf die geringe Vergleichbarkeit von Studien und deren kommerzielle Unterwanderung verweisen, gibt es Forschende, die den Standpunkt vertreten, dass es keine Hinweise darauf gibt, dass grüne Gentechnik mit erhöhten Gesundheitsrisiken verbunden ist.

Angesichts dieser weiterhin bestehenden Unsicherheit bleibt es von zentraler Bedeutung, die komplexen ethischen, ökologischen und regulatorischen Aspekte im Zusammenhang mit GMOs bei Anlageentscheidungen kontinuierlich zu prüfen und zu berücksichtigen. Dabei empfiehlt es sich stets von Fall zu Fall abzuwägen, was potenzielle Schäden und Nutzen sind und auf eine gute wissenschaftliche Validierung zu achten.

Ann-Kathrin Goetsch
            Ann-Kathrin Goetsch
         © Green-Growth-Futura

Über die Autorin:

Ann-Kathrin Goetsch ist Sustainability Analyst bei Green Growth Futura. Das Unternehmen berät Vermögensverwalter, Family Offices und Stiftungen bei nachhaltigen Investments und betreibt Nachhaltigkeits-Research, unter anderem für den B.A.U.M. Fair Future Fonds von GLS Investments.

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