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US-Notenbankchef Jerome Powell verkündet am 18. September die neuerliche Zinssenkung. | © Getty Images

„Notenbank bedrängt“ Das sagen Finanz-Experten zur jüngsten Zinssenkung der Fed

„Kein US-Präsident hat je die eigene Notenbank so bedrängt“

Ottmar Lang

Ottmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank:

„Donald Trump hat sie als 'naive Dummköpfe' beschimpft und eine weitere Zinssenkung gefordert – und erwartungsgemäß haben es die amerikanischen Notenbanker wieder getan: Zum zweiten Mal in diesem Jahr hat die Fed heute die Zinsen gesenkt. Ob es sich beim jüngsten Zinsschritt nur um eine weitere Vorsichtsmaßnahme handelte oder ob die Fed tatsächlich einen längerfristigen Zinssenkungstrend verfolgt, ist unklar. Die Notenbanker scheinen sich in dieser Frage nicht einig zu sein. Aber dennoch funktionieren sie schon fast wie eine weisungsbefugte Abteilung des Weißen Hauses.

Denn egal, was passiert – Trump sitzt gegenüber der Fed immer am längeren Hebel. Eskaliert der Zollkonflikt und senkt die Fed die Zinsen nicht weiter, kann der amerikanische Präsident die Schuld an der Rezession auf Jerome Powell schieben. Löst sich der Handelskrieg, verbessern sich auch die US-Konjunkturaussichten – und dann kann sich Trump für seine Wirtschaftspolitik feiern lassen.

Der amerikanische Präsident kann also machen, was er will. Die Fed nicht: Hätte sie den heutigen Zinsschritt ausgelassen, wären die Märkte unruhig geworden. Und Trump hätte einmal mehr die 'dumme Naivität' der Notenbank kritisiert. Kein anderer US-Präsident hat es bislang geschafft, die eigene Notenbank so vor sich herzutreiben.“

„Die Fed bleibt sich treu“

Christian Scherrmann

Christian Scherrmann, Volkswirt USA bei DWS:

„Die Fed bleibt sich treu und senkt die Leitzinsen erneut ‚nur‘ um 25 Basispunkte auf einen Zielkorridor von 1,75 % bis 2,00 %. Gründe seien die noch immer verhaltene Inflation sowie eine weitere Versicherung gegen Risiken, die sich aus einem schwächeren globalen Wachstum und der Zuspitzung des Handelskonflikts ergeben. Zumindest bei Letzterem hat Präsident Trump dann doch ganze Arbeit geleistet, wenn es um die Beeinflussung der Notenbankpolitik geht.

Wenig Neues auch in den jüngsten volkswirtschaftlichen Prognosen der Notenbanker. Für 2019 erhöhte man die Wachstumsprognose gar um ein Zehntel, weniger Wachstum als zuvor wird erst im Jahr 2021 erwartet. Etwas mehr Bewegung gab es indes im sogenannten Dot Plot, in welchem jedes Gremiumsmitglied seine individuelle Einschätzung abgibt, wie sich die Leitzinsen mittelfristig entwickeln. Im Durchschnitt signalisieren die Notenbanker zumindest hier derzeit keinen weiteren Zinsschritt für 2019 und 2020.

Spektakulärer indes war die Entwicklung der Zinssätze auf den Refinanzierungsmärkten für kurzfristige Liquidität in den letzten Tagen. Die Zinsen für kurzfristiges Geld schnellten unerwartet und heftig in die Höhe. Etliche Gründe wurden von teils recht nervösen Händlern angeführt, die Fed selbst gab sich überrascht. Grundsätzlich hätten solche Entwicklungen keine Implikationen für die Geldpolitik. Man habe schon, und werde zukünftig, mehr Liquidität bereitstellen. Rein technisch auch die Entscheidung, den Einlagenzinssatz mehr als die sonst üblichen 25 Basispunkte auf 1,80 % von 2,10 % zu senken, so Powell in der Pressekonferenz.

Ob die Märkte dieser Einschätzung folgen werden, bleibt abzuwarten. Letztendlich interpretieren wir die Entscheidung positiv und finden es auch gar nicht schlecht, dass sich nicht alle Notenbanker über die Zinssenkung einig waren. Im Sinne unabhängiger Notenbankpolitik in unsicheren Zeiten war auch eigentlich nichts anderes zu erwarten.“

„Steigende Zahl von Abweichlern im Offenmarktausschuss“

Florian Ielpo

Florian Ielpo, Leiter des Makro-Researchs bei Unigestion:

„Am Vortag hat die Federal Reserve wie von den Kapitalmärkten erwartet den Leitzinskorridor um 25 Basispunkte auf 1,75 bis 2,0 Prozent gesenkt. Damit hat die US-Notenbank gleichzeitig neuerliche Argumente dafür geliefert, dass sie aktuell lediglich Anpassungen in der Mitte des Zyklus vornimmt.

Bemerkenswert ist die steigende Zahl von Abweichlern im Offenmarktausschuss, wie sie auch schon bei der jüngsten geldpolitischen Entscheidung der Europäischen Zentralbank zu beobachten gewesen ist. Derzeit gebe es wenig Übereinstimmung im Gremium hinsichtlich der Notwendigkeit weiterer Lockerungen im kommenden Jahr.

Insgesamt lässt sich eine Angleichung innerhalb der 'Planetenkonstellation' beobachten: Die makroökonomische Lage ist ordentlich, die Stimmung wirkt unterstützend und das Bewertungsniveau spricht für Wachstums-Vermögenswerte. Vorsicht ist hingegen bei Anleihen angebracht.“

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