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Biker vor der US-Notenbank Federal Reserve in Washington: Die Flucht in US-Staatsanleihen drückt die Rendite. | © Getty Images

ODDO BHF Asset Management

Sparen muss neu gedacht werden

Laurent Denize, Co-Investmentchef bei ODDO BHF Asset Management

Die Notenbanken haben zumindest eines ihrer Ziele erreicht: Das vom britischen Ökonomen John Maynard Keynes 1936 prophezeite Ende des Sparers ist im Jahr 2019 tatsächlich Realität geworden. In den Industrieländern findet sich kein Anlagewert ohne Risiko mehr, der Investoren vor Kapitalerosion schützt.

So liegen die nominalen Renditen zehnjähriger Staatsanleihen selbst in den USA bei null Prozent. Im vergangenen Jahrzehnt war das bereits zweimal der Fall, im Juli 2012 und im Juli 2016. Beide Male zogen die zehnjährigen Renditen jedoch innerhalb von zwei Jahren um mehr als 150 Basispunkte an. Aktuell liegen die realen Renditen von US-Staatsanleihen etwa 200 Basispunkte unterhalb der BIP-Wachstumsrate – ein in den vergangenen 30 Jahren noch nie dagewesenes Phänomen.

BIP-Prognose: Realrenditen nur bedingt geeignet

Seit Einführung der unkonventionellen geldpolitischen Instrumente eignen sich die Realrenditen allerdings nur noch bedingt als Indikator, um damit das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu prognostizieren. Deshalb werden wir uns dem Negativzinsabgrund nicht weiter nähern – selbst wenn unsere Portfolioallokationen zwischenzeitlich eine unterdurchschnittliche Entwicklung hinnehmen müssen.

Entweder behalten die Anleihen-Investoren Recht und die US-Wirtschaft gleitet in eine Rezession ab. Oder die Wirtschaft zeigt sich widerstandsfähig. Anleiheninhaber werden sich dennoch mit Verlusten konfrontiert sehen. Diese werden genauso kräftig ausfallen wie die in diesem Jahr erzielten Gewinne. Auf beiden Seiten des Atlantiks haben Anleihen mit einer Laufzeit von mehr als 15 Jahren im laufenden Jahr ein Plus von mehr als 25 Prozent erzielt, ähnlich wie schon 2014.

Lockere Geldpolitik: Anleger wollen mehr

Die weltweiten Wachstumsperspektiven dürften nach wie verhalten optimistisch stimmen. Eine ungebrochene Konsumdynamik sorgt immer noch für Wachstum. Zwar haben die Notenbanken auf die zunehmende Unsicherheit reagiert, der Sicherheit den Vorzug gegeben und die Geldpolitik abermals gelockert. Die Anleger haben diese Kurswende bereits eingepreist und erwarten nun sogar eine Ausweitung dieser Maßnahmen.

Diese Erwartung erscheint riskant, vor allem in den USA. Bei einem Engagement in US-Staatsanleihen ist Vorsicht geboten. Anleger sollten sich nicht dazu ermutigt fühlen, in Anlagen mit negativen Realzinsen investiert zu bleiben. In zehn oder mehr Jahren wird die neue Investorengeneration vermutlich das mangelnde Urteilsvermögen solcher Anleger belächeln – nach dem Motto: Warum haben sie in Anlagenwerte investiert, bei denen Verlust bei Fälligkeit und Kapitalerosion vorprogrammiert waren? Die von Gordon Gekko gepriesene Gier – bei ihm handelt es sich um den von Michael Douglas verkörperten Börsenhai im Hollywood-Film „Wall Street“ – ist sicher nicht die Ursache dafür.

Anleger: Umschichten in Anleihen aus Peripherieländern

Bei vielen Investoren herrscht aufgrund enger regulatorischer Vorgaben ein Mangel an Alternativen. Anleger, die eine Wahl haben, sollten sich indes auf Staatsanleihen aus den Kernländern und eine Positionierung in Anleihen aus Peripherieländern und bonitätsstarke Emittenten konzentrieren.

Ein Versicherungsunternehmen nach dem anderen streicht auf Euro lautende Verträge aus ihrem Angebot. Dieser Trend verdeutlicht, dass sie nicht gleichzeitig Kapitalgarantien geben und Renditen liefern können, ohne ihr Geschäftsmodell zu gefährden.

Fazit: Dem Abgrund negativer Zinsen werden wir uns nicht weiter nähern – selbst wenn das heißt, in unseren Allokationsstrategien zwischenzeitlich eine unterdurchschnittliche Entwicklung in Kauf nehmen zu müssen. Oder wie der französische Schriftsteller, Schauspieler und Maler Jean Cocteau über die Kühnheit bemerkte: „Man muss wissen, bis zu welchem Punkt man zu weit gehen darf.“  

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