Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Chefvolkswirt Johannes Mayr
Iran-Konflikt als Weckruf: Die Rückkehr der Knappheit
Es gibt eine unbequeme Konstante moderner Volkswirtschaften: Sie beruhen auf etwas, das sie nicht kontrollieren. Energie ist kein skalierbares Gut, keine Plattform, kein Netzwerk mit steigenden Grenzerträgen. Sie ist physisch, begrenzt, ortsgebunden. Wer sie braucht, aber nicht besitzt, ist abhängig.
Diese Abhängigkeit wurde lange verdrängt. Schieferöl schien die Macht der Opec zu brechen, die Energiewende versprach Autonomie, die Digitalisierung suggerierte eine Ökonomie ohne materielle Grenzen. Doch sobald geopolitische Spannungen eskalieren, kehrt die Realität zurück. Ölpreise steigen dann nicht wegen Nachfragezyklen, sondern wegen Konflikten. Und plötzlich wird sichtbar: Die Abhängigkeit war nie weg – nur unsichtbar.
Eigentum schlägt Innovation
Die Geschichte des Öls begann nicht mit Konzernen, sondern mit einem Außenseiter. Edwin Drake, ein ehemaliger Eisenbahner, erschloss 1859 in Pennsylvania die erste kommerzielle Ölquelle. Technisch war das keine Revolution – er adaptierte bestehende Bohrmethoden. Ökonomisch jedoch war es ein Bruch. Denn mit Drake begann nicht nur die Förderung von Öl, sondern die Industrialisierung von Knappheit.
Energie wurde von einem Zufallsfund zu einer kontrollierbaren Ressource. Entscheidend war fortan nicht mehr die Idee, sondern der Zugriff. Drake selbst profitierte nicht davon. Er starb verarmt. Die Renten entstanden anderswo – bei denen, die Lagerstätten kontrollierten, Transportwege dominierten und Märkte strukturierten. Öl war nie eine Geschichte der Erfinder. Es war immer eine Geschichte der Eigentümer.
Geographie ist kein Zufall, sondern Schicksal
Mit der Industrialisierung des Öls wurde Geographie zur politischen Variable. Die Ressourcen lagen nicht dort, wo sie gebraucht wurden. Daraus entstand ein Spannungsfeld, das bis heute wirkt. Iran ist ein prototypisches Beispiel. Die ersten großen Ölvorkommen Irans wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von der Anglo-Persian Oil Company erschlossen – dem Vorläufer der heutigen BP – und nicht vom Land selbst.
Die politischen Reaktionen – von der Verstaatlichung der Ölindustrie unter Premierminister Mossadegh 1951, dem darauffolgenden, von westlichen Geheimdiensten unterstützten Sturz 1953 und der erneuten Festigung der Macht des Schahs bis hin zur Islamischen Revolution 1979 unter Ajatollah Chomeini – waren letztlich eine Antwort auf den als fremdbestimmt empfundenen Zugriff auf Ressourcen.
Chomeini machte Israel dabei zum Feindbild und die USA zum „großen Satan“. Seither schwelt der Konflikt – mal verdeckt über Hisbollah und Hamas, mal offen wie in jüngster Zeit. Die Spannungen sind keine zufälligen Auseinandersetzungen. Sie sind immer auch Ausdruck einer strukturellen Asymmetrie: Ressourcen konzentrieren sich in wenigen Regionen, die Nachfrage ist global verteilt. Öl ist damit nicht nur ein Rohstoff, sondern ein geopolitischer Hebel.
Erdgas: Vom LNG-Schock zur strukturellen Verwundbarkeit
Während Öl traditionell im Zentrum geopolitischer Spannungen steht, zeigt der jüngste Preissprung am europäischen Erdgasmarkt, wie eng auch die Gasversorgung inzwischen mit globalen Konfliktlinien verflochten ist. Die massiven Störungen im LNG-Angebot infolge der iranischen Angriffe auf Energieinfrastruktur im Nahen Osten sowie der temporären Stilllegung zentraler Exportanlagen in Katar, die rund 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels abdecken, haben die TTF-Spotpreise binnen Wochen um bis zu 90 Prozent ansteigen lassen.
Diese Dynamik am Gasmarkt hat weitreichende Auswirkungen auf industrielle Kernsektoren, deren Abhängigkeit von Erdgas weit über den reinen Energieeinsatz hinausgeht. Besonders stark betroffen ist die Düngemittelindustrie, da Erdgas als entscheidender Rohstoff für die Ammoniak- und damit für die Stickstoffdüngerproduktion dient.
Politische Realitäten sprechen gegen Worst Case
Wie es im aktuellen Konflikt weitergeht, ist ungewiss. Analysten denken vor allem in drei Szenarien: eine rasche Erholung, anhaltende Unsicherheit oder eine weitere Eskalation. Der neuralgische Punkt bleibt dabei die Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des globalen Ölhandels fließt – ein geografischer Engpass mit globaler Wirkung.
Das Fieberthermometer des Konfliktes sind die globalen Energie- und Frachtkosten und deren Wirkung auf Inflations- und Zinserwartungen. Neben der Höhe des Ölpreisanstiegs spielt hierbei dessen Dauer eine entscheidende Rolle. Die ökonomischen Risiken steigen damit derzeit mit jedem Tag. Gleichzeitig sprechen die politischen Realitäten gegen ein Worst Case Szenario. Die internationale Isolation Irans begrenzt seine strategischen Optionen. Und die innenpolitischen Zwänge in den USA begrenzen die Bereitschaft der Trump-Administration den Konflikt noch lange fortzuführen.
Iran-Krieg: Markt setzt (noch) auf rasche Lösung
Europa: strukturell exponiert
Eines zeigt der Konflikt aber in jedem Fall: die hohe Abhängigkeit der Weltwirtschaft von Energie. Und diese Realität trifft Europa nach wie vor besonders hart. Während die USA durch Schieferöl an Autonomie gewonnen haben und China strategisch diversifiziert, bleibt Europa trotz der Abkehr von Russland ab 2022 importabhängig – und damit verwundbar.
Die Energiewende auf dem alten Kontinent ist deshalb nicht nur klimapolitisch motiviert. Sie ist eine geopolitische Notwendigkeit. Doch sie ist weder kurzfristig noch reibungslos umsetzbar. In der Übergangsphase bleiben Abhängigkeiten bestehen oder nehmen sogar zu – und mit ihnen die Anfälligkeit für externe Schocks.
Die Rückkehr der Knappheit
Damit erinnert der Konflikt an etwas, das fast vergessen schien. Die Bedeutung der Knappheit für den Wirtschaftskreislauf. Die letzten Jahrzehnte waren geprägt von einer scheinbaren Entmaterialisierung der Wirtschaft. Software ersetzte Kapital, Daten schienen unerschöpflich, Wachstum wurde unabhängig von Ressourcen gedacht. Wer investierte, musste kein Land besitzen, nur wissen, welches Unternehmen die nächste Disruption anführen würde.
Diese Phase endet. Der steigende Energiebedarf von Rechenzentren, Elektromobilität und industrieller Elektrifizierung zeigt: Die digitale Ökonomie ist physischer, als sie wirkt. Knappheit kehrt zurück – nicht als Ausnahme, sondern als Strukturprinzip. Und mit ihr kehren klassische ökonomische Gesetzmäßigkeiten zurück: Renten entstehen dort, wo Ressourcen begrenzt und nicht replizierbar sind. Elektrizität wird zum Engpass. Netze, Speicher, Rohstoffe – all das lässt sich nicht beliebig skalieren.
Damit verschiebt sich auch der ökonomische Referenzrahmen. Der Schumpeter’sche Fokus auf Innovation und kreative Zerstörung – lange Zeit das dominierende Narrativ – wird ergänzt durch einen ricardianischen Blick auf Knappheit und Bodenrenten. Wert entsteht nicht mehr nur durch das Neue, sondern wieder verstärkt durch das Begrenzte.
Nicht allein die Fähigkeit zur Innovation entscheidet über wirtschaftlichen Erfolg, sondern der Zugang zu physischen Ressourcen, zu Energie, zu Infrastruktur. In einer Welt wachsender Nachfrage und begrenzter Angebotsausweitung gewinnt damit eine alte Einsicht neue Aktualität: Knappheit ist kein temporäres Hindernis, sondern eine dauerhafte Quelle ökonomischer Ordnung – und von Macht.
Implikationen für Kapitalmärkte
Auch für Investoren ergibt sich daraus ein Perspektivwechsel. Energie ist keine kurzfristige Wette auf den Ölpreis. Sie ist ein strukturelles Element zur Absicherung gegen Knappheit und Inflation. Physische Assets – Netze, Infrastruktur, Rohstoffe – generieren Renten, weil sie nicht beliebig vermehrbar sind. Ihr Wert entsteht nicht durch Innovation, sondern durch Exklusivität.
Das bedeutet nicht, dass Technologie an Bedeutung verliert. Im Gegenteil: Die KI-Revolution ist real. Aber sie erhöht den Energiebedarf und verstärkt damit die Relevanz physischer Ressourcen. Die zentrale Herausforderung für Portfolios besteht darin, beides zu verbinden: die Zukunft der Innovation – und die Realität der Knappheit.
Edwin Drake wollte Lampenöl fördern. Tatsächlich hat er eine Welt begründet, in der Kontrolle über Ressourcen Macht bedeutet. Diese Welt ist nicht verschwunden. Sie wurde nur überlagert – von einer Phase scheinbarer Entmaterialisierung. Doch mit der Rückkehr geopolitischer Spannungen und steigender Energiebedarfe wird klar: Knappheit ist kein Relikt der Vergangenheit. Sie ist die Struktur der Zukunft. Und Öl bleibt – zumindest im Übergang – die Währung, in der sich Verwundbarkeit bemisst.