DAS INVESTMENT: Herr Schmidt, wir haben in letzter Zeit von US-Präsident Trump immer wieder neue Ankündigungen über Zölle gehört, die dann teils zurückgenommen worden, um später wieder scharfgeschaltet zu werden. Ist das der Auftakt für vier Jahre Chaos?
Oliver Schmidt: Gegenüber seiner ersten Amtszeit ist die Situation unter Trump 2.0 noch einmal verschärft, mit ähnlichen Eruptionen an den Börsen. Für Trump – wie für alle amerikanischen Präsidenten – ist allerdings langfristig immer wichtig, was der Kapitalmarkt macht. Auch wenn das ungewöhnlich klingt: Aus unserer Sicht wird Trump damit – so die Hoffnung – verantwortungsvoll umgehen. Spätestens zu den Midterm-Wahlen wird er sich wieder seinen Wählern stellen müssen, die im Durchschnitt in den USA ein deutlich höheres Aktien-Engagement haben als in Europa. Ich glaube, dass er seine radikalen Maßnahmen in diesem Tempo nicht weiterführen kann. Die Volatilität an den Märkten ist jetzt sehr hoch, das wird sich im Zeitverlauf hoffentlich normalisieren.
Zwar sehen wir eine deutliche Verschärfung bei den Handelszöllen, aber bisher war es noch immer so, dass die Weltwirtschaft einen Weg drumherum gefunden hat. Wir hatten schon eine verschärfte Zollsituation in Trumps erster Amtszeit, und auch unter Biden war das Thema schwierig. Angesichts einer hyperglobalisierten Welt war der Welthandel aber bisher immer in der Lage, sich bei Schwierigkeiten schnell anzupassen.
DAS INVESTMENT: Trumps Zollvorhaben könnten sich aber auf die globalen Lieferketten auswirken – sehen Sie das auch so?
Oliver Schmidt: Nach dem, was die Unternehmen berichten, sehen wir die Situation bisher stabil. Was wir aber durchaus beobachten: Unternehmen stellen ihre Lieferketten aufgrund der geopolitischen Lage zunehmend dezentral auf. Man möchte nicht nur in China produzieren, sondern auch auf dem europäischen oder dem amerikanischen Kontinent. Zusammengefasst: Kurzfristig sehen wir keine großen Auswirkungen, langfristig schon.
DAS INVESTMENT: Welche Sektoren und Asset-Klassen reagieren in der aktuellen Lage besonders volatil, und wo sehen Sie – umgekehrt – Chancen?
Oliver Schmidt: Die Handelsstimmung hat durch die reziproken Zölle eine neue Eskalationsstufe erreicht. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit einer Rezession. Der Trend geht klar weg von zyklischen Titeln, die stark an der Konjunktur hängen.
Wir sehen vermehrt Chancen bei defensiven Sektoren: bei hochklassigem Konsum, Versorgungsunternehmen und Telekommunikation – Geschäftsfelder, die wenig konjunktursensitiv sind. Aber auch das Bausegment und der Immobiliensektor könnten profitieren, wenn es jetzt zu weiteren Zinssenkungen kommt, wie wir voraussehen.
Dagegen können stark exportorientierte Geschäftsmodelle leiden. Die Automobilindustrie, Industriegüter, Chemie- und Rohstoffindustrie – im Wesentlichen alles, was zyklisch und exportorientiert ist.
DAS INVESTMENT: Es hieß zuletzt, dass die Anleihenmärkte Donald Trump zur Raison rufen könnten. Wie sehen Sie das?
Oliver Schmidt: Wir sehen die Anleihenmärkte nach wie vor positiv, insbesondere Corporate Bonds. Trotz der wirtschaftlich schwierigen Situation der vergangenen Jahre haben wir einen relativ stabilen Bondmarkt mit guten Renditen und starker Kreditqualität gesehen, insbesondere in Europa. Das ist für uns nach wie vor gegeben.
Insgesamt würde ich sagen: Bevor die Staatsanleihen reagieren, werden eher die Aktienmärkte sehr stark ausschlagen. Sie sind das unmittelbare Korrektiv, das zu Gegenmaßnahmen aufruft.
An den wesentlichen Rahmenbedingungen hat sich für die USA aus unserer Sicht nichts geändert: Der US-Dollar bleibt die Weltwährung, die USA bleiben die größte Volkswirtschaft der Welt.





„Wir sehen keine Entspannung voraus“
DAS INVESTMENT: Welche Rolle spielen die Zentralbanken in diesem Umfeld?
Oliver Schmidt: Wir befinden uns klar in einem Zinssenkungszyklus. Der begann schon im Herbst letzten Jahres. Wir erwarten, dass die Zentralbanken jetzt möglicherweise schneller korrigieren werden. Nach den hohen Inflationsphasen der Vergangenheit haben die Notenbanken auch reagiert, um die Situation in den Griff bekommen. Das werden sie nun auch in die Gegenrichtung tun.





DAS INVESTMENT: Speziell zwischen USA und China sieht die Lage besonders prekär aus. Wie beurteilen Sie das Risiko, dass der Handelskonflikt zwischen den beiden Ländern auch langfristig eskaliert?
Oliver Schmidt: Wir sehen keine Entspannung voraus. Unsere Rezessionswahrscheinlichkeit für die USA liegt bei etwa 60 Prozent. Die Wachstumsprognose für 2025 liegt bei 0 Prozent. Trump hat bei vielen Ländern Zölle zurückgenommen, außer bei China.
In China trifft die Abhängigkeit des Landes vom Export auf eine Krise der Binnenwirtschaft. Wir haben in China bereits eine Deflation, die Verbraucherpreise und auch die Erzeugerpreise entwickeln sich negativ. Der chinesische Staat könnte mit Stimulus-Paketen reagieren, um den Konsum und Investitionen in die Binnenwirtschaft zu stärken. Das könnte wiederum positive Auswirkungen auch auf Europa haben.
Im Vergleich zu China sind die USA vom Zollstreit jedoch stärker negativ getroffen: Sie sind abhängiger von chinesischen Importen als umgekehrt.
DAS INVESTMENT: Welche Chancen ergeben sich jetzt für Anleger?
Oliver Schmidt: Als Wildcard könnte sich Europa erweisen, es könnte durch die geopolitische Lage stärker werden. Wir sehen das bereits an den Mittelflüssen der Investoren. Zusätzlich sehen wir in Europa, auch in Deutschland, günstige Bewertungen. Im vergangenen Jahr wurden circa 40 Prozent der M-Dax-Unternehmen unter Buchwert gehandelt. Europa bietet aktuell auch viel mehr Klarheit als andere Weltregionen. Mit diesem relativ sichereren Umfeld könnte sich der Kontinent gut positionieren, wenn er politisch die richtigen Schlüsse zieht. In Summe sehen wir keine langanhaltende Krise in Europa.
Aus Anlegersicht spricht das geringe Wirtschaftswachstum klar für Stockpicking, auch für Fondslösungen. Wir sehen auch gute Chancen bei Dividendenwerten – in Europa haben wir Dividendenrenditen von teilweise 4 Prozent und mehr. Die Unternehmen haben im Mittel auch solide Bilanzen. Auf der Anleihen-Seite präferieren wir gut geratete Corporate Bonds. Wir haben auch unsere Goldanlagen erhöht und sehen Potenzial bei Infrastruktur-Investments.
DAS INVESTMENT: Könnte man sagen, dass Europa aus der aktuellen Lage als lachender Dritte hervorgehen könnte?
Oliver Schmidt: Ja, dem würde ich so zustimmen – mit der Einschränkung, dass Europa jetzt die Notwendigkeit sehen sollte, gemeinsam zu denken: bei Investitionen, Verteidigung und in der Wirtschaftspolitik.
Das bedingt auch neue Wirtschaftsbeziehungen, zum Beispiel zum globalen Süden. Wir können als Handelspartner auf Augenhöhe auftreten, weil wir etwas für Nachhaltigkeit und Governance tun und dazu noch gute Produkte haben, die diese Regionen brauchen. Diese Chancen müssen wir als gemeinsames Europa ergreifen.
Über den Interviewten:
Oliver Schmidt ist seit mehr als 15 Jahren für das Bankhaus Metzler tätig, seit Anfang 2024 ist er Investmentchef (CIO) und Chef von Metzler Asset Management. In der Vergangenheit ist er zudem für das Chemieunternehmen BASF tätig gewesen.

