Ude Kersting, Produktchef und Mitglied der Geschäftsführung von VWD Vereinigte Wirtschaftsdienste: „Fintech-Start-ups werden die Finanzbranche verändern“.

Ude Kersting, Produktchef und Mitglied der Geschäftsführung von VWD Vereinigte Wirtschaftsdienste: „Fintech-Start-ups werden die Finanzbranche verändern“.

Online-Vermögensverwaltung

VWD-Produktchef: So machen wir Finanzberater zu Robo-Advisors

//
DAS INVESTMENT: Online-Vermögensverwalter, auch als Robo-Advisors bezeichnet, waren einer der großen Trends im vergangenen Jahr. Auch VWD hat Ende 2015 ein Online-Vermögensverwaltungs-Tool entwickelt. Wie funktioniert es?

Udo Kersting: Die meisten Online-Vermögensverwaltungen wenden sich direkt an den Endanleger. Wir dagegen sind Technologieanbieter und richten uns an professionelle Marktteilnehmer, also an Banken, Asset Manager, Finanzberater, die das Tool in ihrem Beratungsgeschäft und in der Vermögensverwaltung nutzen. Außerdem gibt es keine Beschränkungen auf einzelne Produktklassen – mit unserem Tool können grundsätzlich alle Asset-Klassen abgedeckt werden; es kann für die Anlageberatung wie auch für die diskretionäre Vermögensverwaltung genutzt werden. Der Berater oder Vermögensverwalter kann das Tool in seine Website einbinden, sein Kunde kann also direkt online ein Profil erstellen. Dabei gibt er unter anderem seine Risiko-Rendite-Orientierung und seine Liquiditätserwartung ein. Auch das Thema Kosten kommt zur Sprache. Je nachdem, wie wichtig einem Kunden die Kosten sind, variiert zum Beispiel der ETF-Anteil im Portfolio.

Nun hat der Kunde das Profil ausgefüllt. Wie geht es weiter?

Kersting: Das Programm wertet die Angaben des Kunden aus und übersetzt diese in Kennzahlen. Auf dieser Grundlage wird für jeden Kunden ein digitaler Anlagevorschlag erstellt.

Das machen die für Endanleger konzipierten Tools wie Vaamo, Cashboard oder Easyfolio aber auch.


Kersting: Mit dem Unterschied, dass unser Tool nicht nur ein paar wenige, sondern alle Asset-Klassen nutzt, eine individuelle Produktauswahl bietet, der Finanzdienstleister es zur (Selbst-)Anlageberatung und zur Vermögensverwaltung einsetzen kann und es eine laufende Betreuung im Nachgang bietet. Nachdem das digitale Portfolio erstellt wird, entscheidet der Kunde, ob er es so akzeptiert. Tut er das, so wird dieses Portfolio je nach Geschäftsmodell in ein Vermögensverwaltungsmandat überführt, oder eine entsprechende Transaktionsliste – execution only – erstellt. Der gesamte Prozess sollte möglichst selbsterklärend sein und kann ohne Berater ablaufen, aber der Berater ist jederzeit erreichbar, falls der Anleger es wünscht.

Und wie sieht es mit der Haftung aus?

Kersting:
Das ist letztlich die Entscheidung unseres Kunden, also der Bank, des Vermögensverwalters oder Finanzberaters. Aktuell ist es so, dass die Selbstempfehlung meist ohne regulatorischen Mantel stattfinden kann. Das beratungsfreie Geschäft sowie die Überführung in ein Vermögensverwaltungsmandat dürften somit vorerst überwiegen. Wird ein Berater kontaktiert, kommt es darauf an, ob es sich um ein Beratungs- oder ein beratungsfreies Geschäft handelt. Dies muss der Berater mit seinem Kunden klären.

Wann soll das Tool erstmals eingesetzt werden?

Kersting: Wir haben das Tool bereits den ersten Banken zur Verfügung gestellt. Sie binden es jetzt in ihre IT ein. Der erste Anbieter kommt damit voraussichtlich im April oder Mai auf den Markt.

Ist Deutschland ein guter Standort für Fintechs und Digitalisierung?


Kersting: Ja, ich würde sogar sagen, es ist ein sehr gutes Umfeld für digitale Finanzunternehmen. Wir haben viel Know-how in Sachen Firmengründung, gepaart mit Innovationsgeist. Das technische Wissen ist auf einem sehr hohen Niveau. Das Startkapital ist mittlerweile auch gut zu bekommen: Das Interesse der Investoren an Fintech-Start-ups wächst kontinuierlich. Zudem kommen die vielen Initiativen, die deutsche Universitäten in letzter Zeit ins Leben gerufen haben, den frisch gegründeten digitalen Finanzfirmen zugute.

Werden die Fintech-Start-ups etablierte Finanzdienstleister verdrängen?

Kersting: Sicherlich stellen Fintech-Start-ups Konkurrenz für etablierte Finanzdienstleister dar. Sie werden die Finanzbranche verändern. Gerade am Endkundenmarkt werden die Online Angebote sehr stark wahrgenommen, da sie den Kunden einen hohen Mehrwert bieten. Denn Kunden wollen verstärkt hohe Transparenz – diese bekommen sie durch digitale Depotlösungen, aber auch durch Robo-Advisors.

Dann können etablierte Berater ja einpacken?

Kersting: Nein. Persönlicher Kontakt wird immer seinen Platz in der Anlageberatung haben. Gerade bei komplizierten Entscheidungen sind viele Kunden froh, neben dem automatisch errechneten Vorschlag auch auf den Rat eines Profis aus Fleisch und Blut zurückgreifen zu können. Daher gehört Konzepten, die beides integrieren können, die Zukunft in der Finanzbranche. Online-Tools können Beratern zudem Impulse liefern, um mit dem Kunden in Kontakt zu treten. Alles, was online ist, kann auch gehackt werden.

Was unternehmen Sie hinsichtlich des Schutzes der Anleger vor Cyber-Kriminalität?


Kersting: Unsere Experten setzen sich fortlaufend mit Sicherheitsthemen auseinander und haben ein entsprechendes Konzept über die Systemarchitektur implementiert. Dann greifen wir aus dem gesicherten System auf isolierte Module unserer Kunden zu.

Mehr zum Thema
TransparenzindexBanken-Webseiten nur selten konkurrenzfähigInsurtechsWie die Versicherungsbranche digital unter Druck gerätBundesbank-Vorstand über Fintechs„Banken werden sich von Beratung zwischen 9 und 17 Uhr trennen“