Manche Anleger hatten den Termin im Kalender, bevor es ihn überhaupt gab: Ein Börsengang von OpenAI, dem Unternehmen hinter ChatGPT. Für viele wäre das die reinste Wette auf die Künstliche Intelligenz gewesen. Dann trat Sam Altman ans Mikrofon und kassierte die Erwartung ein. Ein IPO im Jahr 2026? Das wäre „nicht ratsam“, so der OpenAI-Chef. Zu viel sei noch offen, vor allem bei der Sicherheit der eigenen Systeme.
Frühestens 2027 also, und selbst das ohne Zusage. Für ein Unternehmen, das im März mit rund 852 Milliarden Dollar bewertet wurde und die Marke von einer Billion Dollar anpeilt, ist das eine bemerkenswerte Vollbremsung.
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Der Markt reagiert prompt
Die Absage traf einen ohnehin nervösen Markt. Verstärkt wurde sie durch einen zweiten Paukenschlag. Altman und Anthropic-Chef Dario Amodei warnten fast zeitgleich vor dem Tempo der eigenen Branche und brachten eine Verlangsamung ins Gespräch. Wenn zwei der wichtigsten KI-Manager gleichzeitig auf die Bremse treten, hören die Börsen genau hin.
Und sie verkauften. Der Philadelphia-Halbleiterindex verlor 5,2 Prozent, Nvidia rund 3 Prozent, AMD und Micron noch mehr. In Europa gab ASML um 6 Prozent nach, in Asien rutschte Softbank um über 10 Prozent ab. Die Angst vor einer KI-Blase, monatelang von starken Chip-Zahlen übertönt, war mit einem Schlag zurück.
Warum ein ausgefallener IPO Anleger bewegt
Direkt kaufen kann kein Privatanleger OpenAI, denn das Unternehmen ist privat. Der Zugang läuft nur über Umwege, über Microsoft, über Nvidia, über die Chip- und Infrastrukturwerte, die vom KI-Boom leben. Genau deshalb wirkt die Verschiebung wie ein Stimmungssignal für die ganze Kette. Sie sagt nichts Gutes über den Appetit auf neue KI-Risiken.
Für Dina Ting, Head of Global Index Portfolio Management bei Franklin Templeton, zeigt der Vorgang aber vor allem eines. Nämlich, wie stark sich die Wertschöpfung in die privaten Märkte verlagert hat. „Unternehmen können heute bereits sehr groß und etabliert sein, bevor sie überhaupt an die Börse kommen“, sagt sie. Für Aktienanleger heißt das, dass sie an einem Teil dieser Entwicklung erst spät teilhaben.
Ting dämpft zugleich eine verbreitete Hoffnung. Ein späterer Börsengang bedeute nicht automatisch, dass ein solcher Riese sofort schwer in den großen Indizes wiegt. Entscheidend seien der frei handelbare Anteil, die Liquidität und die Regeln der Indexanbieter. Ihr Rat klingt unspektakulär, trifft aber den Kern. Wer in Indexfonds investiert, sollte wissen, welche Unternehmen und welche Risiken tatsächlich darin stecken. Und er sollte verstehen, wie sich diese Zusammensetzung durch neue Börsengänge über die Zeit verschiebt.
Vom Wettrüsten zur Renditefrage
Das Ende der KI-Geschichte will aus der Absage niemand ableiten. Serge Nussbaumer, Head of Public Solutions beim Schweizer Wertpapierhaus Maverix, sieht den Boom eher in eine zweite, anspruchsvollere Phase eintreten. Bislang belohnte der Markt vor allem Tempo, Investitionsbereitschaft und Zugang zu Rechenleistung. Jeder zusätzliche Dollar Capex galt als gutes Zeichen. Das dürfte künftig nicht mehr reichen.
Denn die Dimensionen sind gewaltig. Die großen Cloud-Konzerne stecken dreistellige Milliardenbeträge in Rechenzentren, Chips und Energie, zunehmend auch auf Pump. Bei Bilanzen wie denen von Microsoft, Alphabet, Amazon oder Meta ist das für sich kein Alarmsignal. Doch die ökonomische Messlatte steigt. Irgendwann müssen all die neuen Server eine Rendite abwerfen, die über den Kapitalkosten liegt.
Differenziert betrachtet ist die Absage ohnehin kein Rückzug der Branche vom Kapitalmarkt. Anthropic hält an seinen eigenen Börsenplänen fest. Bemerkenswert bleibt der Schritt trotzdem. Er zeigt, wie selbst die Marktführer zwischen technischem Ehrgeiz, Sicherheitsfragen und gewaltigem Kapitalbedarf abwägen müssen.
Hinzu kommt der Preisdruck aus China. Anbieter wie Deepseek oder Alibabas Qwen haben gezeigt, dass leistungsfähige Modelle nicht zwingend die teuren Kostenstrukturen der US-Konzerne brauchen. Damit wird Sicherheit auch zur Wettbewerbsfrage. Höhere Anforderungen an Tests, Governance und Kapital heben die Eintrittsbarrieren. Diese Hürden überspringt am leichtesten, wer ohnehin schon führt.
Was das für Anleger heißt
Ein Grund zum Ausstieg ist all das nicht, wohl aber ein Grund zur Auswahl. Interessant bleiben Unternehmen, bei denen KI heute schon Margen, Produktivität oder freien Cashflow verbessert und nicht bloß den Kapitalbedarf. Vorsicht ist dort geboten, wo hohe Bewertungen dauerhaft außergewöhnliches Wachstum voraussetzen und zugleich immer mehr Kapital verschlingen.
Die zentrale Frage der kommenden Jahre lautet damit nicht mehr, wie viel Geld in die KI fließt, sondern wer damit verdient. Oder, wie Nussbaumer es zuspitzt: Das größte Risiko ist womöglich nicht, dass die Technik enttäuscht. Gefährlich wird es, wenn sie funktioniert, aber nicht profitabel genug ist, um die Summen und Bewertungen zu rechtfertigen, die längst in den Kursen stecken.