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Parallelen zwischen Russland und der Türkei: Russischer Ex-Banker zum Aufstand auf dem Taksim-Platz

Leonid Bershidsky. Quelle: Dmitry Rozhkov/Wikipedia
Leonid Bershidsky. Quelle: Dmitry Rozhkov/Wikipedia
Leonid Bershidsky hat viele Berufe gehabt. Unter anderem war er Direktor der russischen Bank Kit Finans und der gleichnamigen Investmentholding. Außerhalb der Finanzbranche ist er Kolumnist, Blogger und Buchautor. In einem bei der Nachrichtenagentur „Bloomberg“ veröffentlichten Artikel äußert er sich nun zu den Entwicklungen in der Türkei. Unter welchen Umständen sind Menschen bereit ihr Leben zu riskieren und mit Gewalt einen Umsturz herbeizuführen? Bershidsky ist der Meinung, dass die Straßenschlacht immer die letzte Ausflucht der Bevölkerung ist. Dies unterscheide die erfolgreichen Revolutionen während des arabischen Frühlings von den wirkungslosen Protesten gegen Vladimir Putin während der vergangenen Jahre. Auch die aktuellen Unruhen in Istanbul, die bereits erste Todesopfer forderten, seien zum Scheitern verurteilt. Die politischen Motive der Demonstranten überwögen ökonomische Notwendigkeit. Den Menschen dort bliebe stets der Rückzug von der Straßenschlacht ins Privatleben. Dies erlaube Erdogan Exempel an den radikaleren Demonstranten zu statuieren um die Entschlossenheit der Masse zu untergraben. In Libyen und Ägypten sei dies nicht möglich gewesen, da den Menschen nur der Umsturz blieb.  Bershidsky untermauert diese These mit Zahlen der Todesopfer, allen voran Libyen mit etwa 30.000 und Ägypten mit 846. Für die Kompromisslosigkeit der Aufstände im arabischen Frühling macht er auch die Muslimbruderschaft verantwortlich. Diese habe sich besonders durch Wohltätigkeit das Vertrauen und die Loyalität der benachteiligten Schichten gesichert und während der Revolution in ihnen treue Anhänger gefunden. Ohne derartige Strukturen bleibe den Inhabern der Staatsgewalt mehr Spielraum.  In Russland stehen diese Woche mehrere angeblich gewalttätige Demonstranten vor Gericht. Bershidsky nennt diese Prozesse „show trials“- Schauprozesse. Dafür spricht, dass unklar ist, ob die angeblich von den Demonstranten verletzten Polizeibeamten überhaupt im Krankenhaus behandelt werden mussten. Die Angeklagten hingegen erlitten während ihrer „Attacke“ Knochenbrüche und Gehirnerschütterungen. Die Aufstände der Türkei müssten zwangsläufig ähnlich verlaufen, da die Massen nicht gewillt seien alles zu riskieren um dem patriarchalischen und wenig säkularen Führungsstil Erdogans ein Ende zu setzen. Bershidsky schließt mit der Bemerkung, dass die Zeit friedlicher Revolutionen vorbei sei. Autokraten hätten aus der Vergangenheit gelernt und verstünden es mit der richtigen Mischung aus Brutalität und Desinformation der Massen ihre Macht aufrechtzuerhalten. >> Den gesamten Artikel in englischer Sprache finden Sie hier 
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