Das deutsche Gesundheitswesen soll digitaler werden. Bei ihrem Bemühen für dieses Ziel drückt die Bundesregierung nach den anfänglichen Startschwierigkeiten bei diesem Thema jetzt aufs Tempo: Das elektronische Rezept ist eingeführt, Video-Sprechstunden werden zunehmend Teil der medizinischen Standardversorgung und Anfang 2025 bekommen die Versicherten automatisch eine elektronische Patientenakte (EPA), sofern sie nicht aktiv widersprechen.
Elektronische Patientenakte für alle Versicherten
Damit das nicht massenhaft geschieht, ist beim Thema elektronische Patientenakte aktuell aber noch viel Informations- und Überzeugungsarbeit zu leisten. Das zeigen die Ergebnisse einer für die deutsche Bevölkerung repräsentativen Civey-Befragung unter 10.000 Personen, die im August im Auftrag des AOK-Bundesverbandes durchgeführt wurde. Demnach befürworten 61 Prozent der Befragten die Regelung, dass 2025 für alle gesetzlich Versicherten automatisch eine EPA mit Opt-out-Recht angelegt wird. Knapp 20 Prozent der Befragten lehnen diese Regelung hingegen ab, etwa 15 Prozent sind noch unentschieden.
Die Hälfte der Deutschen fühlt sich überfordert
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Die E-Akte sei ein Riesenschritt auf dem Weg zur Digitalisierung des Gesundheitswesens, sagte die Chefin des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), Doris Pfeiffer, der Deutschen Presse-Agentur (DPA). „Sie kann zu dessen Herzstück werden, wenn jetzt alle Beteiligten – von den Apotheken über die Ärzteschaft bis zu den Krankenhäusern – gemeinsam mit den Krankenkassen an einem Strang ziehen, damit der praktische Nutzen schnell bei den rund 75 Millionen gesetzlich Versicherten ankommt.“
Medikamenten, Befunde und Laborwerte
Die elektronische Patientenakte soll ein digitaler Tresor für beispielsweise Arztbriefe und Befunde, Medikationspläne, Röntgenbilder, Impfpass und Mutterpass oder Notfalldaten sein und Patienten ein Leben lang begleiten. Vorab müssen die gesetzlichen Krankenkassen allen Versicherten umfassendes Informationsmaterial zur Verfügung stellen. Dies habe vor einigen Wochen begonnen und gehe in den nächsten Monaten kontinuierlich weiter, zitiert die DPA Pfeiffer.
Doppeluntersuchungen werden unnötig
Die Verbandschefin betont: „Mit der EPA werden medizinische Daten besser und schneller verfügbar – so kann sie die persönliche medizinische Behandlung in Zukunft deutlich verbessern. Denn Zeit, die ansonsten für die Informationsbeschaffung benötigt wird, kann stattdessen für die konkrete Behandlung genutzt werden.“ Zudem könnten Doppeluntersuchungen vermieden werden, was die Patienten und die Ärzte entlaste.
E-Patientenakte für alle ab 15. Januar
Anlaufen soll die E-Patientenakte für alle ab Mitte Januar zunächst in zwei Modellregionen in Franken und Hamburg. Voraussichtlich vier Wochen später soll sie bundesweit für Patienten, Praxen, Kliniken und Apotheken nutzbar sein. Als wählbares Angebot, um das sich Versicherte selbst kümmern müssen, waren E-Akten bereits 2021 eingeführt worden. Sie werden bisher aber kaum verwendet. Um das zu ändern, soll die zukünftige „EPA für alle“ von Anfang an Inhalte beinhalten. Darunter soll eine Liste der eingenommenen Medikamente sein, die automatisch aus elektronischen Rezepten erstellt wird.
Allianz PKV-Pionier bei der E-Akte
Als zunächst dritter privater Krankenversicherer nach dem PKV-Pionier Allianz und der Gothaer vor ungefähr zwei Jahren hat im Mai dieses Jahres die Hallesche für ihre Kunden die EPA eingeführt. Der neue Service trage dazu bei, dass Behandlungen zielgerichteter und besser aufeinander abgestimmt erfolgen können. Denn über den digitalen Austausch können Arztpraxen oder Kliniken Dokumente jederzeit griffbereit zur Verfügung stellen. Das vermindere den Aufwand sowohl für Patienten als auch die sogenannten Leistungserbringer, beschleunige die Prozesse und verbessere die Qualität der medizinischen Versorgung.
Vierter PKV-Anbieter mit EPA-Service
Inzwischen hat auch die Signal Iduna eine elektronische Patientenakte für ihre Versicherten gestartet. Als heute vierter privater Krankenversicherer am deutschen Markt bietet sie eine E-Akte an. Zu Beginn können aus technischen Gründen aber nur Versicherungsnehmer einer Krankenvoll- oder Beihilfe-Police des Unternehmens die entsprechende EPA-App fürs Smartphone nutzen. Zukünftig soll dieser neue Service auch für mitversicherte Personen verfügbar sein.
Ob Versicherte die EPA nutzen wollen oder nicht, entscheiden sie selbst. Die Hoheit über die Daten liegt allein bei den Versicherten. Sie entscheiden, wem sie welche Informationen ihrer E-Akte geben. Die entsprechenden Daten werden auf einem zentralen Server in Deutschland gespeichert, für den die europäischen Datenschutzbestimmungen gelten. Zusätzlich werden die Daten verschlüsselt abgelegt, sodass nur der vom Versicherten berechtigte Personenkreis die abgelegten Informationen einsehen kann.
„Die Daten bewegen sich in einem separaten Netzwerk der medizinischen Telematik-Infrastruktur. Diese kann man sich wie einen Hochsicherheitstrakt vorstellen“, sagt Wiltrud Pekarek, Vorständin der Hallesche Krankenversicherung. „Die EPA ist wie ein Tresor. Den Zugang zu dem Tresor hat nur der Versicherte selbst.“ Für die Hallesche sei es eine Priorität, die Digitalisierung für ihre Versicherten aktiv voranzutreiben.
„Zwar ist die PKV anders als die GKV nicht dazu verpflichtet, die elektronische Patientenakte anzubieten, aber für uns ist es im Rahmen unserer Digitalisierungsstrategie überhaupt nicht denkbar, darauf zu verzichten“, sagt Pekarek. Im nächsten Schritt führe der Stuttgarter Versicherer aus der ALH-Gruppe auch das E-Rezept sowie einen Online-Check-In ein.
9 von 10 halten digitalisierte Medizin für richtig
Krankenversicherte wollen digitale Services
Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Deutschland findet das gut: 89 Prozent halten die Digitalisierung im Gesundheitswesen grundsätzlich für richtig – und 71 Prozent wünschen sich dabei sogar mehr Tempo. Das zeigt eine repräsentative Telefonumfrage im Auftrag des Digital-Branchenverbands Bitkom. Befragt wurden hierfür im Mai 1.140 Menschen hierzulande ab 16 Jahren. Die wichtigsten Ergebnisse haben wir in der Bilderstrecke oben dargestellt.
Basis: Alle Befragten (n=1.140) | Mehrfachnennungen möglich | Quelle: Bitkom Research 2024

