DAS INVESTMENT: Herr Kolb, ganz Europa spricht über Sicherheit. Neue Rüstungs-ETFs und -Fonds kommen auf den Markt und sammeln viel Investorengeld ein. Den Security-Fonds, den Sie seit 2007 verwalten, gibt es hingegen fast 20 Jahre. Fühlen Sie sich als Pioniere?
Patrick Kolb: Ich möchte zunächst betonen, dass wir Sicherheit ganz anders definieren als Rüstung oder Verteidigung. 2006, bei der Auflage des Fonds, haben wir eine Umfrage unter unseren Kunden durchgeführt, wie sie sich fühlen würden, wenn wir in Rüstung investieren würden. Die große Mehrheit hatte kein gutes Gefühl dabei. Entsprechend haben wir Rüstung von Anfang an ausgeschlossen und sind auch heute nicht in diesem Bereich investiert. Wir glauben, es gibt attraktivere Sicherheitsinvestments als Rüstung.
Wie finden Sie es denn, dass Fondsgesellschaften ihre Produkte ebenfalls mit dem Schlagwort „Sicherheit“ betiteln, um die Labels „Rüstung“ oder „Waffen“ zu vermeiden?
Kolb: Unsere Kunden kennen unsere Strategie, der wir seit bald zwei Jahrzehnten treu sind. Und sie sind zufrieden damit. Die Entscheidung, nicht in Waffen zu investieren, entspricht den Wünschen unserer Anleger, die bewusst in ein breiteres Sicherheitskonzept investieren möchten.
Im März 2025 hat UBS Asset Management die Ausschlussregel für Rüstungsunternehmen allerdings gelockert. Theoretisch könnten Sie mit Ihrem Artikel-8-Fonds nun auch in Unternehmen investieren, deren Geschäftsgebiet bis zu 20 Prozent in der Waffenproduktion liegt.
Kolb: Das ist eine unternehmensweite Direktive, für uns hat sich nichts geändert. Wir fokussieren uns weiterhin auf andere Sicherheitsbereiche, die wir für zukunftsträchtiger halten. Der Markt für Cybersicherheit etwa wächst strukturell viel stärker als der traditionelle Rüstungsmarkt.
Wie definieren Sie Sicherheit in Ihrem Investmentansatz?
Kolb: Als wir den Fonds konzipierten, haben wir uns intensiv damit beschäftigt, was Sicherheit im Alltag der Menschen bedeutet. Sicherheit begegnet uns überall – in Lebensmittelzertifizierungen, in Bremssystemen von Fahrzeugen, in digitalen Identitäten am Arbeitsplatz oder in Qualitätsstandards bei Medikamenten. Unsere Forschung führte uns zu fünf zentralen Teilbereichen: IT-Sicherheit, Verbrechensprävention, Transportsicherheit, Gesundheitsprävention und Umweltsicherheit. Diese fünf Säulen bilden das Fundament unserer Anlagestrategie – und daran halten wir fest.
Welchen dieser Teilbereiche finden Sie derzeit am spannendsten?
Kolb: Am spannendsten ist aktuell definitiv die IT-Sicherheit, die in unserem Portfolio mit etwa 26 Prozent am stärksten gewichtet ist. Dieser Bereich wird mit KI weiter an Bedeutung gewinnen. Ein durchschnittlicher Hacker hat heute mit Hilfe von KI das Potenzial, gefährlichere Malware zu entwickeln – das erfordert entsprechende Gegenbewegungen mit KI-gestützten Cybersicherheitstools. Die Budgets für IT-Sicherheit werden eher aufgestockt als gekürzt.
Technologischer Fortschritt geht nicht ohne Sicherheit – und das nicht erst seit gestern. Kennen Sie die Geschichte des ersten dokumentierten Autounfalls?
Nein?
Kolb: Nicolas Joseph Cugnot baute 1769 eines der ersten selbstfahrenden Fahrzeuge, seinen Dampfwagen. Bei einer Vorführung 1771 verlor er die Kontrolle über das schwer lenkbare Fahrzeug, das keine Bremse hatte, und fuhr mit etwa 4 km/h gegen eine Mauer. Erst mit der Entwicklung von Bremsen konnten Autos später höhere Geschwindigkeiten erreichen. Sicherheit ist also eine Grundvoraussetzung für technologischen Fortschritt.
Wie gehen Sie bei der Auswahl von Unternehmen vor?
Kolb: Wir haben einen systematischen Bottom-up-Analyse-Prozess mit fünf zentralen Fragen:
- Erstens schauen wir auf das Management. Wir bevorzugen Unternehmer, weil sie langfristig denken: Wo könnte ich in sieben bis zehn Jahren stehen? Ein angestellter Manager denkt oft nur bis zum nächsten Quartal und konzentriert sich darauf, die Analystenerwartungen zu übertreffen.
- Zweitens beurteilen wir die Produktqualität. Da ich selbst Ökonom bin und kein Computeringenieur, haben wir eine Kooperation mit der ETH Zürich und der Uni Basel aufgebaut. Wir treffen uns regelmäßig mit Professoren und Forschenden, um Technologien zu analysieren.
- Drittens untersuchen wir klassische Finanzkennzahlen.
- Viertens analysieren wir das Wettbewerbsumfeld nach Michael Porters Five-Forces-Modell. Oft stellen wir fest, dass die Verlierer die großen Konglomerate sind, weil sie langsam entscheiden und bürokratische Strukturen haben. Wir bevorzugen kleine und mittlere Unternehmen, die agil auf Veränderungen reagieren können.
- Und fünftens berücksichtigen wir ESG-Faktoren. Wir sind ja ein Artikel-8-Fonds und glauben an nachhaltige Unternehmen.
Und daraus ergibt sich ein Score?
Kolb: Wenn wir bei allen fünf Fragen überzeugt sind, initiieren wir eine Position zwischen 1,5 und 2 Prozent des Portfolios und können je nach Überzeugung bis zu 4 Prozent aufstocken. Gibt es bei einer Frage ein Fragezeichen, etwa bei den Finanzkennzahlen einer jungen, wachstumsstarken Firma, starten wir mit einer kleineren Position von 0,5 bis 1 Prozent. Bei zwei oder mehr Fragezeichen investieren wir grundsätzlich nicht.
Können Sie ein Beispiel für ein typisches Unternehmen in Ihrem Portfolio nennen?
Kolb: Ein gutes Beispiel ist Cyberark, eine israelische Firma, die zu unseren Top-10-Positionen gehört. Vereinfacht gesagt schützt Cyberark die „Kronjuwelen“ einer Firma – also besonders sensible Daten wie Mitarbeiter- oder Kundendaten. Sie stellen sicher, dass nur Personen, die befugt sind, Zugriff auf diese sensitiven Informationen haben – quasi eine spezialisierte Firewall innerhalb der Firewall.
Das Unternehmen ist auch im Bereich Identity Protection aktiv. Jede Person hat eine digitale Identität. Aber nicht nur Menschen haben Identitäten, sondern auch Geräte wie iPhones, Server oder PCs. Diese „Machine Identities“ wachsen noch stärker – auf eine Person kommen etwa 43 verschiedene Maschinen-Identitäten. Diese Governance unter Kontrolle zu behalten, wird immer komplexer, und hier bietet Cyberark innovative Lösungen.
Ihr UBS (Lux) Security Equity Fund (ISIN: LU2042518436) hat derzeit ein Volumen von etwa 2,1 Milliarden US-Dollar und 48 Titel im Portfolio. Welche weiteren Bereiche neben IT-Sicherheit betrachten Sie als vielversprechend?
Kolb: Die anderen vier Bereiche – Umweltsicherheit mit etwa 20 Prozent, Verbrechensprävention mit 19 Prozent, Gesundheitsprävention mit 18 Prozent und Transportsicherheit mit 16 Prozent – wachsen etwas langsamer. Aber die Unternehmen in diesen Segmenten sind oft führend in ihren Nischen und verfügen über starke Preissetzungsmacht.
In der Umweltsicherheit beispielsweise gibt es Firmen, die für die Qualitätssicherung bei der Wasserversorgung oder für die Messung von Schadstoffen zuständig sind. Diese Unternehmen profitieren vom zunehmenden Umweltbewusstsein und strengeren Regulierungen.
Für die lange Frist ist auch Gesundheitsprävention sehr interessant, schon allein wegen der Alterung unserer Gesellschaft. Die Nachfrage nach sicheren, zertifizierten Gesundheitsprodukten nimmt zu. Nach dem Contergan-Fall wurden die Regeln viel stringenter.
Apropos: Sie haben im Oktober 2024 einen Artikel über gefälschte Arzneimittel veröffentlicht. Weshalb ist Ihnen dieses Thema wichtig?
Kolb: Der Auslöser war der GLP-1-Hype um die Abnehmspritzen. Die Nachfrage war so groß, dass Fälscher online gefälschte Produkte verkauft haben. Leider kam es zu Unfällen, weil diese Produkte andere Substanzen enthielten.










Medikamentenfälschung ist ein wachsendes Problem. Wir investieren in Firmen im Bereich Life Science und Diagnostics, die für Pharmaunternehmen die Qualitätssicherung übernehmen. Diese Unternehmen stellen sicher, dass die gesamte Lieferkette – vom Ursprung der Produktion bis zum Patienten – nachverfolgbar und zertifiziert ist.
Wenn ein Pharmaunternehmen von der FDA die Bewilligung für ein Medikament erhält, ist die gesamte Produktionskette Teil dieser Zulassung. Die Pharmafirmen können ihre Zulieferer nicht einfach austauschen – sie müssten sonst die komplette Zulassung neu beantragen. Das schafft stabile, langfristige Geschäftsmodelle für Qualitätssicherungsunternehmen, die wir bereits seit der Fondslancierung im Portfolio haben.
Das Thema Sicherheit prägt Ihr berufliches Leben – welche Rolle es in Ihrem persönlichen Leben? Fahren Sie auch mal Fahrrad ohne Helm?
Kolb: (lacht) Nein, ich bin tatsächlich eher ein vorsichtiger Mensch. In den sozialen Medien agiere ich sehr zurückhaltend – ich bin weder auf Facebook noch auf Instagram aktiv. Je mehr man über Datensicherheit weiß, desto bewusster wird einem, wie viele digitale Spuren wir hinterlassen, die Aufschluss über Persönlichkeit und Vorlieben geben.
Privacy wird immer wichtiger und ich beobachte, dass die Menschen in meinem Umfeld verantwortungsvoller mit ihren Daten umgehen. Ähnliche Bewusstseinswandel gab es bei anderen Sicherheitsthemen: Der Sicherheitsgurt wurde in der Schweiz in den 1970er Jahren zunächst per Volksabstimmung abgelehnt, später aber aus Sicherheitsgründen trotzdem eingeführt. Heute schnallt sich jeder automatisch an – Sicherheit wird zur Selbstverständlichkeit, wenn ihr Nutzen erkannt wird.
Über Patrick Kolb und UBS Asset Management
Patrick Kolb, Jahrgang 1975, ist seit 2007 Senior Portfolio Manager für die Security Equity Strategie bei UBS Asset Management. Er verantwortet den UBS (Lux) Security Equity Fund, der heute ein Volumen von rund 2,1 Milliarden US-Dollar aufweist. Kolb stieß 2005 zur Credit Suisse Asset Management (heute Teil der UBS Group), wo er sich zunächst auf die Industrie- und Technologiesektoren konzentrierte. Er schloss sein Studium der Finanzwissenschaften an der Universität Zürich ab und war als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Banken und Finanzen tätig, bevor er in Finanzwirtschaft promovierte.
UBS Asset Management ist mit einem verwalteten Vermögen von rund 1,6 Billionen US-Dollar (Stand 2024) einer der größten Vermögensverwalter Europas und weltweit unter den Top 15. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Zürich beschäftigt etwa 3.800 Mitarbeitende und ist in 23 Märkten präsent.


