Der erste Verdienst von Morning Crunch betrug 47 Rappen. Schweizer Franken, wohlgemerkt. Kaum genug für ein Knoppers. Paul Ostwald zeigte diesen Moment auf der OMR in Hamburg in einer Keynote – als Beleg dafür, wie klein ein Anfang sein darf.
Heute zählt Morning Crunch knapp 200.000 Leserinnen und Leser, verteilt auf sechs Newsletter-Themen rund um Finanzen und Märkte. Die durchschnittliche Öffnungsrate liegt bei 55 bis 56 Prozent. Werte, die viele etablierte Medienhäuser nicht annähernd erreichen. Im vergangenen Jahr machte das Berliner Startup knapp eine halbe Million Euro Umsatz, komplett abhängig vom Werbemarkt, ohne Abomodell.
Was Ostwald und sein Co-Gründer Gregor dabei bewusst ignorierten: Social Media. Kein Instagram, kein TikTok, kein X. Stattdessen E-Mail, in Deutschland damals ein kaum genutztes Format für Finanzmedien. „Gabor Steingart vielleicht noch am ehesten, aber danach wird es ziemlich dünn“, sagt Ostwald rückblickend. Das Vorbild kam aus den USA, wo Newsletter-First-Startups wie The Hustle oder Morning Brew bewiesen hatten, dass das Modell funktioniert.
Die Überraschung kam beim Publikum: Ausgerechnet junge Leser griffen zu. Die Gen Z, die angeblich keine E-Mails liest. „Das war wirklich auch für uns nicht ganz erwartet“, sagt Ostwald.
Der Trick mit der Patagonia-Weste
Damit diese jungen Leser ihre Freunde mitbrachten, griff Morning Crunch zu einem Werbemittel, das den Dresscode der Branche kaperte: die Patagonia-Steppweste. Die Bedingung: genug neue Abonnenten werben. Auf dem Höhepunkt verschickte Ostwald persönlich 20 bis 30 Westen pro Woche. Irgendwann meldete sich Patagonia selbst, offenbar besorgt über die ungewöhnlichen Mengenbestellungen. Man hat sich geeinigt.
Auch bei den ersten Werbekunden lief nicht alles rund. Vanguard kam über eine Schweizer Agentur, zufällig. Dann bewarb Porsche den Panamera bei Morning Crunch. „Das passte gar nicht. Da haben wir das Geld mitgenommen und haben uns gefreut“, gibt Ostwald offen zu. Inzwischen lehnt er reine Bannerkampagnen ohne redaktionelle Einbettung ab. Eine Haltung, die er sich am Anfang nicht leisten konnte.
Das Geschäftsmodell ist jung und fragil: 100 Prozent werbeabhängig, saisonal schwankend, am Anfang ohne langfristige Buchungen. Erst die letzte Finanzierungsrunde im Dezember 2025, vom Berliner VC 468 Capital plus einem kleinen US-Fonds, brachte etwas mehr Stabilität.
Die nächste Wette läuft bereits. Ostwald sieht Nischen wie die Lebensmittelindustrie oder den Sportbusiness-Markt als unbesetzte Felder. Dazu eine Beobachtung, die zunächst absurd klingt: Den Newsletter um 6 Uhr morgens zu verschicken, hat nichts damit zu tun, dass ihn jemand um 6 Uhr liest. Es geht darum, dass er schon da ist. Ein Signal an eine Community, die sich als früh und informiert versteht.
Ob das Modell trägt, wenn die Werbemärkte schwächeln, welche Fehler am Anfang wirklich teuer wurden und was Morning Crunch als nächstes plant: darüber spricht Paul Ostwald im Podcast.
