Ein digitaler Zahlungsdienst in der Krise oder eine unterbewertete Aktie mit Potenzial? Paypal hat an der Börse schwere Jahre hinter sich. Der Kurs ist seit dem Höchststand im Jahr 2021 um mehr als 75 Prozent eingebrochen. Dieses Jahr steht eine Wertentwicklung von minus 28 Prozent (Stand: 30.03.2025). Doch erste Analysten spekulieren nun auf eine mögliche Trendwende– und das, obwohl der Zahlungsmarkt so umkämpft ist wie nie zuvor.
Die Aktie im freien Fall
Als Paypal 2015 von Ebay abgespalten wurde, begann eine beeindruckende Wachstumsgeschichte an der Börse. Der Höhepunkt war während der Corona-Pandemie erreicht, als der Kurs im Juli 2021 auf über 300 US-Dollar kletterte. Was folgte, war ein beispielloser Absturz. Heute notiert die Aktie bei etwa 68 US-Dollar – ein Rückgang von mehr als 75 Prozent. Die Marktkapitalisierung ist auf rund 67 Milliarden US-Dollar geschrumpft.
Die Gründe für diesen Einbruch sind vielfältig: Wachstumssorgen nach dem Ende des Corona-Booms, verstärkter Wettbewerb durch Apple Pay und Google Pay, Margendruck durch neue Anbieter wie Adyen und Stripe sowie das allgemein schwierige Umfeld für Technologiewerte. Hinzu kamen operative Probleme und strategische Fehler der früheren Führung.
Neues Management mit klarer Strategie
Seit September 2023 führt Alex Chriss, ehemals bei Intuit für das Kleinkundengeschäft verantwortlich, den Zahlungsdienstleister. Der neue Chef hat nicht lange gefackelt und den gesamten Führungsstab ausgetauscht. Zu seinem Team gehören jetzt Jamie Miller als Finanzchef und COO, Michelle Gill als Leiterin für das Kleinunternehmer- und Finanzdienstleistungsgeschäft sowie Diego Scotti als Verantwortlicher für das Konsumentengeschäft und das globale Marketing.
Ein besonders wichtiger Neuzugang ist Mark Grether, der seit Mai 2024 die neue Werbe-Plattform von Paypal aufbauen soll. Grether hat zuvor Ubers Werbegeschäft innerhalb von nur zwei Jahren vorangebracht – eine Leistung, die bei Paypal mit seinen 26 Milliarden jährlichen Transaktionen noch größeres Potenzial haben könnte.
Chriss selbst hat übrigens ein starkes persönliches Interesse am Erfolg von Paypal: Er besitzt Aktien im Wert von mehr als 7 Millionen US-Dollar.
Werbung als Milliarden-Chance
Ein entscheidender Baustein der Wachstumsstrategie ist der Vorstoß ins Werbegeschäft. Paypal plant, die detaillierten Kaufdaten seiner rund 400 Millionen Nutzer zu monetarisieren, indem es passende Angebote von Online-Händlern ausspielt. Dies ist zwar kein neuer Ansatz – Amazon und Netflix setzen seit Jahren auf Werbeerlöse –, aber Paypals Datenbasis bietet hier besonderes Potenzial.
Eine einfache Überschlagsrechnung verdeutlicht die Dimension: Wenn jeder Paypal-Nutzer nur einmal pro Woche seinen Account besucht und dort eine Werbeanzeige erhält, könnte das Unternehmen jährlich rund 20 Milliarden Anzeigen ausspielen. Bei einem Tausenderkontaktpreis von 50 US-Dollar – was aufgrund der präzisen Zielgruppendaten realistisch erscheint – würde allein dies zu zusätzlichen Einnahmen von einer Milliarde Dollar führen. Da Werbegeschäfte typischerweise hohe Margen aufweisen, könnte dies einen erheblichen Beitrag zum Gewinn leisten.
Die Zahlen sprechen für sich
Betrachtet man die fundamentalen Kennzahlen, wird deutlich, warum viele Analysten Paypal als unterbewertet ansehen:
- Der Umsatz wuchs in den vergangenen zehn Jahren um durchschnittlich 14,7 Prozent jährlich – von etwa 9,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015 auf mehr als 31,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024
- Der Nettogewinn stieg im gleichen Zeitraum um 14,5 Prozent pro Jahr und erreichte zuletzt 4,1 Milliarden US-Dollar
- Der Free Cashflow verzeichnete ein jährliches Wachstum von 15 Prozent und liegt aktuell bei rund 6,8 Milliarden US-Dollar
- Die operative Marge beträgt solide 17 Prozent, was für ein Fintech beachtlich ist
Diese Kennzahlen zeigen, dass Paypal trotz aller Herausforderungen ein profitables Unternehmen bleibt. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 14 wird die Aktie deutlich unter ihrem historischen Durchschnitt gehandelt. Die Kennzahl FCF/Debt (Free Cashflow im Verhältnis zur Verschuldung) liegt bei 0,6, was auf eine gesunde Bilanz hindeutet.
Aktienrückkäufe als gewichtiger Kurstreiber
Was Paypal als Investment weiterhin interessant macht, ist die aggressive Rückkaufstrategie. Das Unternehmen hat ein Aktienrückkaufprogramm im Umfang von 20 Milliarden US-Dollar aufgelegt – das entspricht fast einem Drittel der aktuellen Marktkapitalisierung. Allein im vergangenen Jahr verringerte sich die Anzahl der ausstehenden Aktien um etwa 8 Prozent, von 1,07 Milliarden auf 993 Millionen.
Diese Strategie bezeichnet man an der Wall Street als „Cannibal Stock" – Unternehmen, die kontinuierlich und in großem Umfang eigene Aktien zurückkaufen und damit den Gewinn pro Aktie steigern, auch wenn der absolute Gewinn gleich bleibt. Historisch haben solche Unternehmen überdurchschnittliche Renditen erzielt.
Der hohe Free Cashflow ermöglicht es dem Unternehmen, substanzielle Rückkäufe zu tätigen, ohne die operative Geschäftsentwicklung zu beeinträchtigen. Bei dem aktuellen Tempo könnten in den nächsten zehn Jahren mehr als die Hälfte aller ausstehenden Aktien zurückgekauft werden.
Wettbewerbsvorteile durch Daten und Netzwerk
Paypals größter Wettbewerbsvorteil liegt in seinem zweiseitigen Netzwerk. Das Unternehmen verbindet über 430 Millionen aktive Nutzer mit Millionen von Händlern in mehr als 200 Märkten. Es verarbeitet jährlich über 26 Milliarden Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von rund 1,7 Billionen US-Dollar.
Dieses Netzwerk erzeugt einen sich selbst verstärkenden Kreislauf: Mehr Händler führen zu mehr Nutzern, was wiederum mehr Transaktionen bedeutet und mehr Händler anzieht. Wichtiger noch: Es generiert enorme Mengen an Transaktionsdaten, die Paypal nutzen kann, um eigene Dienstleistungen anzubieten.
Ein Beispiel dafür ist die neue Checkout-Lösung „Fastlane“, die die Konversionsraten bei Gast-Checkouts deutlich steigern konnte. Die Stärke von Fastlane liegt darin, dass es von Paypals Datenbasis profitiert: Wenn ein Kunde auf einer Website einkauft, die Fastlane nutzt, kann Paypal seine gespeicherten Informationen für einen reibungslosen Checkout-Prozess verwenden – auch wenn der Kunde zum ersten Mal bei diesem Händler einkauft.
Auch bei Ratenkäufen („Buy Now, Pay Later“) kann Paypal dank seiner Daten Kredite für Kunden mit niedrigen Kreditwürdigkeiten zu besseren Konditionen anbieten als Wettbewerber. Diese Fähigkeit ist so wertvoll, dass der Investmentriese KKR einen Deal mit Paypal abgeschlossen hat, bei dem Paypal weiterhin die Kreditvergabe-Entscheidungen trifft, während KKR das finanzielle Risiko trägt.
Ein weiterer Vorteil ist die hohe Vertrauenswürdigkeit der Marke. Bei Umfragen, welchen Dienstleistern Verbraucher ihre Finanzdaten anvertrauen würden, landet Paypal regelmäßig auf den vorderen Plätzen – noch vor Unternehmen wie Apple oder Google.
„Paypal versucht, verlorenen Boden beim physischen Checkout wieder gutzumachen, nachdem es seine ursprüngliche Einzelhandelsstrategie vor einigen Jahren nicht umsetzen konnte“, so Aaron McPherson von AFM Consulting. „In der Zwischenzeit haben Konkurrenten wie Toast und Square ihre Netzwerke und Fähigkeiten weiter ausgebaut.“
Wachstumschancen bleiben intakt
Der Markt für digitale Zahlungen wächst laut verschiedenen Analysen weiterhin mit mindestens 11 Prozent jährlich, in einigen Segmenten sogar mit über 20 Prozent. Paypal verfügt über mehrere noch nicht vollständig erschlossene Wachstumstreiber:
- Fastlane: Die verbesserte Checkout-Lösung ist bisher nur für 30 Prozent des US-Marktes verfügbar und noch nicht international ausgerollt. Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend: Händler, die Fastlane einsetzen, verzeichnen eine um 50 Prozent höhere Konversionsrate bei Gast-Checkouts. Der weitere Ausbau dieses Angebots könnte deutliches Wachstumspotenzial bieten.
- Werbeplattform: Mit den Transaktionsdaten könnte Paypal eine ertragreiche Werbeplattform aufbauen. Der neue Leiter Mark Grether hat bei Uber bewiesen, dass er ein solches Geschäft schnell aufbauen kann. Während Uber etwa 11 Milliarden Fahrten pro Jahr vermittelt, verarbeitet Paypal mehr als doppelt so viele Transaktionen und verfügt zudem über detailliertere Informationen zum Kaufverhalten seiner Nutzer.
- Venmo-Monetarisierung: Der in den USA beliebte Peer-to-Peer-Zahlungsdienst mit seiner jungen, wohlhabenden Nutzerschaft (64 Prozent der Nutzer gehören zur mittleren oder oberen Einkommensklasse) wird zunehmend mit Checkout-Optionen, Direkteinzahlungen und Debitkarten monetarisiert. Die durchschnittlichen Einnahmen pro Venmo-Nutzer könnten sich laut Unternehmensprognosen in den nächsten Jahren mehr als verdoppeln.
- Internationale Expansion: Obwohl Paypal bereits in über 200 Märkten präsent ist, stammen rund 57 Prozent der Einnahmen aus den USA. Die zunehmende Digitalisierung des Zahlungsverkehrs in Schwellenländern bietet erhebliches Wachstumspotenzial.
Paypal-Chef Alex Chriss äußerte sich im Februar 2025 jedenfalls zuversichtlich: „Die Verbesserungen, die wir bei Peer-to-Peer und Venmo vorgenommen haben, sowie die Fortschritte, die wir bei unserer Preis-Wert-Strategie gemacht haben, beginnen sich in unseren Ergebnissen niederzuschlagen.“
Für das Gesamtjahr 2025 erwartet Paypal einen bereinigten Gewinn zwischen 4,95 und 5,10 US-Dollar je Aktie und übertrifft damit die Schätzungen der Wall Street von 4,90 US-Dollar. Diese optimistische Prognose spiegelt das Vertrauen des Managements in die neue Strategie des „profitablen Wachstums“ wider, die Chriss seit seinem Amtsantritt Ende 2023 verfolgt.
Analysten zeigen sich ebenfalls überwiegend positiv. Eine Umfrage unter 34 Analysten ergab ein durchschnittliches Kursziel von 94,29 US-Dollar für die Paypal-Aktie, was einem Potenzial von etwa 34 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs entspricht. Das höchste Kursziel liegt sogar bei 125 US-Dollar (+78,09 Prozent), während das niedrigste bei 70 US-Dollar (derzeitiges Niveau) liegt.
Risiken bleiben bestehen
Selbstverständlich gibt es auch Herausforderungen. Der Wettbewerb im Zahlungsmarkt ist intensiv und vielschichtig. Unternehmen wie Apple Pay und Google Pay können auf die Ökosysteme ihrer Mutterkonzerne zurückgreifen, während spezialisierte Anbieter wie Adyen, Stripe und Block in bestimmten Nischen oder Regionen stark positioniert sind.
Eine weitere Sorge der Investoren ist die verlangsamte Nutzerwachstumsrate. Paypal hat mit über 430 Millionen aktiven Konten bereits eine enorme Reichweite aufgebaut, was weiteres Wachstum natürlich erschwert. Kritiker merken an, dass die Anzahl der aktiven Nutzer in den letzten Jahren nur noch langsam gestiegen ist. Das Unternehmen argumentiert jedoch, dass der Fokus zunehmend auf der Steigerung der Nutzungsintensität liegt, was sich in der wachsenden Zahl von Transaktionen pro Nutzer widerspiegelt.
Zudem sieht sich das Unternehmen mit regulatorischen Anforderungen konfrontiert. Als einer der größten Zahlungsdienstleister muss Paypal strenge Regulierungsauflagen erfüllen und gleichzeitig gegen Betrug und Cyber-Angriffe gewappnet sein. Die bisherige Erfolgsbilanz in diesem Bereich ist allerdings solide.
Die größte Herausforderung für Paypal liegt in der Frage, ob es gelingt, die Wachstumsraten im Kerngeschäft zu stabilisieren und gleichzeitig neue Ertragsquellen zu erschließen. Die gesunde Bilanz und der starke Cashflow geben dem Management aber durchaus Spielraum für strategische Investitionen.
Fazit: Wachstumswert mit defensiven Qualitäten
Mit dem aktuellen Bewertungsniveau könnte Paypal ein attraktives Risiko-Rendite-Verhältnis bieten. Der Markt scheint derzeit sehr skeptisch zu sein, was die Wachstumsaussichten des Unternehmens angeht. Eine Reverse-DCF-Analyse zeigt, dass der aktuelle Aktienkurs lediglich ein jährliches Wachstum des Free Cashflows von 1,2 Prozent einpreist – deutlich unter dem historischen Durchschnitt von 15 Prozent.
Bei konservativen Annahmen – einem jährlichen Gewinnwachstum von 9 Prozent, einem Aktienrückkauf von 5 Prozent pro Jahr und einer leichten Bewertungsausweitung – könnte die Aktie laut Analysten eine jährliche Rendite von über 14 Prozent erzielen. Manche Experten gehen sogar von noch höheren potenziellen Renditen aus.
Für Anleger mit langfristigem Horizont, die an die Zukunft digitaler Zahlungen glauben, könnte die aktuelle Bewertung von Paypal eine interessante Einstiegsgelegenheit darstellen. Die Kombination aus solidem Kerngeschäft, neuen Wachstumstreibern, aggressiven Aktienrückkäufen und einer attraktiven Bewertung könnte der Aktie neuen Schwung verleihen.

