Eine alleinerziehende Frau, ein pflegebedürftiger Vater. Elf verschiedene Sozialleistungen stehen ihr zu. Dafür muss sie acht Bewilligungen beantragen und vier unterschiedliche Definitionen des Einkommensbegriffs zugrunde legen. Peer Steinbrück erzählt dieses Beispiel in Hamburg, bei einem Auftritt vor Vermögensverwaltern, und man hört ihm an, dass es ihn ärgert. Der frühere Bundesfinanzminister ist 79, seit über einem Jahrzehnt raus aus der aktiven Politik und kein bisschen milder geworden.

Rund 180 steuerfinanzierte Sozialmaßnahmen zählt Steinbrück in Deutschland, je nach Abgrenzung seien es sogar 400. Das Problem sei nicht zu wenig Geld, vielmehr wohin es fließt. „Inzwischen geben wir steuerfinanzierte Sozialleistungen bis weit in den Mittelstand“, sagt er. Als Beleg nennt er die dritte Stufe der Mütterrente, fünf Milliarden Euro schwer. Bei den wirklich bedürftigen Müttern komme davon kaum etwas an, weil die Leistung gegen andere Ansprüche gegengerechnet werde. „So bescheuert ist das.“

Die zweite Baustelle liegt bei den Bürgern selbst. Deutschland ist Weltmeister im Sparen, aber Kreisklasse im Investieren. Steinbrück führt das auf eine Mentalität zurück: „Die sind eine Risikogesellschaft und denken sich immer das größte Horrorgemälde aus, was ihnen passieren kann. Und das gilt auch für ihr Geld. Also bringen sie es zur Sparkasse.“

Wie teuer diese Vorsicht ist, rechnet er am schwedischen Modell vor. Die Schweden führten Ende der neunziger Jahre ein kapitalgedecktes Verfahren ein. Der Staatsfonds habe sich seither um 880 Prozent entwickelt, bei einer durchschnittlichen Jahresrendite von elf Prozent. Die Vorschläge der deutschen Rentenkommission, endlich einen Kapitalstock aufzubauen, hält er entsprechend für „völlig richtig“ – die Rentenbeschlüsse der Bundesregierung vom Dezember dagegen für falsch, weil sie vor allem junge Beitragszahler belasten.

Und was sieht der Mann, der schon einmal ein System kippen sah, heute? 2008 war Steinbrück der Minister, der mit Angela Merkel die Spareinlagen garantierte. Heute schaut er auf vier Stellen: den intransparenten Schattenbankensektor, die Staatsverschuldung, ein durch KI beschleunigtes Herdenverhalten, das schnell zu Liquiditätsengpässen führen kann – und Private Credit, wovor selbst Jamie Dimon warnt. „Keine Finanzkrise ähnelt letztlich den Finanzkrisen, die man schon gehabt hat“, sagt Steinbrück.

Überreguliert sieht er Europas Banken trotzdem nicht. Amerikanische Institute seien sogar strenger beaufsichtigt. Das Problem sei die fehlende Größe des Heimatmarkts – und ein Verbriefungsmarkt, den man nach 2008 zu gründlich in Verruf gebracht habe.

Und dann ist da noch das 500-Milliarden-Sondervermögen, mitgeschaffen vom Vater der Schuldenbremse. Modernisierung wäre es nur, sagt Steinbrück, wenn jeder Euro tatsächlich zusätzlich investiert wird. Daran hat er hörbare Zweifel.

Am unbequemsten wird er dort, wo es gar nicht mehr ums Geld geht: bei der AfD, der Brandmauer und seinem Vorschlag einer Doppelstrategie, für den er zuverlässig Shitstorms kassiert. Über diese und weitere Themen spricht er im Podcast „For Professional Investors Only“.