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Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi und ihr Ehemann Foto: IMAGO / UPI Photo
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Gamestop, Pelosi und die Fed

Pelosi-Optionswette auf Tesla unterstreicht Anlagenotstand

Hendrik Tuch, Fixed-Income-Chef bei Aegon AM

In der letzten Januarwoche kehrte die Volatilität an die Wall Street zurück und die Aktienindizes verloren ihre zuvor seit Jahresbeginn erzielten Gewinne. Die jüngste Fed-Sitzung kann nicht als Grund für diesen Rückgang verantwortlich gemacht werden. Fed-Chef Jerome Powell tat sein Bestes, um jegliches Gespräch über ein etwaiges Tapering, also eine Straffung der Geldpolitik, auf einen späteren Zeitpunkt im Jahr zu verschieben. Nach der 10-jährigen Treasury-Rendite zu urteilen, die nach der Sitzung um etliche Basispunkte auf fast 1 Prozent fiel, gelang es ihm, den Anleihemarkt von einer Fortsetzung der bestehenden Politik zu überzeugen.

Weniger überzeugend war Powell bei der Beantwortung der (vielen) Fragen der Presse, ob das ultraniedrige Zinsumfeld zu Blasen an den Anlagemärkten führt. Seiner Ansicht nach ist der starke Anstieg von Risikoaktiva auf die erheblichen fiskalischen Maßnahmen und die anhaltende wirtschaftliche Erholung zurückzuführen. Die Risiken für die Finanzstabilität bewertete er als insgesamt „moderat“. Journalisten, die wissen wollten, ob geldpolitische Instrumente zur Eindämmung von Vermögensblasen eingesetzt werden können, beschied er, dass die Fed dies noch nie getan habe. Sie werde sich auf makroprudenzielle Instrumente, etwa Kapitalpuffer für systemrelevante Institute, verlassen, um Probleme der Finanzstabilität anzugehen.

Fed schiebt den Schwarzen Peter von sich

Mit anderen Worten: Anleger sollten nicht erwarten, dass die Fed Blasen präventiv durch eine Straffung der Geldpolitik verhindert. Sie sieht ihre Rolle darauf beschränkt, das Chaos aufzuräumen, wenn eine Blase geplatzt ist.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) nimmt in seinem jüngsten Global Financial Stability Update eine andere Sicht auf die aktuellen Marktbedingungen ein und verweist auf überzogene Bewertungen von Vermögenswerten, die durch die Stimulierung der Zentralbanken verursacht wurden. Ich möchte hinzufügen, dass die Fed ein begeisterter Befürworter immer größerer fiskalischer Stimulierungsprogramme und der Hauptzeichner der daraus resultierenden Anleihenflut ist. Wenn Powell also erwähnt, dass die steigenden Vermögenspreise auf die Fiskalpolitik zurückzuführen sind, verknüpft er damit immer noch implizit die aktuelle Politik der Fed mit den überbordenden Finanzmärkten.

Bestes Beispiel für die anhaltende Begeisterung der Anleger für steigende Aktienmärkte ist die Optionswette, die der Ehemann der Politveteranin der US-Demokraten Nancy Pelosi auf Tesla-Aktien platzierte. Bei einem geschätzten Nettovermögen des Paares von über 100 Millionen US-Dollar können sie mit ihren Börsengeschäften durchaus ein paar Dollar verlieren. Aber eine Million US-Dollar in Tesla-Call-Optionen im Dezember letzten Jahres zu investieren, nachdem die Aktie im Jahr 2020 bereits um mehr als 350 Prozent gestiegen war und eine hohe Prämie für die implizite Volatilität der Aktie anfiel, zeigt die Stärke der Risk-on-Mentalität unter (privaten) Investoren: Herr Pelosi hat sich wahrscheinlich seine Anlagealternativen angesehen und sich gegen einen Geldmarktfonds mit einer Rendite nahe Null und stattdessen für die Aktienrally entschiedenund die Jagd nach der Aktienrally gestimmt. Genau das ist der Punkt des IWF: Diese Aktienbewertungen können nur aufrechterhalten werden, wenn die Investoren davon überzeugt sind, dass die Zinsen für immer niedrig bleiben werden. Der derzeitige Mangel an Alternativen treibt die Anleger so lange in Risikoanlagen, bis die Zentralbanken ihre außergewöhnliche Politik zu ändern beginnen.

Kleinanleger werden zum Big Player

Das bringt uns zu den verrückten jüngsten Bewegungen der Aktienkurse von Gamestop und anderen Unternehmen mit einem beträchtlichen Short-Interesse. Gamestop ist ein Einzelhändler, der neue und gebrauchte Videospiele verkauft, mit einer sehr unscheinbaren Rentabilitäts- und Management-Bilanz. Wie bei vielen anderen Einzelhandelsketten werden auch bei Gamestop die Margen durch die wachsende Online-Konkurrenz und die Kosten für die Aufrechterhaltung des ausgedehnten Filialnetzes unter Druck gesetzt. Kein Wunder, dass der Hedgefonds Melvin Capital beschlossen hat, die Gamestop-Aktie als Teil seines diversifizierten Portfolios von Short- und Long-Positionen zu shorten, natürlich alles mit einem anständigen Leverage. Seit dem Start im Jahr 2014 lieferten die Manager dieses Hedgefonds ihren Investoren riesige Renditen und das Vermögen von Melvin Capital wuchs zu Beginn dieses Jahres auf 7 Milliarden US-Dollar. Diese Erfolgsbilanz wurde in nur einer Woche zunichte gemacht, als der Fonds im Januar infolge des von den neuen Königen der Wall Street bewirkten Short-Squeeze mehr als 50 Prozent Rendite verlor. Das Reddit-Forum mit dem treffenden Namen WallStreetBets hatte ganze Arbeit geleistet.

Bereits im vergangenen Jahr sahen wir einen Anstieg beim Einsatz von Call-Optionen als Handelsstrategie durch private Kleinanleger, die in ihren Reddit-Beiträgen mit ihren Gewinnen prahlten. Unterfüttert von Bargeld aus den steigenden Aktienmärkten und auf der Suche nach Investitionsideen fand das WallStreetBets-Forum einen neuen Weg, um Schwergewichte an der Wall Street in Verlegenheit zu bringen. Sie stellten eine Liste der Aktien mit dem höchsten Short-Interesse zusammen und begannen, Aktien dieser Unternehmen zu kaufen, um die Aktienkurse nach oben zu treiben und so massive Short-Squeeze-Szenarien zu erzeugen. Mit Gamestop fanden sie den perfekten ersten Kandidaten, denn das kombinierte Short-Interest lag bei fast 100 Prozent der ausstehenden Aktien. Und es funktionierte einwandfrei: Der Kurs der Gamestop-Aktie stieg im Januar von 20 auf über 300 US-Dollar und andere geshortete Aktien folgten diesem Beispiel. Hedgefonds mussten überstürzt aus ihren Short-Positionen aussteigen und realisierten erhebliche Verluste bei diesen Geschäften. Die Reddit-Foren behaupten, dass sie die Aktienmärkte vom Establishment zugunsten von kleinen Privatanlegern „befreien“, aber in Wirklichkeit befeuern diese Foren Strategien der Marktmanipulation.

Kleine Nadelstiche brachten den Gesamtmarkt ins Rutschen

Es ist zu erwarten, dass die US-Regulierungsbehörde auf solch extreme Marktereignisse reagiert. In der Tat kündigte die US-Börsenaufsicht SEC Ende Januar an, zu prüfen, ob die Hobby-Spekulation zu „manipulativen Handelsaktivitäten“ führe. Derweil werden die Hedgefonds ihre Short-Wetten auflösen, um nicht noch einmal von einem ähnlichen Short-Squeeze erwischt zu werden. Wahrscheinlich leidet darunter allerdings auch ihre Fähigkeit, größere Long-Positionen zu halten, so dass diese ebenfalls verkauft werden müssen. Unserer Einschätzung nach war der Kursrutsch an den Aktienmärkten Ende Januar zumindest teilweise auch auf diese Ereignisse zurückzuführen – Anleger in Risikoanlagen mögen keine Volatilität und keine Ungewissheit. Angesichts eines steigenden Volatilitätsindex VIX und der Aussicht auf mögliche weitere unerwartete einzelne Aktienkursbewegungen zogen sie sich vorsichtshalber daraus zurück.

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