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Sylvie Sejournet, Fondsmanagerin des Pictet-Digital: „Eine Aktie kann nur dann Einzug in unser Portfolio halten, wenn ein bedeutender Teil ihrer Umsatzaktivitäten mit dem Internet erfolgt.

Pictet-Digital

„Künstliche Intelligenz macht uns nicht alle arbeitslos“

Gerade wurden auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas die neusten Tech-Spielereien präsentiert. Hat die Messe Ihnen Anlageideen geliefert?

Sylvie Sejournet: 5G, Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge, 8K Monitore, Smart Home und autonomes Fahren waren die Schlüsselthemen auf der CES 2019. Eigentlich die gleichen wie im vergangenen Jahr, aber es gab schon einige Entwicklungen. Neue Tech-Treiber erwarten wir aber vor allem 2020 zusammen mit der Einführung von 5G. Die bisherigen Treiber wie Smartphones, PC und TV dürften dann abflauen.

Der Themenfonds Pictet-Digital wurde schon 2008 aufgelegt. Wie hat sich das Investmentthema Digitalisierung seitdem verändert?

Sejournet: Die digitale Transformation hat in den letzten Jahren massiv an Fahrt aufgenommen. Vor etwa zehn Jahren haben wir erkannt, dass sich die Welt der Technologie verändert hat. Nicht mehr die großen Telekomunternehmen sind die Innovationstreiber, sondern die Internetunternehmen. Die Anbieter von „Inhalten“ ziehen die Umsätze an, auf Kosten der Infrastrukturanbieter. Mit der Verbreitung von Smartphones ­– das erste iPhone ist erst im Jahr 2007 auf den Markt – hat sich das Verhalten von Konsumenten verändert. Viele tägliche Dinge werden per Mobiltelefon erledigt, seien es Einkäufe, die Kommunikation mit Freunden oder Behördengänge.

Wie haben sich die Veränderungen im Fonds niedergeschlagen?

Sejournet: Wir bilden im Pictet-Digital die gesamte Bandbreite der internetbasierten Geschäftsmodelle ab. Eine Aktie kann nur dann Einzug in unser Portfolio halten, wenn ein bedeutender Teil ihrer Umsatzaktivitäten mit dem Internet erfolgt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Anlageuniversum stark verändert und erheblich verbreitert. Vergleichsweise neu ist, dass Künstliche Intelligenz eine immer stärkere Rolle spielt, quer durch alle Unternehmen. Wir sprechen nicht nur von digitalen Sprachassistenten und Suchmaschinen, sondern praktisch alle modernen Online-Marktplätze nutzen KI zur Steuerung der Kundenaufmerksamkeit.

Der Fonds hat den MSCI World seit Auflegung deutlich geschlagen. Wie kommt’s?

Sejournet: Die Unternehmen in unserem Thema haben ihre Gewinne überproportional gesteigert. Während zur Jahrtausendwende fast der gesamte Tech-Sektor noch Verluste machte, ist er heute extrem profitabel. Durch die virale Verbreitung von interessanten Anwendungen kann sehr schnell die Gewinnschwelle überschritten werden, denn im Gegensatz zu Industrieunternehmen brauchen Internet-Firmen relativ wenig Kapital. Diese Gewinndynamik wird sich unserer Meinung nach in den kommenden Jahren fortsetzen.

In welchen Segmenten sehen Sie die besten Chancen?

Sejournet: Die durchschnittliche Penetration herkömmlicher Märkte durch Internetanwendungen ist noch in vielen Teilbereichen gering, steigt aber massiv. Die Werbebranche ist ein gutes Beispiel. Heute werden beinahe die Hälfte der globalen Werbeausgaben durch Online-Werbung bestritten. Dagegen ist der Anteil des Online-Handels mit 10 Prozent der Umsätze des stationären Handels noch überschaubar, wächst aber jedes Jahr zweistellig. Wir gehen insgesamt von einem Bedeutungs- und Marktanteilsgewinn von digitalen Geschäftsmodellen aus.

Bei den Technologien sehen wir die größten Entwicklungspotenziale bei der Künstlichen Intelligenz (KI), Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR). Es gibt allerdings nicht „die eine“ KI-Aktie, in die man investieren kann. Fast alle großen Tech-Unternehmen wie Google, Microsoft oder Apple arbeiten zusammen mit den Universitäten an der Entwicklung der KI.

Mehr als die Hälfte des Fondsvolumens steckt in US-Aktien. Steigt künftig die Bedeutung von asiatischen und vor allem chinesischen Unternehmen?

Sejournet: Im Technologie- und Internetbereich sind die USA unangefochtener Innovationsführer. Allerdings holt China massiv auf. Durch die großen Nutzerzahlen der Milliardenbevölkerung sind ebenfalls Umsatz- und Gewinngiganten entstanden, die nun massiv in ihre technologische Innovation investieren, auch durch Zukäufe im Westen. Chinesische Unternehmen machen bereits ein Viertel unseres Portfolios aus.

Und Europa?

Sejournet: Bedauerlicherweise spielt Europa in dieser Liga nicht mit und ist im Portfolio unterrepräsentiert.

Wie unterscheidet sich der Pictet-Digital von einem klassischen Technologie-Fonds?

Sejournet: Der Hauptunterschied besteht darin, dass wir keine Tech-Hardware wie Halbleiter oder Computer sowie keine Netzwerkausrüster in unserem Fonds haben. Diese spielen aber in den Tech-Indizes eine große Rolle. Nach unserer Auffassung sind die Gewinne dieser Unternehmen sehr zyklisch, es herrscht ein harter Wettbewerb, der stets über die niedrigsten Kosten gewonnen wird. Im Vergleich dazu haben die Anbieter von Inhalten eine wesentlich bessere und stabilere Gewinnmarge. Wenn in einer Periode der Halbleitermarkt boomt, werden traditionelle Tech-Fonds einen Vorteil haben, aber langfristig gibt uns der Erfolg unserer Strategie Recht.

Wagen Sie einen Blick nach vorn: Wie werden sich die Digitalisierung und die Anlagechancen des Fonds in den kommenden zehn Jahren entwickeln?

Sejournet: Oh, das ist wirklich keine leichte Frage. Wenn Sie allein sehen, wie grundlegend sich unsere Lebens- und Arbeitswelt in den vergangenen zehn Jahren verändert hat. Wir gehen davon aus, dass Künstliche Intelligenz seinen Siegeszug fortsetzen wird und dass drollige Alexa-Antworten, die in Internetforen gerne verbreitet werden, Geschichte sein werden. Immer mehr Bereiche unseres Lebens werden durch KI-Komponenten angereichert. Das wird uns entgegen landläufiger Befürchtungen nicht alle arbeitslos machen, sondern unser Leben wird komfortabler und die Produktivität der Wirtschaft wird einen massiven Schub erleben. Schließlich wird der Anteil des Internets am Waren- und Dienstleistungsverkehr, inklusive Finanzdienstleistungen, massiv zunehmen. Wir sehen weiterhin neue Unternehmen, die den Sprung auf das Börsenparkett wagen, also herrscht an Auswahl für einen Digital-Fonds kein Mangel. Es wird eine spannende Zukunft, auch für die Investoren.

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