Die Vorschläge der „Finanzkommission Gesundheit“ dürften bisher nicht beachtete Folgen für die Private Krankenversicherung (PKV) haben. Eine Abschaffung der beitragsfreien Ehegattenversicherung in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) könnte zu riskanten PKV-Wechseln führen.
Was in der aktuellen politischen Diskussion oft untergeht: Es geht nicht um eine pauschale Streichung für alle, sondern um eine gezielte Einschränkung. Bis dato können Ehepartner, die ein regelmäßiges monatliches Gesamteinkommen von maximal 565 Euro erzielen, bei Personen mit Minijob liegt die Grenze seit 2026 bei 603 Euro, beitragsfrei in der GKV mitversichert werden. Sie müssen zudem bestimmte Voraussetzungen erfüllen (zum Beispiel Wohnsitz in Deutschland, keine Selbstständigkeit).
Reform verändert die Kostenlogik für Familien
Nach den Vorschlägen der Kommission soll diese Möglichkeit künftig entfallen, sobald keine Kinder unter sechs Jahren im Haushalt leben. In diesen Fällen entsteht eine eigenständige Beitragspflicht. Das klingt zunächst nach einer Anpassung an veränderte Lebensrealitäten. In der Wirkung verändert diese Entscheidung jedoch deutlich mehr als nur die Einnahmeseite dieses Systemzweigs, sondern auch wie sich GKV für viele Familien rechnet.
Ein klassischer Fall: ein sehr gut verdienender Hauptverdiener in der GKV versichert, ein Ehepartner ohne eigenes Einkommen, beide Mitte 40, keine Kinder (mehr) im Haushalt. Künftig müssten sie zwei statt eines Beitrages bezahlen. Für sie stellt sich die Frage: Lohnt sich die GKV unter diesen Bedingungen noch – oder ist ein Wechsel in die PKV wirtschaftlich sinnvoller?
Gerade bei höheren Einkommen kann diese Rechnung auf den ersten Blick zugunsten der PKV ausfallen. Zwei GKV-Beiträge stehen plötzlich zwei individuellen PKV-Beiträgen gegenüber. In vielen Fällen wirkt die PKV kurzfristig günstiger oder zumindest vergleichbar. Kritisch wird es dann, wenn Entscheidungen nicht aus Überzeugung getroffen werden, sondern aus kurzfristigem Kostendruck. Genau diesen Druck erzeugt die geplante Reform.
Wenn Kostendruck die falsche Entscheidung treibt
Meine These ist deshalb klar: Diese Reform wird, getrieben durch eine veränderte Kostenstruktur in der GKV, dazu führen, dass auch Menschen in die PKV wechseln, für die die GKV langfristig die stabilere und sinnvollere Lösung wäre. Der Grund liegt nicht im System selbst, sondern in der Art, wie Entscheidungen getroffen werden. Der aktuelle Beitrag wird verglichen, vielleicht noch die nächsten Jahre grob durchgerechnet. Was häufig fehlt, ist die saubere Betrachtung über den gesamten Lebensverlauf.
Dabei unterscheiden sich GKV und PKV fundamental. In der GKV richtet sich der Beitrag nach dem Einkommen. Sinkt das Einkommen, sinkt auch der Beitrag. In der PKV zahlt jede Person ihren eigenen Beitrag – unabhängig davon, wie sich das Einkommen entwickelt. Solange ein stabiles Haushaltseinkommen vorhanden ist, funktioniert dieses Modell. Kritisch wird es in dem Moment, in dem sich genau diese Voraussetzung verändert. Und hier liegt das eigentliche Risiko dieser Reform.
Wer bei dieser Reform besonders aufpassen muss
Besonders betroffen ist der nicht arbeitende Ehepartner. In vielen Konstellationen hat diese Person über Jahre oder Jahrzehnte kein eigenes Einkommen aufgebaut und verfügt über entsprechend geringere Rentenansprüche. Wird diese Person im Zuge einer solchen Entscheidung privat versichert, entsteht eine eigenständige Verpflichtung – mit einem Beitrag, der nicht an die eigene finanzielle Leistungsfähigkeit gekoppelt ist.
Dieses Konstrukt bleibt unproblematisch, solange das gemeinsame Einkommen trägt. Es wird problematisch, wenn sich Lebenssituationen verändern: Trennung, Scheidung oder der Wegfall des Einkommens des Hauptverdieners sind keine theoretischen Szenarien, sondern reale Lebensverläufe. In genau diesen Situationen zeigt sich, ob eine Entscheidung tragfähig war oder nicht.
Eine Entscheidung, die sich kaum korrigieren lässt
Ein weiterer Aspekt verschärft dieses Risiko zusätzlich: Ab einem Alter von 55 Jahren ist eine Rückkehr in die gesetzliche Krankenversicherung in der Regel ausgeschlossen, wenn zuvor eine private Absicherung bestanden hat. Das bedeutet konkret: Wer diesen Schritt einmal geht und später feststellt, dass die Entscheidung nicht mehr passt, hat nur sehr eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten. In der Praxis führt das zu einer Situation, in der eine Person mit geringem Einkommen unter Umständen dauerhaft in einem System bleiben muss, dessen Beiträge unabhängig vom Einkommen kalkuliert werden.
So entsteht ein reales Risiko aus der Kombination eines geringen Einkommens im Alter und einkommensunabhängiger Beiträge der PKV. Jeder seriöse Vermittler sollte sich fragen, ob er seine Kunden diesem Risiko aussetzen möchte. Das Problem liegt nicht darin, dass die PKV grundsätzlich ungeeignet wäre. Für viele Menschen ist sie eine sehr gute Lösung.
Fazit
Die politische Zielsetzung ist nachvollziehbar. Zusätzliche Einnahmen sollen generiert werden, gleichzeitig sollen Anreize für Erwerbstätigkeit gestärkt werden. Was dabei unterschätzt wird, ist die Nebenwirkung auf den Markt. Am Ende wird sich die Frage stellen, ob die Reform dazu beigetragen hat, dass mehr Menschen in ein System wechseln, das langfristig nicht zu ihrer Lebensrealität passt. Aus meiner Sicht ist das zu erwarten. In der aktuellen Diskussion wird aber selbst die Frage noch viel zu selten gestellt.
Zur Person

Marcus Knispel, geboren 1977 in Bonn, ist seit über 20 Jahren auf die Beratung in der Privaten Krankenversicherung spezialisiert. Während seiner Laufbahn als Offizier und seines Wirtschaftsstudiums an der Universität der Bundeswehr München begann er 1998 seine Karriere beim Finanzdienstleister Tecis. Dort war er unter anderem vier Jahre als Fachtrainer für die Business Academy tätig und entwickelte seinen fachlichen Schwerpunkt im Bereich PKV. Seit 2012 ist er als selbstständiger Versicherungsmakler, seit 2020 als selbstständiger Makler bei von Buddenbrock Concepts tätig und berät insbesondere Unternehmer und Geschäftsführer bei strategischen Entscheidungen rund um ihre Gesundheitsabsicherung.



