Olivia Watson, Analystin bei
Columbia Threadneedle
Investments
 

Trotz der großen Aufmerksamkeit, die Verbraucher, Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen und Regierungen in den vergangenen Jahren der weltweiten Kunststoffproduktion geschenkt haben, ist diese weiter gestiegen – und mit ihr die Abfall- und Verschmutzungsprobleme. Unserer Ansicht nach könnten die Jahre 2024 und 2025 jedoch ein Wendepunkt für das Thema sein, da zahlreiche Meilensteine zusammenkommen: Fristen für freiwillige Unternehmensziele und für neue Vorschriften, der mögliche Abschluss eines globalen UN-Plastikabkommens und der Ausbau neuer Kapazitäten für recycelte Kunststoffe aus dem chemischen Recycling.

Freiwillige Ziele haben kaum Fortschritte gebracht...

Seit 2020 haben sich verbrauchernahe Unternehmen unter dem Dach der Ellen MacArthur Foundation und Initiativen wie dem Plastics Pact freiwillig verpflichtet, den Einsatz von recyceltem Kunststoff zu erhöhen. In der Praxis geht es jedoch nur langsam voran. Bei den meisten Unternehmen klafft nach wie vor eine große Lücke zwischen dem aktuellen Stand der Verwendung von Recyclingkunststoff und den Zielen für 2025 (die in der Regel einen Recyclinganteil von 25 Prozent vorsehen). Dafür gibt es zahlreiche Gründe, darunter der Ausbau der petrochemischen Kapazitäten in China, der zu kostengünstigeren Kunststoffimporten geführt hat, die anhaltenden Probleme bei der Sammlung von recyceltem Kunststoff, die zu einer mangelnden Verfügbarkeit vor allem von lebensmitteltauglichen und flexiblen Kunststoffen führen, und nicht zuletzt die Inflation, die es für Unternehmen schwieriger gemacht hat, Preisaufschläge für recycelten Kunststoff zu akzeptieren. Infolgedessen bleiben die meisten Verbraucher- und Verpackungsunternehmen hinter den für 2025 gesetzten Zielen zurück (Grafik 1).

Grafik 1: Langsame Fortschritte bei der Verwendung von recyceltem Kunststoff durch die 20 größten Unternehmen der Konsumgüterindustrie

Quelle: Ellen MacArthur Foundation, Unternehmensberichte, Analysen von Columbia Threadneedle Investments, 2024

... und schaffen die Voraussetzungen für mehr Regulierung

Der mangelnde Fortschritt bedeutet nicht, dass die Kunststoffproblematik an Bedeutung verliert – sie gewinnt vielmehr weiter an Aufmerksamkeit. Das zeigt sich sowohl an der breiten, weltweiten Zustimmung zur Notwendigkeit der beschleunigten Verabschiedung eines UN-Plastikabkommens als auch an der zunehmenden Zahl von Vorschriften, die Grenzwerte für recyceltes Plastik vorschreiben, Steuern auf neues Plastik erheben sowie andere neue Maßnahmen wie die EU-Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle oder der kalifornische Plastic Pollution Prevention and Packaging Producer Responsibility Act.

 

Das Ausmaß des Wandels ist beträchtlich. Märkte von Australien über Indien und Europa bis hin zu mehreren US-Bundesstaaten, die zusammen 30 Prozent des globalen BIP ausmachen, haben für 2025 neue Anforderungen an den Anteil an recyceltem Kunststoff in Verpackungen festgelegt. In der Vergangenheit konnten Unternehmen relativ ungestraft davonkommen, wenn sie ihre freiwilligen Ziele nicht erreichten. Doch nun zeichnen sich zusätzliche Konsequenzen ab, die sie erwarten müssen (Grafik 2).

Grafik 2: Entwicklung von freiwilligen Zusagen zu regulierungsbedingten Richtlinien

Quelle: Analyse von Columbia Threadneedle Investments, Februar 2024

Was sind die Lösungen?

Wir sind der Ansicht, dass die negative Verbraucherstimmung gegenüber Kunststoff und die Vielzahl bevorstehender Fristen für gesetzliche und freiwillige Ziele die Kosten für Unternehmen im Bereich Verbraucherprodukte erhöhen werden, insbesondere für jene, die nicht mit dem Tempo Schritt halten können. Die Kosten können in Form von höheren Preisaufschlägen für recycelten Kunststoff, Investitionen für die Umstellung von Verpackungslinien (zum Beispiel von flexiblem Kunststoff auf flexibles Papier) sowie Steuern und Gebühren zur Finanzierung von Investitionen in das Kunststoffrecycling, etwa durch erweiterte Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR), anfallen.

Darüber hinaus konzentriert sich die Wirtschaft auf Lösungen wie die Substitution von Materialien, eine verbesserte Abfallsortierung und das chemische Recycling.

Substitution von Materialien

Die Substitution von Kunststoffverpackungen durch andere Materialien wird sich im weiteren Verlauf des Jahrzehnts wahrscheinlich beschleunigen – insbesondere bei schwer zu recycelnden Kunststoffen und Kunststoffen, die eine spezielle Recycling-Infrastruktur erfordern.

Es gibt mehrere Katalysatoren für diesen Wechsel:

Recycelbarkeit: Wenn die Recyclingquoten für Kunststoffe nicht steigen, verfehlen Kunststoffverpackungen die neuen Standards, was zu einer mangelnden Marktakzeptanz führt.

Preisgestaltung: Steuern auf neuen Kunststoff und EPR-Gebühren für Kunststoffverpackungen verringern das Preisgefälle zwischen Kunststoff und anderen Materialien.

Verfügbarkeit: Wenn recycelter Kunststoff weiterhin knapp ist, wird auf andere Produkte umgestiegen.

Stimmung: Die Stimmung der Verbraucher gegenüber Kunststoffverpackungen ist weiterhin negativ.

Der Trend zur Substitution wird wahrscheinlich Papier- und Zellstoff-, Aluminium- und Glasverpackungsherstellern zugutekommen. Wir erwarten, dass vor allem die Umstellung von Plastik- auf Papierverpackungen ein Wachstumsbereich sein wird. Bei dieser Umstellung müssen die Unternehmen allerdings andere potenziell negative Auswirkungen wie Abholzung, biologische Vielfalt und Wasserverschmutzung abmildern.

 

Investitionen in Sortiertechnologien

Die Steigerung der Kunststoffrecyclingquoten hängt von einer Änderung des Verbraucherverhaltens sowie von einer verbesserten Sortierung und Sammlung ab. Die Recyclingquoten in den USA sind nach wie vor niedrig – sie belaufen sich auf etwa 21 Prozent, wie die Initiative The Recycling Partnership Ende Januar 2024 berichtete, wobei der Prozentsatz des tatsächlich in neue Produkte recycelten Materials noch niedriger ist. Das dürfte sich jedoch allmählich ändern, da Maßnahmen wie EPR in mehr US-Bundesstaaten zur Finanzierung einer besseren Recycling-Infrastruktur beitragen. Das US-Unternehmen Republic Services kündigte Investitionen in mehrere „Polymer-Zentren“ an, die sich auf die hochwertige Sortierung von Kunststoffabfällen konzentrieren, was zu einer verbesserten Materialqualität und besseren Wirtschaftlichkeit führen dürfte.

Selbst in Ländern mit höheren Recyclingquoten sind Investitionen in die Sortierung erforderlich. Mit Blick auf Großbritannien wies Veolia darauf hin, dass zur Erreichung von 50 Prozent recyceltem Kunststoff in Verpackungen zehn neue Kunststoffsortieranlagen und bis zu 30 weitere Recyclinganlagen erforderlich sind (Veolia, Bericht „Ressourcen der Zukunft“, März 2024). Zunehmende Investitionen in die Automatisierung und Sortierung, zum Beispiel durch die von dem norwegischen Anbieter für Leergut-Rücknahmelösungen Tomra angebotenen Maschinen, werden wichtig sein, um die Wirtschaftlichkeit des Recyclings zu verbessern und höhere Recyclingquoten zu erreichen.

Chemisches Recycling

Die geringe Verfügbarkeit von recyceltem Kunststoff in Lebensmittelqualität in Verbindung mit großen Mengen an nicht recycelbaren Kunststoffabfällen (zum Beispiel aufgrund von Farbstoffen oder Verunreinigungen) lenkt die Aufmerksamkeit auf chemische Recyclingtechnologien, die das Potenzial haben, beide Herausforderungen zu bewältigen. Chemisches Recycling ist eine Gruppe verschiedener Recyclingverfahren wie Methanolyse, Pyrolyse und enzymatische Hydrolyse. Im Gegensatz zum werkstofflichen Recycling, bei dem die Materialien gewaschen, zerkleinert, geschmolzen und zu Harz umgeformt werden, kommen beim chemischen Recycling intensivere Verfahren zum Einsatz, um Kunststoffabfälle bis auf Monomerebene oder zu Pyrolyseöl aufzuspalten, ein petrochemischer Ausgangsstoff, der weiterverarbeitet und als Ersatz für Naphtha bei der Produktion neuer Kunststoffe verwendet werden kann.

Chemische Recyclingtechnologien sind eine Schlüsselkomponente der Strategien, mit denen globale Chemieunternehmen auf die Forderungen ihrer Kunden nach einer kreislauforientierten Produktion und recyceltem Kunststoff reagieren.

Das chemische Recycling ist zwar vielversprechend, aber auch nicht frei von Herausforderungen. Es bedarf weiterer klarer gesetzlicher Regelungen und einer Konzentration auf die Verringerung der Treibhausgasemissionen bei einigen Formen des chemischen Recyclings wie der Pyrolyse. Eine kürzlich von der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU durchgeführte Analyse hat gezeigt, dass die Pyrolyse im Vergleich zum mechanischen Recycling und anderen chemischen Recyclingtechnologien auf Lebenszyklusbasis höhere Emissionen verursacht. Neuere Innovationen wie die mikrowellenunterstützte Pyrolyse und die hydrothermale Pyrolyse könnten Chancen bieten, um die Emissionen zu reduzieren.

Klarheit über die politische Unterstützung für chemisches Recycling würde auch die Verbreitung dieser Technologien fördern – einschließlich der Unterstützung eines „Massenbilanz“-Ansatzes zur Berücksichtigung von recyceltem Kunststoff im Produktionsmix der Unternehmen und bei der Produktkennzeichnung sowie der Klärung der Frage, ob chemisch recyceltes Material auf die Recyclingziele in der EU angerechnet werden kann.

Trotz der Herausforderungen gibt es Fortschritte. So hat beispielsweise das US-Unternehmen Eastman jüngst damit begonnen, in seinem Werk im US-Bundesstaat Tennessee ein „molekulares Recyclingverfahren“ umsetzen. Schwer zu recycelnde Kunststoffabfälle durchlaufen einen Depolymerisierungsprozess, um aus ihnen neue Polymere für Anwendungen mit Lebensmittelkontakt zu gewinnen.

Schlussfolgerung

Zweifellos liegen noch zahlreiche Hindernisse vor der Kunststoffbranche – und diese sind angesichts der bisherigen langsamen Fortschritte bei der Bewältigung der Kunststoffproblematik nicht zu unterschätzen. Die Jahre 2024 und 2025 könnten jedoch den Beginn eines Wandels hin zu mehr greifbaren Erfolgen markieren. Die Kunststoffwende wird sowohl die Risiken als auch die Chancen erhöhen, mit denen sich Unternehmen und Investoren auseinandersetzen müssen.