Die Fassade, sie glänzt immer noch – doch dahinter rumort es kräftig. Selbst die neuen, fulminanten Geschäftszahlen des Chipherstellers Nvidia konnten nicht verhindern, dass der Kurs der Aktie weiter nach unten rutschte. Die Stimmen, die von einer KI-Blase sprechen, mehren sich. Immer wieder werden Parallelen zur Dotcom-Zeit gezogen.

Große Investoren befeuerten die Diskussion zusätzlich. So hat Peter Thiel seine Nvidia-Position komplett heruntergefahren, Warren Buffett hingegen Alphabet im großen Stil zugekauft – und die Frage, ob es nun eine KI-Blase gibt oder nicht steht immer deutlicher im Raum.

DAS INVESTMENT wollte wissen, was Investmentprofis die Lage einschätzen: KI-Blase – ja oder nein? Dafür haben wir bei Asset Managern und Investmentprofis nachgefragt, ob wir uns aus ihrer Sicht aktuell in einer KI-Blase befinden und welche Schlüsse sie daraus ziehen.

Die Skeptiker: Hohe Bewertungen, kaum Spielraum für Fehler

Ali Masarwah von Envestor sieht deutliche Blasenmerkmale: Hohe Bewertungen, Blue-Sky-Szenarien über die Durchdringung der gesamten Wirtschaft durch KI, die zunehmende Schuldenfinanzierung des Ausbaus der KI-Infrastruktur sowie das schiere Ausmaß der KI-Investitionen. Das bedeute, dass „kaum Spielraum für Fehler besteht – ,priced for perfection‘ wäre hier der passende Ausdruck“, sagt Masarwah. Zwar sehe er auch, dass die Umsätze in der KI-Wirtschaft real sind und dass es Merkmale einer zweiten industriellen Revolution gebe. „Unterm Strich bin ich der Meinung, dass wir durchaus die Gefahren einer Blase höher einschätzen sollten als das Kurspotenzial an den Märkten. Selbst dann, wenn die optimistischen Prognosen über die zukünftige Rolle von KI eintreten sollten, schließt das keine schmerzlichen Korrekturen aus.“

Auch Georg von Wallwitz, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Eyb & Wallwitz, zeigt sich skeptisch. Seine Definition einer Blase: Die Bewertungen sind extrem hoch im Vergleich zur historischen Norm, und die Marktteilnehmer interessieren sich nicht mehr für diese Bewertungen, sondern nur noch für die Story. „Sind wir also in einer Blase? Wahrscheinlich. Die Bewertungen sind zu hoch und zu wenige Marktteilnehmer interessieren sich dafür“, lautet sein Fazit.

Kent Hargis, Investmentchef von Alliance Bernstein, geht noch einen Schritt weiter: „Wir befinden uns vermutlich in der Frühphase einer KI-Blase.“ Immer mehr Kapital fließe in hochbewertete private Unternehmen – häufig aus weniger stabilen Finanzierungsquellen. Der technologische Fortschritt zeige zwar erste, aber noch begrenzte kommerzielle Anwendungen. Wenn sich dieses Tempo verlangsame oder Erwartungen enttäuscht werden, sei eine deutliche Korrektur wahrscheinlich.

Noch deutlicher wird Hendrik Leber, Geschäftsführer von Acatis: „Ja, wir sind in einer Blase, die durch die KI-Euphorie gesteigert wurde.“ Es seien Firmen dabei, die große Investitionen auf Kredit machten und diese möglicherweise nicht mehr tilgen könnten, weil die Marktpreise für Large Language Models stark fielen. Die Blase werde platzen, dennoch werde es klare Gewinner in der Zeit danach geben. „Es ist ähnlich wie der Goldrausch – die damaligen Explorateure kennt man nicht mehr, aber die Jeans von Levi's bleiben bis heute“, sagt Leber.

Der Mittelweg: In Teilen überhitzt, in Teilen gerechtfertigt

Tobias Schafföner, geschäftsführender Direktor und leitender Fondsmanager bei Flossbach von Storch, liefert eine zweigeteilte Antwort: „Es kommt darauf an.“ In Teilen des Marktes würden Unternehmen zu Bewertungen gehandelt, die nur durch sehr optimistische Zukunftserwartungen erklärbar seien. Venture Capital fließe gleichzeitig in junge Start-ups, oft ohne erprobtes Geschäftsmodell. Viele KI-Pilotprojekte in Unternehmen lieferten bislang außerdem nicht den erhofften wirtschaftlichen Nutzen.

Andererseits erzielten die etablierten Tech-Giganten bereits heute massive Gewinne in der KI-Wertschöpfungskette, was ihre Börsenbewertungen untermauere. Der Einsatz von KI habe zudem transformative Wirkung in der Kreativbranche und etabliere sich in Bereichen der Medizin. „Es bestehen kaum Zweifel daran, dass die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz bahnbrechende Neuerungen mit sich bringen wird. Fortschritt hat kein Verfallsdatum. Es gilt aber auch, dass zukunftsfähige Technologien keine zukunftsfähigen Investments sein müssen. Die Parallelen zur Anfangszeit des Internets scheinen offensichtlich. Von den Bewertungsexzessen damals sind wir aber noch weit entfernt“, betont Schafföner mit Blick auf das Jahr 2000.

Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, wählt ebenfalls den Mittelweg: „Die Bewertungen im Technologiesektor sind hoch, aber noch nicht auf dem Niveau der 2000er-Blase.“ Dank starker Bilanzen mit einem kräftigen Gewinnwachstum seien die hohen Bewertungen heute besser unterstützt als vor 25 Jahren. Dennoch bleibe die Unsicherheit, ob die gewaltigen Investitionen in KI die Renditeerwartungen in Zukunft erfüllen können. Ein klassisches Risiko technologischer Revolutionen seien Überkapazitäten – wie bei der Internetrevolution oder der „Shale-Revolution“ auf dem Energiemarkt.

Shaan Raithatha von Vanguard argumentiert ähnlich: Von einer KI-Blase wie zur Dotcom-Ära könne man derzeit nicht sprechen, denn hinter vielen Kursen stünden reale Gewinne, solide Bilanzen und echte Produktivitätsfortschritte. „Gleichzeitig sind jedoch die Bewertungen in Teilen deutlich überzogen – sobald die Erwartungen die Fundamentaldaten überholen, kippt das Chance-Risiko-Verhältnis“, räumt er ein.

Paul Niven, Head of Multi Asset Solutions bei Columbia Threadneedle Investments, betont: „Natürlich werden einige Aktien die aktuellen Erwartungen nicht erfüllen können, aber wir glauben, dass die allgemeinen Aussichten für Aktien positiv bleiben.“ KI werde Unternehmen transformieren, ähnlich wie das Internet während der Dotcom-Blase – aber diesmal hätten sich die Aktienkurse nicht von den Fundamentaldaten der Unternehmen gelöst.

Terry Ewing von Mediolanum International Funds sieht die Lage ebenfalls differenziert: Zwar habe sich das Tempo der Kapitalinvestitionen in den letzten Quartalen beschleunigt, doch die meisten der größten Akteure beim Ausbau der KI seien sehr gut kapitalisiert, extrem profitabel und hätten führende Wettbewerbspositionen in ihren jeweiligen Märkten. Allerdings habe die Debatte durch jüngste Investitionen und Vertragsabschlüsse mit Open AI und Anthropic an Intensität gewonnen. Da mehr dieser Investitionen durch Schulden finanziert würden, stelle sich die Frage nach Lieferantenkrediten – die sich in der Dotcom-Blase als Warnsignal erwiesen hätten. „Die Abschreibungspolitik ist ein weiterer Bereich zunehmender Kontrolle angesichts der beschleunigten Produktzyklen von Nvidia“, betont Ewing. Dies könne mittelfristig die Margen beeinträchtigen.

Die Optimisten: Reale Gewinne statt heißer Luft

Das sehen auch die Optimisten in unserer Umfrage so: Der Vergleich mit der Dotcom-Blase hinke, denn diesmal stünden hinter den Kursen reale Umsätze und Gewinne. Allerdings blicken sie noch deutlich zuversichtlicher auf die weitere Entwicklung. Brice Prunas, Fondsmanager des Oddo BHF Artificial Intelligence, betont: „Damals hatten die Unternehmen keinen Umsatz und erst recht keine Gewinne, während KI-Unternehmen heute Cashflows in Milliardenhöhe erzielen.“ Außerdem gebe es heute nur wenige Börsengänge, während Ende der 1990er-Jahre jede noch so kleine Website schnell an die Börse gehen wollte.

Mathias Beil, Leiter Private Banking bei der Sutor Bank, verweist auf konkrete Zahlen: Nvidia, mittlerweile die wertvollste Firma der Welt, habe den Umsatz im dritten Quartal um 62 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal steigern können. „Das ist ein Hinweis darauf, dass das KI-Thema nicht nur Hype ist, sondern substantielle Umsätze generiert.“

Auch Jörg Held von Ethenea sieht keine klassische Spekulationsblase: „Vielmehr erleben wir eine Investitions- und Ausbauphase, in der mehrere bahnbrechende Technologien gleichzeitig zusammenkommen und einen regelrechten Capex-Boom auslösen.“ Weltweit fließen aktuell rund 400 Milliarden US-Dollar in KI-Infrastruktur. Das klinge nach viel, relativiere sich aber im Vergleich zu den globalen jährlichen Gesamtinvestitionen von etwa 4,5 Billionen US-Dollar. Angesichts der strategischen Bedeutung von KI hält Held dieses Niveau nicht für übertrieben, sondern meint: „Wer hier nicht investiert, riskiert, den Anschluss zu verlieren.“

Was bedeutet das für Anleger?

Trotz unterschiedlicher Einschätzungen zur Blasenfrage sind sich die Experten bei den Schlussfolgerungen weitgehend einig: Diversifikation bleibt das A und O.

Ali Masarwah setzt auf breit diversifizierte Aktien und Anleihen, Rohstoffe und Cash. Auf der Aktienseite achte man darauf, Klumpenrisiken zu vermeiden. Shaan Raithatha schaut bewusst über die USA hinaus und sieht auch in Europa, Japan und Teilen der Schwellenländer Chancen, um vom KI-Zeitalter zu profitieren, ohne alles auf ein überhitztes Segment zu setzen.

Tilmann Galler warnt vor den Konzentrationsrisiken: Die hohe Marktkapitalisierung der US-Technologiewerte führe dazu, dass Investoren bei passiven Investments in US-Aktien zu einem Drittel und bei globalen Aktien zu einem Viertel in diesen hoch bewerteten Wachstumsbereich investiert seien. „Eine etwas stärkere Akzentuierung der Aktienanlagen in weniger teure Märkte in Europa und Asien kann helfen, die Konzentrations- und Bewertungsrisiken im Portfolio zu reduzieren.“ Aufgrund der überdurchschnittlichen Wachstumsperspektive im Technologiesektor blieben sie investiert – doch das Risikomanagement werde für 2026 nochmals an Relevanz gewinnen.

Georg von Wallwitz hat in den letzten Monaten KI-Aktien reduziert – nach eigener Aussage vielleicht auch zu früh. Aber ganz ausgestiegen seien sie nicht. US-Technologie bleibe ein signifikanter Teil des Portfolios, denn diese Unternehmen blieben extrem relevant und profitabel. Sein Basisszenario: „Wir werden in den kommenden drei bis fünf Jahren nur noch etwa 4 Prozent Rendite pro Jahr bei US-Aktien sehen. Das ist nicht nichts, aber deutlich weniger als in der Vergangenheit.“

Brice Prunas empfiehlt eine defensive Anlagestrategie: Man sollte nach Firmen suchen, die viel künstliche Intelligenz einsetzen, aber nicht als typische KI-Firma wahrgenommen werden. Zudem müsse man als Investor sein Augenmerk darauf richten, welche Unternehmen in Bezug auf KI ihr Schicksal in den eigenen Händen hielten – die nicht nur technologisch führend seien, sondern auch ihre eigene Infrastruktur und Modelle kontrollierten.

Kent Hargis fasst zusammen: Für Investoren und Unternehmen komme es jetzt darauf an, sehr genau zwischen potenziellen KI-Gewinnern und -Verlierern zu unterscheiden und Investitionen am realen wirtschaftlichen Nutzen auszurichten. „Entscheidend wird sein, ob sich KI breit und profitabel einsetzen lässt – erst dann werden sich die enormen Bewertungen nachhaltig rechtfertigen lassen.“

Hendrik Leber hat bereits Konsequenzen gezogen: „Wir haben Nvidia und Palantir deutlich reduziert und investieren mehr in langweilige, günstig bewertete Aktien.“

Lehren aus der Geschichte

Tobias Schafföner erinnert daran, dass zukunftsfähige Technologien keine zukunftsfähigen Investments sein müssen. Die Parallelen zur Anfangszeit des Internets schienen offensichtlich. „Gerade in Zeiten technologischer Umbrüche ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren“, betont er. Über den Anlageerfolg entscheide langfristig nicht das Narrativ, welche Unternehmen zu den mutmaßlichen KI-Gewinnern oder -Verlierern zählen, sondern die tatsächliche Ertragskraft eines Unternehmens im Verhältnis zu den eingepreisten Erwartungen.

Ali Masarwah zieht ebenfalls einen historischen Vergleich: Der Eisenbahn-Ausbau im 19. Jahrhundert und der Internet-Hype gut 100 Jahre später hätten auch Boom- und Bust-Perioden umfasst. „Selbst dann, wenn die optimistischen Prognosen über die zukünftige Rolle von KI eintreten sollten, schließt das keine schmerzlichen Korrekturen aus.“

Mathias Beil sieht die Situation hingegen entspannter. Die Lage erinnere an den Sputnik-Schock von 1957: Die technologische und politische Reaktion auf den Start des ersten Satelliten habe zu umfangreichen Investitionen in Technologie, Bildung und Forschung geführt – vor allem in den USA. Auch aktuell gebe es hohe Investitionen von den großen Technologieunternehmen, politisch angetrieben von US-Präsident Trump. „Wir gehen davon aus, dass es in den kommenden Monaten immer wieder Marktrücksetzer geben wird. Diese sollten Anleger jedoch als Gelegenheit zum Nachkaufen verstehen, nicht als Anzeichen einer überbordenden Blase."

Fazit: Vorsicht ja, Panik nein

Die Expertenmeinungen zur KI-Blase gehen weit auseinander – von klarer Skepsis bis zu Optimismus. Einig sind sich die Profis aber in einem Punkt: Die Bewertungen sind hoch, und das Risiko von Korrekturen besteht. Wer investiert bleibt, sollte auf breite Diversifikation setzen, geografisch streuen und nicht blind dem Hype folgen.

Ob am Ende tatsächlich eine Blase platzt oder die Unternehmen in ihre Bewertungen hineinwachsen, wird sich zeigen. Jörg Held von Ethenea bringt es auf den Punkt: „An der Börse von der KI-Dynamik zu profitieren, ohne Engagement einzugehen, ist keine Option.“ Aber eben auch keine ohne Risiken.