Gut gemeint ist nicht automatisch gut gemacht: Das zeigt sich sehr deutlich am Thema nachhaltige Geldanlage. Konnte es bis 2021 nicht grün genug sein, haben sich die Schwerpunkte fünf Jahre später gründlich verschoben. 

Dabei zeigen die zahlreichen geopolitischen Konflikte genau, dass sich Europa nachhaltiger – im Sinne von beständig und autark – aufstellen müsste.

Darüber diskutierten im Rahmen der Preisverleihung des fünften Sustainable Performance Awards vier Branchenexperten:  

  • Professorin Christina Bannier von der Justus-Liebig-Universität Gießen und Aufsichtsrätin der DWS Group,
  • Walter Liebe von Pictet Asset Management,
  • Friedhelm Boschert von der Geld-Bildungsinitiative Pogebix und
  • David Krahnenfeld von Ampega.

Das Gespräch moderierte Joscha Thieringer, Mitglied der Chefredaktion von DAS INVESTMENT.

DAS INVESTMENT: Herr Liebe, Pictet gilt als Pionier des thematischen und nachhaltigen Investierens. Wie haben Sie die Nachfrage nach Themenfonds in den vergangenen Jahren wahrgenommen?

Walter Liebe: Sehr abwechslungsreich. Wir haben einen noch nie dagewesenen Boom gesehen bis 2022. Nach 2022 ist die Begeisterung in einem schwierigen Aktienjahr mit schwacher Performance von Wachstumsaktien deutlich abgekühlt: In den letzten drei Jahren mit der zunehmenden Marktkonzentration auf wenige Gigacap-Tech-Unternehmen ist die Nachfrage abgeflaut. 

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Was nachhaltiges Investieren betrifft, müssen wir jedoch differenzieren: Diejenigen, die vorher Interesse hatten, haben nicht verkauft. Soll heißen: Wir haben zwar wenig Neugeschäft bei nachhaltigen Themenfonds gesehen, aber kaum Rückflüsse. Das haben wir seit Ende der neunziger Jahre schon dreimal erlebt – und wir haben jeweils auch immer wieder das Interesse zurückkommen sehen.

Frau Professor Bannier, eine Frage, die sich viele Anleger stellen: Wie wirkt sich Nachhaltigkeit auf die Rendite aus?

Christina Bannier neben Friedhelm Boschert beim Sustainable Performance Award 2025 in Wiesbaden
Christina Bannier ist Professorin an der Justus-Liebig-Universität Gießen und forscht unter anderem zum Thema Sustainable Finance & Governance. | Bildquelle: Foto Otto H. Schulz

Christina Bannier: Das ist eine wahnsinnig schwierige Frage und es gibt sehr viele Studien dazu. Letztlich gibt es so viele Stellschrauben zu berücksichtigen: vom Zeitraum, über die Definition von Nachhaltigkeit bis zur Kausalität, ob es wirklich die Nachhaltigkeit war, die die Performance gefördert hat.

Wenn man all das berücksichtigt, muss man sagen: Das Bild ist gemischt. Die sogenannten Meta-Studien, die das Aggregat der vielen Studien betrachten, kommen immer zu dem Ergebnis: Ja, es scheint sich ein leicht positiver Effekt der Nachhaltigkeit zu zeigen – nicht nur bei Unternehmen, sondern auch bei Fonds. Aber im Durchschnitt eben nur leicht positiv. 

In ihrem Vortrag hat Frau Bannier aufgezeigt, dass Menschen, die sich mit nachhaltigem Investieren beschäftigen, am Ende auch vermehrt in ESG-Produkte investieren. Herr Boschert, wie wichtig ist also Finanzbildung?

Friedhelm Boschert spricht bei der Podiumsdiskussion im Rahmen des Sustainable Performance Awards in Wiesbaden
Friedhelm Boschert engagiert sich für die „Geld-Bildungs-Initiative“ Pogebix. | Bildquelle: Foto Otto H. Schulz

Friedhelm Boschert: Finanzbildung ist wichtig, aber sie greift zu kurz. Wir bei Pogebix sprechen bewusst von „Geld-Bildung“, weil die traditionelle Finanzbildung nur über Produkte informiert. Wir setzen beim Menschen an und fragen: Was für ein Geldtyp ist er? Welche Glaubenssätze treiben ihn bei Anlageentscheidungen?

Jeder trägt aus der Kindheit Überzeugungen mit sich herum – die können hilfreich sein oder hinderlich. Gerade heute, wo Menschen sich täglich mit acht Krisen in der Tagesschau konfrontiert sehen, erleben sie sich als unwirksam. Das ist ein wesentlicher Punkt: Menschen wieder ein Gefühl von Wirksamkeit zu geben.

Wenn wir nur über Artikel 8 oder Artikel 9 sprechen, überfordern wir die Menschen. Aber wenn wir ihnen helfen zu verstehen, warum sie so handeln, und ihnen dann konkrete Wirksamkeit aufzeigen – dann funktioniert auch nachhaltige Geldanlage.

Herr Krahnenfeld, Ampega hat im Februar den Terrassisi Aktien Europa aufgelegt. Warum gerade jetzt ein neuer nachhaltiger Fonds?

David Krahnenfeld: Wir wollen die 2009 begonnene Geschichte mit den Franziskanern fortsetzen. Und zwar ganz bewusst auch in einer Zeit, in der die Nachfrage nach nachhaltigen Geldanlage-Produkten eine andere ist. Dafür kommt nun die Europa-Komponente hinzu: Wir sehen geopolitisch und fiskalpolitisch viele Entwicklungen, die in den nächsten Jahren unglaublich viel Kapital nach Europa fließen lassen werden. Die Bewertungsniveaus sind historisch günstiger als in den USA.

Viel Geld fließt auch in Verteidigung. Wie positionieren Sie sich beim Thema Rüstung?

David Krahnenfeld von Ampega auf der Bühne beim Sustainable Performance Award in Wiesbaden
David Krahnenfeld ist Leiter Wholesale bei Ampega. | Bildquelle: Foto Otto H. Schulz

Krahnenfeld: Natürlich muss man feststellen, dass Nachhaltigkeit kein statischer Begriff ist, sondern etwas Dynamisches. Es gibt kein Schwarz oder Weiß, kein Richtig oder Falsch. Wir sollten nicht missionieren oder versuchen, jemanden zu bekehren. Jeder muss für sich entscheiden, was er unter Nachhaltigkeit definiert.

Trotzdem machen wir stringent weiter mit unserem dezidierten Nachhaltigkeitsansatz. Das hat etwas mit Glaubwürdigkeit und Authentizität zu tun: Wir schließen Rüstung aus. Die Frage, die sich jeder stellen sollte, lautet: Möchte ich daran verdienen? Und da lautet unsere Antwort nein – auch wenn es einen Zielkonflikt gibt und wir Performance-Einbußen haben könnten.

Herr Liebe, wie hält es Pictet mit kontroversen Investments?

Liebe: Defense-Fonds haben global mittlerweile 83 Milliarden Dollar eingesammelt. Sie können sich vorstellen, dass da ganz schön Druck auf dem Kessel ist. Aber Pictet ist eine Inhaber-geführte Bank und die Partner haben gesagt: Nein, da haben wir keine Lust drauf. Weder in thematischen Fonds noch in nachhaltigen Fonds von Pictet wird es Rüstung geben. Das haben die Partner aus moralischen Erwägungen so beschlossen.

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Frau Bannier, wie wichtig ist Ehrlichkeit in der Kommunikation?

Bannier: Dieses Nicht-Moralisieren, das Herr Krahnenfeld angesprochen hat, ist unglaublich wichtig bei den Kunden. Dass man neutral informiert. In einer Studie, die wir an meinem Lehrstuhl durchgeführt haben, fanden die Teilnehmer immer gut, wenn es ehrlich zuging – ehrlich und auf den Punkt.

Wir haben zum Beispiel offen kommuniziert: Auch in einem nachhaltigen Fonds können einige Prozentpunkte Atomstrom enthalten sein. Das fanden viele sehr wertvoll, dass man ganz ehrlich damit umgegangen ist – dann kann jeder die Entscheidung für sich fällen.

Herr Boschert, das passt zu Ihrem Thema: die Mündigkeit der Anlegerinnen und Anleger.

Boschert: Absolut. Und hier müssen wir auch über den Nachhaltigkeitsbegriff selbst sprechen: Der hat in den letzten Jahren massiv gelitten. Erst die Diskussion um Rüstung, vorher Kernkraft, dann Erdgas – alles soll plötzlich in die Nachhaltigkeitsdimension einbezogen werden. Das hat den Begriff für Anleger nicht klarer gemacht, sondern verwässert. Wir nehmen da eine große Unsicherheit wahr.

Deshalb ist es so wichtig, dass Menschen nicht nur Produktwissen haben, sondern verstehen, was sie persönlich antreibt. Nur dann können sie in dieser Gemengelage aus widersprüchlichen Definitionen eigenständige Entscheidungen treffen.

Der neuen Erbengeneration wird nachgesagt, dass ihr Nachhaltigkeit wichtig sei. Wie müssen sich Finanzberater darauf einstellen?

Boschert: Die junge Erbengeneration hat zwei grundsätzlich unterschiedliche Anforderungen: Die eine ist, dass sie mehr die Sinnkomponente betont und damit auch Nachhaltigkeit verwirklichen möchte. Andererseits ist da eine große Autonomie bei dieser Gruppe – sie nutzt eigene Tools, Apps, KI-Agenten. Ein Berater, der mit Halbwissen ankommt, ist sehr schnell mit seinem Latein am Ende. Der wird als Gesprächspartner nicht akzeptiert werden.

Das betrifft wohl diejenigen, die teures aktives Management an junge Menschen mit guter Finanzbildung verkaufen wollen. Haben denn aktive ESG-Manager bessere Argumente für ihre Produkte und gegen ETFs?

Bannier: Also ich möchte an dieser Stelle betonen, dass wir uns allen schaden würden, wenn wir nur noch ETFs auflegen. Die Märkte sind dann nicht mehr effizient. Das heißt, wir brauchen dringend aktives Management. Da führt kein Weg dran vorbei. Aber wir müssen strukturell daran arbeiten, dass das aktive Portfolio-Management am Leben bleibt.

Liebe: Das Rennen ist in vollem Gange und die aktive Fondsindustrie tut gut daran zu liefern. Es war wirklich schwierig aufgrund der Indexkonzentration, überhaupt zu outperformen. Der Moment der Wahrheit beginnt schon – und wer dann nicht liefert, ist am Markt fehl am Platze.

Abschließend die Blitzrunde: In fünf Jahren ist ESG-Investing...?

Liebe: ...zurück, aber anders als bisher: nicht dogmatisch, sondern pragmatisch.

Bannier: ...vermutlich gar keinen eigenen Namen mehr wert.

Boschert: ...Mainstream.

Krahnenfeld: Ja, sage ich auch: Mainstream.

Hier finden Sie das gesamte Ranking 2025 zum Download:

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