Aktualisiert am 29.11.2010 - 14:37 UhrLesedauer: 7 Minuten

Policen mit Garantien: Verbundene Gegensätze

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Sicherheit kostet Rendite, und das meist ordentlich – zum Großteil dürfte sich dieses Prinzip inzwischen in den Köpfen der Deutschen festgesetzt haben. Entscheidend ist aber, wie stark die Garantie die Gewinne belastet. Die Versicherungsbranche hat inzwischen Modelle im Angebot, die Garantien effizienter sichern und somit weniger Rendite kosten. Kapitalanlage sichert die Garantie Dabei funktionieren die neuen Alleskönner sehr unterschiedlich. Die sogenannten dynamischen Hybridmodelle schichten das Kundenguthaben zwischen den drei Töpfen Deckungsstock, Wertsicherungsfonds und freie Fondsanlage um – Kapitalanlage und Sicherungsmechanismus sind hierbei also miteinander verbunden. >> Grafik vergrößern Das ist bei Variable Annuities, dem derzeit zweiten großen Trend auf dem Markt für Fondspolicen, gerade nicht so. Die Assekuranzen sichern die Garantie über ein separates Hedging-Portfolio ab, die Kapitalanlage erfolgt unabhängig davon in Fonds oder Fondskörbe. Was die Versicherer dabei garantieren, ist unterschiedlich. Marktpionier Axa, der im Oktober 2006 das Variable-Annuity-Produkt Twin Star auf den Markt brachte, sichert dem Kunden schon zu Vertragsbeginn eine bestimmte Mindestrente (Guaranteed Minimum Income Benefits) zu. Die Betonung bei diesem Produkt liegt auf „Rente“, denn nur sie ist garantiert. Wählt der Kunde zum Stichtag die Kapitalauszahlung seines Vermögens, ist die Absicherung futsch. Auch Swiss Life bietet seit Oktober die garantierte Mindestrente an. Anders ist das bei der Variante der garantierten Ablaufleistung (Guaranteed Minimum Accumulation Benefits), wie sie Friends Provident und die Ergo-Tochter Vorsorge seit diesem Jahr offerieren. Dabei werden die Sparbeiträge des Kunden mit einem bestimmten Satz verzinst. Beim Tarif Global Top Return der Vorsorge sind es mindestens 3 Prozent pro Jahr, das sind deutlich mehr als die 2,25 Prozent, die derzeit am Markt üblich sind. Allianz mit neuer Variante Allianz startete mit Invest4Life Ende Juli eine weitere Ausführung der Variable Annuities, die garantierte Entnahmeleistung (Guaranteed Minimum Withdrawal Benefits). Gegen einen Einmalbeitrag von mindestens 10.000 Euro investiert der Kunde in einen von zwei Fonds der Konzerntochter Allianz Global Investors. Aus diesem Fonds erhält der Versicherte eine garantierte lebenslange Rente, die nicht fallen, aber je nach Wertentwicklung des Fonds steigen kann. Er kann zwischenzeitlich auch auf sein Fondsguthaben zugreifen, dann sinkt allerdings die garantierte Entnahmehöhe. Egal, für welche Police sich der Kunde letztendlich entscheidet, allen Produkten gemein ist, wie die Absicherung funktioniert. Wissen über Kunden zahlt sich aus Die Versicherten zahlen eine feste Gebühr, etwa einen bestimmten Prozentsatz des Beitrags oder des Fondsguthabens, an ihren Anbieter. Damit decken sich die Assekuranzen am Kapitalmarkt mit Futures, Optionen oder Swaps ein. Diese Instrumente müssen sich genau spiegelbildlich zum Kundenkonto entwickeln. Sinken die Fondskurse, muss der Wert der Derivate zulegen. Der Vorteil der Versicherer bei diesem Hedging: Sie haben Erfahrungen mit dem
Stornoverhalten ihrer Kunden. Ein Beispiel: 100.000 Versicherte kaufen eine bestimmte Police, 40.000 davon stornieren ihren Vertrag vorzeitig, 10.000 sterben vor Vertragsende. Weil der Versicherer das annehmen kann, muss er nur in Sicherungspapiere für 50.000 Kunden investieren. Die Garantie kann er im Gegensatz zu seinen Kapitalmarkt-Konkurrenten tendenziell also günstiger darstellen. Zu komplex für viele Anbieter Allerdings ist das Hedging komplex. „Das beherrschen nur wenige Spezialisten“, sagt Mark Ortmann, Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Transparenz in der Altersvorsorge (ITA). Das dürfte auch ein Grund dafür sein, weshalb sich Variable Annuities bisher noch nicht derart im Markt verbreitet haben wie die dynamischen Hybridmodelle. Bei dieser Produktvariante können die Versicherer die Details der Garantieleistung etwa an Fondsgesellschaften abgeben.

Über ein Dutzend Anbieter haben diese Produkte heute im Programm, darunter Nürnberger, Heidelberger Leben, Victoria, Signal Iduna, HDI-Gerling, Hamburg-Mannheimer oder die Lebensversicherung von 1871. Bei den Hybridmodellen sichern die Assekuranzen ihren Kunden in der Regel den Erhalt ihrer Beiträge zu, in welcher Höhe, kann der Kunde meist selbst bestimmen. Hybride Policen liegen zwischen dem Extrem der Fondspolice ohne Garantien, bei der der Kunde das volle Kapitalanlagerisiko selbst trägt, und dem Extrem der klassischen Renten- oder Kapitallebensversicherungen ohne Fondsinvestment. Einfachste Variante ist das klassische Hybridmodell, das die Volksfürsorge 1999 in den deutschen Markt einführte. >> Grafik vergrößern Dabei teilt der Versicherer den Sparbeitrag des Kunden auf zwei Töpfe – Deckungsstock und Fonds – auf. „Für die Beitragsgarantie sorgt allein der konventionelle Deckungsstock“, erklärt Alexander Kling vom Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften (Ifa) in Ulm. „Und das selbst dann, wenn der Fondswert einen Totalverlust erleiden sollte.“ Das klingt zunächst einmal gut. Im Ergebnis führt das Prinzip aber dazu, dass nur ein geringer Anteil des Kundengeldes tatsächlich in den Renditetopf Fonds fließt. „Gerade bei kurzen Vertragslaufzeiten etwa von zwölf Jahren gehen oftmals nur rund 10 Prozent des Geldes in Fonds“, kritisiert Kling. Und: Die Aufteilung des Beitrags ist fest und ändert sich nicht, egal, wie sich der Kapitalmarkt in der Zwischenzeit entwickelt. Dass das nicht gerade zu einer bombigen Performance dieser Policen beiträgt, liegt auf der Hand. 2002 brachte Skandia in Zusammenarbeit mit Société Générale eine verbesserte Variante heraus, das teildynamische Hybridmodell. Bekanntes Beispiel für dieses Konzept ist auch das Flexpension-System des Fondsanbieters DWS, das in zahlreichen Versicherungsverträgen vertreten ist. Rund 2 Milliarden Euro sind über Policen in die Flex-Pension-Fonds investiert. Wesentliche Neuerung dieses Sicherheits- Updates: Statt normaler Investmentfonds werden Garantiefonds in die Police eingebaut. Weil diese Fonds in sich schon eine Garantie bieten, kann ein größerer Teil des Kundenbeitrags und -vermögens in den Fondstopf wandern. Im Schnitt sind es 50 Prozent. Außerdem ist die Verteilung nicht mehr starr: Boomen die Märkte, steckt der Versicherer mehr Guthaben in den Fonds, gehen die Kurse auf Talfahrt, wandert mehr in den Deckungsstock. Einmal in Renten, immer in Renten Mängel hat aber auch diese Variante. Schuld daran ist die Art, wie die Fondsmanager ihre Garantie sichern. Je nach Marktentwicklung schichten sie zwischen renditestarken und risikoarmen Anlagen um. „Wenn der Aktienanteil im Garantiefonds starke Kurseinbrüche erleidet, müssen die Manager das Vermögen komplett in Rentenpapiere investieren, um die Garantie noch gewährleisten zu können“, erklärt Kling das sogenannte Monetarisierungs- oder Cash-Lock-Risiko. Das Bedenkliche daran: Einmal voll in Renten investiert, kann das Fondsvermögen nur in Renten bleiben. Macht der Manager einen erneuten Ausflug an die Aktienmärkte und wird von fallenden Kursen überrascht, wäre die Garantie nicht mehr gedeckt. Diese Situation kann drei Monate vor Vertragsschluss passieren, sie kann aber auch zehn Jahre vor diesem Stichtag eintreten. Pech gehabt, heißt es dann wohl. Mit dem Zeitalter der dynamischen Hybridmodelle, das HDI-Gerling 2006 mit Two Trust einläutete, besteht das Cash-Lock-Risiko nur noch für einen Monat. Denn einmal im Monat prüft der Versicherer bei diesen Produkten – übrigens für jeden Versicherten individuell – die Aufteilung in sichere und renditeträchtige Anlagen je nach Restlaufzeit des Vertrags, Risikobereitschaft des Kunden oder Entwicklung der Märkte. Neu ist auch die Einführung eines dritten Topfes. Neben Deckungsstock und Wertsicherungsfonds kann ein Teil des Vermögens bei gut laufenden Märkten auch in frei wählbare Fonds gehen „für die individuelle Note“, so Lüder Mehren. „Der Motor des Produkts ist aber der Wertsicherungsfonds“, sagt der HDI-Gerling-Vorstand. Bei den Kölnern stehen zwei passiv gemanagte Produkte der Société Générale zur Wahl. Der Lyxor Evo Fund bildet den Euro Stoxx 50 Index nach, der Lyxor Evo Fund World den MSCI Weltindex. Die Garantie dieser Fonds ist schwach, denn sie sagt nur aus, dass der Fondswert innerhalb eines Monats um nicht mehr als 20 Prozent sinken kann. Läuft es wirklich längere Zeit schlecht an den Märkten, ist eine solche Garantie an sich nicht viel wert. Für diese Fälle steht aber der Rettungsanker bereit, dann wird in den Deckungsstock umgeschichtet. Weniger Garantie, mehr Aktien „Diese schwachen Garantien im Fonds haben den Vorteil, dass er ein höheres
Renditepotenzial hat, weil der Manager viel mehr in Aktien investieren kann“,
erklärt Ifa-Experte Kling das System. Entsprechende Simulationen des Instituts haben durchschnittliche Aktienquoten von 95 Prozent gezeigt. Nach oben hin ist also wesentlich mehr drin, als bei den Vorgängermodellen. >> Grafik vergrößern Ein Nachteil dieser Produkte ist Experten zufolge ihre hohe Komplexität. Die Anforderungen an Berater sind sehr viel höher als bei klassischen Produkten. Das fängt beim Verstehen des Sicherungsmechanismus an und setzt sich beim Durchschauen der Kosten fort, die bei diesen Produkten auf mehreren Ebenen anfallen. Gerade Letzteres ist aber besonders wichtig, weiß Mark Ortmann. „Immer wenn es heißt ‚hohe Garantien bei gleichzeitig hoher Rendite‘ muss besonders auf die Kosten geachtet werden“, so der ITA-Mann. Denn: „Fressen die Gebühren die höhere Renditeerwartung auf, kann auch gleich ein konservativeres Produkt ohne Risiko gewählt werden.“ Und das gelte sowohl für die dynamischen Hybride als auch für Variable Annuities – eine perfekte Beziehung zwischen Garantie und Rendite schaffen eben auch diese Produkte nicht.
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