In Kürze

  • Die Aussichten für Aktien bleiben positiv, besonders in Japan und ausgewählten Schwellenländern. Die Rally seit April mahnt jedoch zur Vorsicht. Wir bevorzugen Aktien gegenüber Unternehmensanleihen, deren Renditeaufschläge niedrig bleiben.
  • Hohe KI-Investitionen stützen die Märkte und fördern zusätzlich Themen wie steigenden Energiebedarf und den Ausbau der Stromnetze.
  • Rohstoffe erhalten Rückenwind von geopolitischen Spannungen und dem KI-Boom. Energienahe Rohstoffe können Portfolios stabilisieren, wenn Anleihen oder Gold weniger verlässlich wirken.
Henk-Jan Rikkerink, Leiter des
Multi Asset-Teams bei Fidelity International

Die Märkte haben ein wechselhaftes erstes Halbjahr erstaunlich gut verkraftet. Der anhaltende Konflikt im Nahen Osten zeigt aber, dass geopolitische Risiken die Anleger weiter begleiten werden. Gleichzeitig gibt es auch stützende Faktoren: solide Fundamentaldaten, starke Unternehmensgewinne und der Investitionsschub rund um das Thema künstliche Intelligenz.

Für die zweite Jahreshälfte 2026 stellt sich damit vor allem eine Frage: Wo finden Anleger Stabilität, wenn klassische sichere Häfen weniger verlässlich wirken und Diversifikation schwieriger geworden ist?

Energiemarkt: Entspannung ohne Entwarnung

Der wichtigste makroökonomische Faktor für die kommenden Monate ist der Schock an den Energiemärkten, ausgelöst durch die Schließung der Straße von Hormus. Unser Basisszenario geht eher von einer schrittweisen Entspannung aus als von einer schnellen Lösung des Konflikts. Höhere Inflation und eine straffere Geldpolitik dürften das Wachstum in vielen Regionen bremsen. Gleichzeitig dürfte an den Energiemärkten eine geopolitische Risikoprämie bestehen bleiben. Selbst wenn die USA und Iran eine Einigung finden sollten, wird Geopolitik ein zentrales Thema bleiben.

Welche Länder zu den Gewinnern oder Verlierern zählen, dürfte sich daran zeigen, wie gut die einzelnen Volkswirtschaften mit höheren Energiepreisen umgehen können.

Grafik 1: Globaler Wirtschaftsausblick: Basisszenarien nach Wirtschaftsregion

Quelle: Fidelity International, Mai 2026

Teile Asiens dürften den Preisdruck besonders stark spüren, da viele Länder der Region in hohem Maß auf Lieferungen durch die Straße von Hormus angewiesen sind. Mehr zu unserer Einschätzung und den Folgen für Anleger lesen Sie in unserem Asien-Ausblick.

Auch Europa ist vergleichsweise stark betroffen. Nach unserer Einschätzung ist die Europäische Zentralbank unter den großen Notenbanken am ehesten bereit, die Zinsen in diesem Jahr anzuheben, falls höhere Energiepreise und ihre Folgewirkungen das nötig machen. Gleichzeitig gerät das Wachstum in Europa unter Druck, weil steigende Energiepreise die Kaufkraft schmälern und das Vertrauen von Verbrauchern und Unternehmen belasten.

Die USA dürften sich gegenüber dem Energieschock robuster zeigen, weil sie weniger stark von Energieimporten abhängen. Gleichzeitig stützt der Investitionszyklus rund um künstliche Intelligenz weiter die Wirtschaft, stärkt die Unternehmensbilanzen und treibt die Gewinnentwicklung an.

Allerdings zeigen sich auch in den USA erste direkte Folgen des Energieschocks in der Gesamtinflation. Bleiben die Energiekosten dauerhaft hoch, könnten sich Inflationserwartungen und das Preissetzungsverhalten der Unternehmen verändern. Sollte der Konflikt erneut eskalieren, könnten die Märkte weitere Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed einpreisen. Auch am Private-Credit-Markt bestehen Risiken, auf die wir weiter unten eingehen.

Vor diesem Hintergrund bleibt der Spielraum der Fed für Zinssenkungen in diesem Jahr begrenzt. Da die Inflation weiterhin über dem Ziel liegt, dürften die Währungshüter vorsichtig bleiben.

Solide Basis für Risikoanlagen

Trotz geopolitisch bedingter Schwankungen werden die Märkte weiter von soliden Fundamentaldaten getragen. Besonders wichtig ist dabei: Die großen US-Technologiekonzerne investieren weiterhin Milliarden in künstliche Intelligenz und stützen damit das Gewinnwachstum. Davon profitieren nicht nur Tech-Unternehmen, sondern auch Industrieunternehmen, die Rechenzentren bauen oder den steigenden Energiebedarf möglich machen.

Grafik 2: Big Tech setzt noch stärker auf KI

Quellen: Fidelity International, Bloomberg. Stand: Mai 2026

Auch immer mehr US-Unternehmen außerhalb des Technologiesektors spüren die positiven Effekte dieser KI-getriebenen Investitionen. Sie stützen die Gewinne und können die Produktivität erhöhen. Dadurch entstehen auch jenseits der großen, hoch bewerteten Technologiewerte interessante Chancen.