Ölplattform vor Schottland: In der Corona-Krise dienen auch Tanker als Lager. Foto: Imago Images / Westend61

Portfoliomanager über Ölmarkt

Die Lage entspannt sich

Minus 40 Dollar! Wer am 20. April 2020 ein Barrel (159 Liter) Rohöl der Sorte WTI verkaufen wollte, musste zeitweise noch Geld drauflegen, anstatt einen Verkaufserlös dafür zu erhalten. Geringe Nachfrage, volle Lager und ein Verfallsdatum am Terminmarkt hatten zusammen für diese verrückte Situation gesorgt. Der Handel wurde vorübergehend ausgesetzt. Inzwischen notiert der Kurs bei rund 38 US-Dollar.

Der Kurseinbruch am 20. April 2020 kam überraschend und heftig. Innerhalb weniger Sekunden gab der Preis für Öl der Sorte WTI über 30 Prozent nach und rutschte in einer extremen Übertreibung sogar ins Negative.

Die Gründe für diese enormen Verwerfungen sind vielschichtig. Die Welt bewegt sich im Corona-Modus. Viele Volkswirtschaften erlebten den Lockdown und damit einhergehend noch nie da gewesene wirtschaftliche und gesellschaftliche Einschränkungen. Weltweit stehen viele Fabriken, Autos, Flugzeuge usw. still. In den USA ist die Nachfrage nach Kerosin um knapp 80 Prozent zurückgegangen. Apples Bewegungsprofilen zufolge sind nicht einmal halb so viele Amerikaner wie vor der Pandemie mit dem Auto in den USA unterwegs. Dadurch werden sehr viel weniger Öl und dessen Destillate wie Benzin und Kerosin nachgefragt.

Zusätzlich, und das war der zweite Schock für den Ölmarkt, konnten sich die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) und Russland nicht auf eine gemeinsame Fördermengenbegrenzung einigen. Dieses Opec+ genannte Kartell hatte sich zur Preisstabilisierung in den vergangenen Jahren immer über eine maximale Ölproduktion verständigt.

Um auf die reduzierte Nachfrage durch die Corona-Krise zu reagieren, sollte eine neue Höchstfördermenge bestimmt werden. Da waren die Ölpreise aufgrund des Lockdowns in China bereits deutlich gen Süden gerutscht. Russland erachtete die Preissituation allerdings als angemessen und wollte keinen reduzierten Förderquoten zustimmen. Durch diese Entscheidung sackte der Preis je Barrel nochmals um rund 30 Prozent ab.

Aktuell erwartet die Opec im laufenden Jahr eine durchschnittliche Nachfrage von 90 Millionen Barrel Rohöl pro Tag. Das sind zehn Prozent weniger als der Durchschnitt im Jahr 2019. Da der technische Aufwand für eine Stilllegung von Produktionsstätten immens ist, läuft die Erdölförderung fast unvermindert weiter.

Bei älteren Ölfeldern bestünde sogar die Gefahr, dass die Förderung abreißt, also nicht mehr wieder aufgenommen werden könnte. Einfacher wäre es für die Fracking-Industrie, die Fördermengen zu kürzen. Hier wird aber auch fast unvermindert weiterproduziert. Die relativ jungen Unternehmen sind überwiegend hochverschuldet und müssen weiter Einnahmen erzielen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. 

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